Nervös der
Meridian.
Gedichte von Robert
Schindel (2003, Suhrkamp).
Besprechung aus Clemens
Berger, 2003:
"Als ich Lächeln konnte, war ich außer Gefahr"
Robert Schindel schreibt in und mit der Sprache
fürs Leben. "Wer aber keine Heimat mehr hat, dem wird wohl gar das
Schreiben zum Wohnen" heißt es in Adornos Minima Moralia. Schindels
Wortheimat ist Wien, aber ein anderes: das widersetzliche, plebejische,
jiddische, sprachverliebte, exzentrische, das noch in der Peripherie
kosmopolitische Wien, das Weltstadt ist, wo in der Erinnerung die großen
Dichter und Künstlerinnen leben - das aber nie wirklich existierte. Aus dieser
Wortheimat zieht er das Schillernde seines unverwechselbaren Ausdrucks wie den
wütenden und oder traurigen Schmerz der Verluste. In Vineta 2 im Gedichtband
Ein Feuerchen im Hintennach steht: "Vom Hörensagen kenne ich den echten
Judenscherz/ Und mit der Zahnbürste spür ich des echten Wiener Herz/ In Wien
kenn ich dir jeden Stein und jeden Stern/ Lebe in dieser Stadt so mittelgern"
In Schindels Gedichten besorgt sich der Dichter um die Welt innen und die
ringsum. Die große Welt indes ist seltsam un/bekannt: "Durch die
verspiegelte Abraumhalde/ Siehst du sie live." Mit zwei Sätzen sagt
Schindel, was Kommunikationstheorien in ganze Bücher packen. Der mediale Abraum
führt in die Tiefe, zur Halde, in der Gebeine liegen, Müll und Elend,
gebrochene Versprechen und verschüttete Utopien: verspiegelt aber. Im Spiegel
sieht man sich selbst, und es gibt Herrschaft, die verspiegelt, Bilder
kontrolliert und manipuliert.
Nervös der Meridian ist Schindels sechster Gedichtband. Wer will, kann eine
hochsensible subjektive Chronik von 1986-2003 lesen, in der sich Historie und
Politik spiegeln - und das, was sich beiden in seinem bloßen Sosein widersetzt:
Das Leben, das leben will, wird im Pochen auf Unversehrtheit und Glück in
Zeiten der falschen Globalisierung selbst politisch: das ist Schindels Poesie,
eine Sprache der Liebe, des Begehrens und der Aufmüpfigkeit. In Kalte Tage 3
(Wolken) lesen wir: "Wolken knurren auf/ Meinesgleichen herab// Das sind
Wolken, bloß/ Aschenverzaubertes Kondenswasser" Da hebt eine Leichtigkeit
an - wer die Bedeutung der Wolke in Schindels Gedichten kennt, wird freilich die
Rauchwolken der Vernichtungslager mitdenken.
Leseprobe I Buchbestellung 1003 LYRIKwelt © Clemens Berger