Nemesis von Philip Roth, 2011, Hanser1.) - 2).

Nemesis.
Roman von Philip Roth,
(2011, Hanser - Übertragung Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 28.1.2011:

Neuer Philip Roth: Die dumme Warum-Frage
Noch eine Woche, dann erscheint Philip Roths neuer Roman "Nemesis", und ein lieber, guter Kerl wird Gott für einen Verbrecher halten.

Und wenn eine Epidemie ausbricht und Menschen - von wem? - ausgewählt werden, um tot umzufallen oder verkrüppelt zu bleiben - was soll man da machen?
Man sollte vorher Liebesbriefe geschrieben haben.
Viele Liebesbriefe.
Das sagt uns Philip Roth' 31. Buch "Nemesis" . Und ungewohnt laut (aber nicht unangenehm) ruft uns der bald 78-jährige Amerikaner zu: Es ist dumm, immer nach dem Warum zu fragen! Nicht alles hat einen Grund!
Nicht immer gibt es einen Schuldigen!

Ein Lied geht durch den Roman: "I'll be seeing you" wurde besonders während des Zweiten Weltkriegs von US-Soldaten geliebt.
Bucky ist im Sommer 1944 nicht im Krieg. Zwar ist Roths 23-jähriger Held ein Modellathlet, Turmspringer und Gewichtheber, aber er ist schwer kurzsichtig.
Dass Bucky nicht kämpfen darf, steht am Beginn seiner Verzweiflung. Die wird später so gewaltig, dass man im Nachhinein der Tragik in den vorangegangenen Kurzromanen "Jedermann", "Empörung" und "Die Demütigung" nahezu Komödiantisches abgewinnen kann.
Als Sportlehrer betreut er in den Ferien die Buben im jüdischen Viertel von Newark (New Jersey), und eine Epidemie bricht in der Stadt aus. Kinderlähmung. Impfstoff gab es damals noch keinen.

Verantwortung

So sehr kann sich der liebe, gute Bucky gar nicht aufopfern: In seinem Umkreis werden besonders viele Kinder krank. Bucky glaubt an Gott; aber beginnt sich zu fragen: Wieso musste ausgerechnet Herbert in die Eisernen Lunge? Warum ist Herbie tot und nicht er ? Wo ist Gottes Verantwortung?
Höchst ungern, doch seiner Verlobten zuliebe "haut er ab" und
zieht sich als Bademeister auf ein Feriencamp in den sicher scheinenden Wald zurück. Kaum ist er dort, gibt's im Lager den ersten Polio-Fall. Der zweite trifft ihn selbst. Er überlebt, schwer behindert.
Sport unterrichtete er nie mehr. Die Liebe verschmähte er. Die Verlobte warf er aus seinem Spitalszimmer: Sie habe "Besseres" verdient.

Verwirrung

In der fiktiven Geschichte (diese Epidemie gab es nicht) ist kein Platz für Sex und Windelhosen. Sie ist untypisch für Philip Roth. Sie ist in ihrer Schlichtheit grandios.
Eine einzige Raffinesse leistet er sich: Erzählt wird, wie man erst gegen Ende erfährt, 30 Jahre später - und zwar von einem ebenfalls mit Lähmungen und Beinschienen alt gewordenen Buben vom Sportplatz.
Ihm gegenüber öffnet sich Bucky in den 1970er-Jahren. Ein moderner, unversöhnlicher Hiob ist er geworden. Gott gibt es zwar noch für ihn, aber er hält ihn für einen Verbrecher, für einen Perversen "mit einem bösartigen Genie".
Und sich selbst hält er für Gottes Helfer, der die Krankheit übertragen hat. Doppelte Verantwortung. Viren lässt er nicht gelten. Ein Märtyrer, der einen tiefen Grund suchte und dabei verrückt wurde.
Philip Roth wird zwar bestimmt nicht gelacht haben über Buckys Hölle.
Aber Gemeinsamkeiten hat er keine mit seiner neuesten Figur (außer das jüdische Newark, wo Roth geboren wurde und zur Schule ging).
Der Schriftsteller glaubt nicht an Gott. Sondern an den Zufall. Und schreibt und schreibt und schreibt, um die Unordnungen des Lebens ertragen zu können.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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Nemesis von Philip Roth, 2011, Hanser2.)

Nemesis.
Roman von Philip Roth,
(2011, Hanser - Übertragung Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Steffen Radlmaier aus den Nürnberger Nachrichten vom 6.2.2011:

„Nemesis“: Philip Roths neuer Roman
Epidemie zerstört die Ferienlager-Idylle

Mit „Nemesis“ schließt der amerikanische Schriftsteller Philip Roth (77) eine Roman-Tetralogie ab, die sich mit dem Tod und der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz auseinandersetzt.

Jedes Jahr taucht sein Name auf der Liste der Kandidaten für den Literatur-Nobelpreis auf. Ebenso regelmäßig veröffentlicht er neue Bücher. Nach dem Tod von John Updike, Arthur Miller und Norman Mailer ist Philip Roth der große alte Mann der US-Literatur. Und fast schon reflexartig preisen die Kritiker seine literarische Meisterschaft. Tatsächlich schreibt Philip Roth scheinbar einfache, packende Prosa, die sich immer wieder um die großen Themen Liebe, Sex, Krankheit und Tod dreht. Auch mit seinen jüdischen Wurzeln beschäftigt sich der bekennende Atheist seit je. Insofern ist sich Philip Roth auch mit „Nemesis“ treu geblieben.

Allerdings ist der letzte der vier Kurzromane – nach „Jedermann“, „Empörung“ und „Die Demütigung“ – auch der schwächste in diesem Quartett. Von der gewohnten literarischen Hochform ist Roth streckenweise weit entfernt, die Romankonstruktion überzeugt ebenso wenig wie der Inhalt. Die deutsche Übersetzung liest sich außerdem ziemlich zäh.

Der Titel „Nemesis“ bezieht sich auf die gleichnamige Rachegöttin der Antike. Hier treibt sie sogar im Jahre 1944 in der jüdischen Gemeinde von Newark noch ihr Unwesen. Zumindest in der verbohrten Vorstellung von Bucky Cantor. Die sportliche, aber leider schwachsichtige Hauptfigur, wird schuldlos schuldig und hadert mit Gott, der so viel sinnloses Leid auf der Welt zulässt. Jedenfalls fühlt sich Bucky immer persönlich betroffen und für alles verantwortlich. Sein übertriebenes Pflichtgefühl, aus religiösem Eifer genährt, wird ihm schließlich zum Verhängnis und macht ihn zu einer tragischen Figur.

Ein Unglücksrabe

Bucky ist von klein auf ein Unglücksrabe: Seine Mutter stirbt bei der Geburt, sein krimineller Vater setzt sich ab, der Junge kommt in die Obhut seiner liebevollen Großeltern. Wegen seiner schlechten Augen wird Bucky später im Gegensatz zu seinen gleichaltrigen Freunden nicht zur US-Army eingezogen, die in Europa gegen Hitlers Soldaten kämpft. Neben dem fernen Grollen des Zweiten Weltkriegs droht aber noch eine zweite tödliche Gefahr in der nächsten Umgebung: Eine Polio-Epidemie ungeahnten Ausmaßes rafft in dem brütend heißen Sommer vor allem Kinder und Jugendliche dahin.

Dieses Motiv erinnert stark an den berühmten, 1947 veröffentlichten Roman „Die Pest“ von Albert Camus, der ebenfalls eine tödliche Seuche vor dem Hintergrund eines Krieges erfand und damit die Absurdität des Daseins und die Revolte gegen die Sinnlosigkeit thematisierte. Ärzte spielen in „Nemesis“ allerdings nur Nebenrollen, Roth konzentriert sich auf den pflichtbewussten Sportlehrer Bucky, der in den Sommerferien Kinder betreut. Als sich die Seuche in Newark ausweitet, lässt er seine Schützlinge trotz Gewissensbissen in Stich und fährt zu seiner Verlobten in ein idyllisch gelegenes Ferienlager. Am Rande eines Sees passen die beiden auf Kinder aus begüterten Familien auf.

Doch auch im Ferienparadies ist man nicht sicher: Die Kinderlähmung, über deren Übertragung man damals nichts weiß, fordert auch hier ihre Opfer. Für Bucky ist die Sache klar: Offensichtlich hat er selbst die Krankheit eingeschleppt. Von Schuldgefühlen zermartert, erkrankt er schließlich auch noch selbst an Polio.

Erst sehr spät führt Philip Roth einen Ich-Erzähler ein, dessen Sichtweise dem Roman noch einmal eine überraschende Wendung gibt. Dieser ebenfalls polioerkrankte Arnie begegnet Jahrzehnte später dem verbitterten, verkrüppelten Bucky wieder, der seine Liebe und sein Leben aus religiöser Hybris geopfert hat. Arnie erklärt dem Leser, der doch wohl längst alles begriffen hat, überflüssigerweise, warum Bucky wie ein moderner Hiob Gott wegen all der Tragödien anklagt.

Philip Roth aber hätte besser daran getan, seinen Stoff zu einer Kurzgeschichte zu verdichten als zu einem Kurzroman auszuwälzen.

Die komplette Besprechung mit Abb. von Steffen Radlmaier finden Sie in den Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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