Nekropolis.
Roman von Boris Pahor (2001, Berlin-Verlag).
Besprechung von Jörg Plath aus der Frankfurter Rundschau, 4.8.2001:

Mann der gequälten Menge
Von verdrängter und wiederkehrender Erinnerung: Boris Pahors "Nekropolis"

Der Transportzug steht seit Tagen auf dem Gleis. Unter den Waggons lehnen an Ruhr erkrankte, gelbe Skelette ihren Kopf an die Bohlen und entleeren sich. Ein Krankenpfleger schneidet einem KZ-Mithäftling eine Eiterbeule auf und verbindet die Wunde. Vom Nebengleis blickt ein junger, schöner SS-Unteroffizier anerkennend herüber. Als Reis ausgeteilt wird, geht er hinüber zu dem Waggon, der als Krankenhaus dient, und reicht einen Pappnapf Reis hinein für den, der die Eiterbeule aufschnitt.

Der Krankenpfleger liegt teilnahmslos in einer Ecke. Ihn friert, er hustet, und seit er hustet, ist der Hunger verschwunden. Ob der junge, schöne Siegfried glaubt, sich so einfach freikaufen zu können? Widerwillig nimmt der KZ-Häftling den Pappnapf entgegen. Der Reisgeruch weckt seinen Ekel, nur die Wärme kommt ihm bekannt vor. "Ich schloss die Augen und versuchte mit all meiner Kraft die Erinnerung zu zwingen, mir zu Hilfe zu kommen."

Die Erinnerung, die die "trügerische Erscheinung" des Napfes begreifen helfen soll, ist um des Überlebens willen verdrängt worden. Es ist die Erinnerung an die Existenz außerhalb des Lagers. Mehr als 20 Jahre später steht dem Entkommenen diese Szene vor Augen, als ob keine Zeit vergangen sei. Von verdrängter und sich aufdrängender Erinnerung erzählt Boris Pahor in Nekropolis, von einem Besuch im ehemaligen KZ Natzweiler / Struthof Mitte der 60er Jahre, der Erinnerung an Lagerqualen in Dachau, Natzweiler / Struthof, Harzungen bei Dora und Bergen-Belsen wachruft. Der Gang über das Lagergelände führt in ein Gedächtnis, in dem die Vergangenheit unverändert zu ruhen scheint.

Boris Pahor wurde im Januar 1944 in Triest verhaftet, gefoltert und deportiert. Der Slowene wusste ebenso wie Jean Améry, dass im Reich der SS nur derjenige existieren kann, der jeden Gedanken an die Welt außerhalb des KZ verworfen hat. Dank seiner Sprachkenntnisse wurde er Krankenpfleger, und in der Hingabe an die dahinsiechenden Kameraden, denen er mit einem weißen Pulver, Kohletabletten und zuweilen Sulfonamiden nur Trost, keine Heilung bieten konnte, fand er Vergessen.

Wie eine Filmkamera, heißt es mehrere Male in Nekropolis, habe er die Ereignisse um sich herum wahrgenommen. Das ist auch ein Reflex auf den nouveau roman, der damals en vogue war und mit dem der Schriftsteller, Publizist und Herausgeber der Zeitschrift Zaliv natürlich vertraut ist. Doch die Metapher der Kamera, deren ältere Filmspulen aus der Zeit vor dem Lager gelöscht sind, beschreibt den Stil Pahors recht gut: die weitgehende Beschränkung auf das, was er damals wissen konnte, die ernüchternde Sachlichkeit, die raschen Schwenks und die abrupten Schnitte, mit denen alle Lager in einem Platz finden.

Pahor erzählt unvergessliche Geschichten, in denen von ihm nur knapp die Rede ist. Er ist der Mann der Menge, die sämtlich pergamentene Haut über knöcheldicken Oberschenkeln trägt und nicht mehr denkt, weil Hunger und Ruhr im Körper wüten. Mit der Menge lebt er in dem "Gefühl der Geborgenheit, das von der Vertrautheit mit dem Verrecken kam", und er erwacht mit ihr zu stumpfer Scham, als eines Nachts einhundert elsässische Widerstandskämpfer, darunter junge Frauen, umgebracht werden.

Nekropolis ist den Manen gewidmet, den guten Seelen der Verstorbenen. Pahor erzählt von seinem Freund Tola, von Tomaz, von Mladen und von Ivo, dem er vor der Verbrennung mit großer Mühe die hohlen Wangen rasiert. Von Franz, der mit einem Frack durch das Lager spaziert und von einem SS-Mann getreten wird. Von einem kleinen Tschechen, der bei einem der zahllosen, überhasteten Transporte als einer der ersten auf den LKW geworfen wird. Zum Widerstand fehlt dem Krankenpfleger die Kraft. Dass Gefangenenorganisationen zuweilen einen Genossen gegen einen Toten aus der Krankenbaracke austauschen und retten, ist bei Jorge Semprun und anderen zu lesen. Pahor hat von solchen Aktionen nichts bemerkt, sondern erst nach der Befreiung erstaunt von ihnen erfahren.

Gegen die beklemmenden, dichten Lagerschilderungen fällt der erzählerische Rahmen von Nekropolis, der Besuch des Lagers Natzweiler / Struthof, deutlich ab. "Auf der krustenartigen Haut, welche die Rippen umhüllt, malt das Licht der Glühbirne über der Eingangstür unruhige Reflexe, während der kalte Wind mit seinen Fingern auf der Harfe der Menschenbrust ein leises Requiem spielt, das die Zähne der Wölfe unaufhörlich zerreißen." Besonders unpassend ist zudem, dass die Übersetzung die Slowenen mit dem nationalsozialistischen Begriff der "Volksgemeinschaft" bezeichnet.

Doch je stärker sich der Erinnerungsraum öffnet, zu desto größerer Gestaltungssicherheit findet Pahor. Grauen ist weder sachlich noch pathetisch, es muss erzählt werden. Das erschüttert freilich Pahors Behauptung, es gebe ein Gedächtnis, in dem die "Traumbilder" "die ganze Nachkriegszeit hindurch unberührt im Schatten meines Bewusstseins geruht" haben, um dann nach oben zu drängen. Vielleicht ist der unberührte Gedächtnisspeicher als Metapher zu verstehen, eine Metapher für das Schweigen über die Lager in den ersten Nachkriegsjahrzehnten auch in Slowenien.

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