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Nebenan
ein Mädchen.
Roman von Stefan Kiesbye (2008,
J. Seeling Verlag).
Besprechung von Guido Rohm in
Glanz und Elend,
Januar 2009:
Ansichten eines Masochisten
Guido Rohm über Stefan Kiesbyes Roman »Nebenan ein Mädchen«
Ich erinnere mich an eine Sendung des »Literarischen
Quartetts«, in der Marcel Reich-Ranicki sich über Romane erregte, die aus der
kindlichen Perspektive erzählen. Zu oft würden die Autoren ihre sprachlichen
Schwächen hinter dem Kindergesicht verbergen. Da kam kaum etwas gut weg. Auch
Hesses »Unterm Rad« fiel eher durch. Aber
Hesse hatte es ja eh nie leicht bei Herrn
Reich-Ranicki. Das wäre ein Autor für die Pubertierenden. Da kann ich mich
nur anschließen. Aber darum soll es hier nicht gehen.
Hier soll es um einen Roman gehen, der aus der kindlichen Perspektive
geschrieben ist und auf ganzer Länge funktioniert. Es gibt solche Romane eben
doch. Basta, Herr Reich-Ranicki.
Moritz ist Mitglied der
Dachse. Die liegen im Dauerkrieg mit den Füchsen. Zeitlich befinden wir uns
irgendwo in den 1970ern. Die Kinder sind hier keine Kinder mehr. Die Erwachsenen
scheinen noch nie erwachsen gewesen zu sein. Die Luft ist erfüllt von einer
unausgesprochenen Melange aus Sex und Gewalt. Jeder schnuppert sie. Jeder atmet
sie. Keiner will ohne sie leben. Kein Wunder also, das die Jungs auch hin und
wieder mal gerne in einem Buch vom Marquis de Sades blättern. Vorbilder gibt es
halt immer. Und gerade in der Pubertät sucht man nach Vorbildern. Die
Erwachsenen geben leider keine guten ab. Und wenn sie dann mal mit den Kindern
umgehen, speien sie denen wieder nur bekannte Melange in den Mund.
Verrohung ist in diesen Tagen ein großes Thema. Der Roman »Nebenan ein Mädchen«
packt das Thema an. Und noch viele andere.
Die Kapitel sind wie Maschinengewehrfeuer. So tappt man von einem Sodom zu
nächsten. Hätte nie geahnt, dass sich diese Stadt maulwurfshügelartig durch
einen Roman fressen könnte. Irgendwann entdecken Moritz und seine Bande dann bei
einer Toten ein Mädchen. Allzu gut geht es ihr nicht gerade. Warum das so ist
und was sie mit ihr machen, müssen Sie schon selbst nachlesen.
Zwei Stunden sind
vergangen.
Was für ein Buch. Man schlägt es zu, während die Augen noch lange auf einem
Fleck im Zimmer hängen bleiben, ohne ihn zu identifizieren. Man hängt der
Geschichte nach, das eben Gelesene hat einen erschlagen. Bei der »Schachnovelle«
von Zweig ging es mir genau so. Ist aber schon lange her.
Atemlosigkeit ist es, die einen nach Atem schlucken lässt. Man hat die Luft
einfach zu lange angehalten. Da kann man froh sein, nicht einfach tot vom Sofa
gekippt zu sein.
Am liebsten würde man mit jemanden über das Buch sprechen. Geht nicht. Neben der
Atemlosigkeit hat einen auch noch die Sprachlosigkeit gefangen.
Die Filme des Österreichers Michael Haneke haben eine ähnliche Wirkung wie der
Roman des in Los Angeles lebenden Autoren Stefan Kiesbye. Der hatte »Nebenan ein
Mädchen« bereits 2004 in den USA veröffentlicht. Nun liegt uns seine eigene
Übersetzung vor. Und das ist gut so, denn sonst wäre uns ein gewaltig großes
Buch entgangen.
Die unaufgeregte Sprache nimmt einen sofort gefangen. Es ist ein Kinderton und
doch kein Kinderton. Denn Kinder sprechen so nicht.
Moritz ist kein Kind wie wir es kennen wollen. Und doch gibt es diese Kinder. Die Kapitel sind kurz gehalten und tragen knappe Titel. Sie erinnern irgendwie an Schulaufsätze. Die Sätze fallen wie trockener Wüstensand über einen her. Durst bekommt man auch. Einzig die Spannung verwehrt die Frage nach einem Glas Wasser. Die Sachlichkeit, die so sehr den vorgetragenen Grausamkeiten widerspricht, ist es, die einen bei der Stange hält und einen nach fünfzig Seiten mehr als ahnen lässt, hier ein großartiges Kunstwerk in den Händen zu halten.
Es gibt keine emotionalen
Einschübe, keine moralischen Urteile. Es gibt einzig die Gnadenlosigkeit der
Darstellung. Das Buch besteht aus einer puren Oberfläche, die sich schnell als
die Glätte eines Gewehrlaufs herausstellt. Haneke forderte, große Kunst müsse
gefährlich sein. »Nebenan ein Mädchen« ist ein Minengebiet. Die Dinger fliegen
einem im Sekundentakt um die Ohren. Kein Wunder also, wenn man sich »etwas«
erschöpft nach der Lektüre fühlt.
Schön, das ein kleiner Verlag wie der Jens Seeling Verlag sich dieses Romans
angenommen hat. Ich kann ja nicht sagen, welchen Verlagen er sonst noch
angeboten wurde, aber sollten sie existieren, kann ich nur sagen: Idioten! Umso
mehr aber muss man dem Jens Seeling Verlag hohe Verkaufszahlen wünschen. Es muss
doch nicht immer sein, dass sich große Romane erst nach zweihundert Jahren als
große Romane entpuppen. Ich kann nur allen Lesern sagen: Kaufen. Dann seid ihr
ganz nah an großen Kunstwerken der Moderne dran.
So wie die Filme von Haneke, Seidl und Noé sich einem breiten Publikum in den
Weg stellen, so stellt sich Kiesbye uns in den Weg. Er macht es uns nicht
einfach. Und das ist gut so. Deshalb bleibt einem das Buch im Kopf und im Körper
hängen. Gute Bücher müssen Schmerzen verursachen. Dieses lässt einen leidend
aufjaulen. Danke für dieses Martyrium, Herr Kiesbye, wo immer sie in Los Angeles
wohnen mögen. Ich hoffe auf weitere Anschläge. Es verbleibt, der Ihnen sehr
verbundene Masochist Guido Rohm.
Und nun will ich mit den beiden letzten Worten Ihres Romans schließen: Das wär`s.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.glanzundelend.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0209 LYRIKwelt © Glanz und Elend/Guido Rohm
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2.)
Nebenan
ein Mädchen.
Roman von Stefan Kiesbye (2008,
J. Seeling Verlag).
Besprechung von Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau,
3.02.2009:
Der bittere Zuckerberg
Der an der "westdeutschen Ostseeküste" (sein Verlag) geborene Stefan Kiesbye hat vor vier Jahren seinen ersten Roman "Next Door Lived a Girl" in den USA veröffentlicht, wo er seit längerem lebt. In einem fiktionalen norddeutschen Ort namens Wedersen spielt "Nebenan ein Mädchen", der Zweite Weltkrieg ist noch nicht sehr lange vorbei, Jungs vertreiben sich die Zeit mit Bunker-Erkundungen und mit einer Art Bandenkämpfe - die "Füchse" gegen die "Dachse" -, die immer gewalttätiger werden, weil jede Rache mit Rache beantwortet wird. Dicht und prägnant und hart ist dieser Roman, die amerikanischen Kritiker lobten ihn sehr, und eigentlich ist es verwunderlich, dass der Frankfurter Verleger Jens Seeling ihn zufällig entdecken musste, so dass er nun 2008 auf Deutsch erschien - übersetzt vom Autor selbst."Nebenan ein Mädchen" wurde schnell auf die Krimiwelt-Bestenliste gewählt. Dort steht der Roman kein bisschen in der Tradition eines Whodunnit, sondern in der etwa von Andrea Maria Schenkels "Tannöd": Jedes seiner wenigen Worte - es sind nur gut hundert Seiten - vertieft die Dunkelheit, zieht in den Strudel; die Handlung, das merkt man bald, spitzt sich auf ein hässliches Ende zu.
Die Erwachsenen kümmern sich kaum um die Kinder, außer, wenn sie in ihnen mögliche Sexualpartner sehen. Die Kinder und Jugendlichen rotten sich zusammen, weil sie allein noch eher unter die Räder kommen würden. Es gibt einen Laden in Wedersen, in dem, na klar, geklaut wird. Es gibt eine Wurst- und eine Süßwarenfabrik und ein Wohngebiet, das, welche Ironie an diesem bitteren Ort, "Zuckerberg" heißt. Moritz, Erzähler der Geschichte und einer der "Dachse", verdient sich auf einem Schrottplatz ein bisschen Geld.Es riecht nach Penaten-Creme
Am meisten erstaunt vielleicht, dass das, was heute als Verwahrlosung ein großes Thema ist, hier in einer Zeit passiert, als angeblich nur lauter treusorgende Mütter am Herd standen. Es riecht nach Penaten-Creme in "Nebenan ein Mädchen", aber nur, weil Moritz seinem Vater die von der Arbeit müden Beine damit massieren muss.[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0209 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau