Nebbich.
Roman von Adolf
Endler (2005, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau, 1.6.2005:
Bohemien im Arbeiter- und
Bauernstaat
Kaum mehr nachvollziehbare
Bewusstseinslage: Adolf Endler leert seine Schubladen und findet "Nebbich.
Eine deutsche Karriere"
Der Autor, Adolf Endler, eine
Legierung aus Witz und Zivilcourage, proletarischem Habitus und gutbürgerlicher
Bildung, ein Poet zwischen Hilfssheriff und Vogelscheuche, lebte nahezu ein
Leben lang in einer surrealen Situation: nämlich als Bohemien in einem
Arbeiter- und Bauernstaat. 1930 in Düsseldorf geboren, dort aufgewachsen,
siedelte Endler 1955, wie man korrekterweise sagen sollte, aus politischen Gründen
in die DDR über. Bis heute riecht er aus jeder Pore nach dieser deutschen, aber
nie demokratischen Republik. Er ist ein Produkt dieses kleinen Landes. Nur dort
aber wurde man mit dem seltsamen Vogel, der den Genossen so ungebeten zugeflogen
war, nie richtig glücklich.
Warum? Das lässt sich in seinem neuen Buch nicht immer mühelos nachlesen. Der
alte Meister ruft uns noch einmal seine alten Gesellen in Erinnerung, darunter
auch Bubi Blazezak und natürlich Bobbi "Bumke" Bergermann. Den
begnadeten Regenschirmträger des einzigen Literaturnobelpreisträgers der DDR,
will heißen das alter ego seines Autors Adolf Eddi "Pferdefuß"
Endler. Die vermischten Bemerkungen dieser legendären Erscheinung waren u. a.
1985 im Westberliner Rotbuch Verlag erschienen. Jetzt, in Nebbich, taucht
Bergermann wieder auf, ausführlich wird zum Beispiel sein Nachlass beschrieben.
In sieben Säcke abgefüllt, die "in Regen und Schnee, in welkem
Herbstlaub, in Hunde- und Katzenkot" gestanden haben, präsentieren sich
diese Schriften nun in einem entsprechend erbärmlichen Zustand.
"Sieben Säcke, sieben Säcke,/Mensch, mein
Weib, daß es verrecke!" Auch wenn man es nicht glauben möchte, dieser
"auseinanderfallende Papierberg" lässt sich, mit etwas Fleiß und
viel Chuzpe, zwischen zwei Buchdeckel pressen. Das Ergebnis: entsprechend. Ein
Abfallprodukt. Adolf Endler hatte, vermutlich auf Druck seines neuen Verlags,
noch einmal die schon ausgeplünderten Schubladen durchwühlt und ohne Ansehen
inhaltlicher oder formaler Bedenken alle Zettel mit mehr als drei, vier
halbfertig formulierten Sätzen in eine (nicht immer der Chronologie folgende)
Reihefolge gebracht und dieses Konglomerat jetzt in dem ersten literarischen
Programm des früheren Suhrkamp-Lektors Thorsten Ahrend im Göttinger Wallstein
Verlag veröffentlicht.
Der Titel Nebbich meint nichts anderes. Und was der Untertitel bedeutet,
"Eine deutsche Karriere", erfährt der Leser des seltsamen
Sammelsuriums, vielleicht nicht einmal am Ende des Buches, sondern, wenn er (wie
ich) ein bisschen schwer von Begriff ist, vielleicht erst Tage, vielleicht sogar
erst Wochen später. Denn irgendwann nämlich entsteht aus den Notizen und
Notaten, den Erinnerungsfetzen und Skizzen, den kleinen Berichten und den
gelegentlichen Seitenhieben, den Bedenken und den weit ausgreifenden
Seitentrieben, den Aufsätzchen und Zwerg-Essays, den verworfenen Resten aus
anderweitig verwerteten Projekten ein ziemlich großflächiges, buntes, aber
ebenso schlüssiges wie brüchiges Bild von einem Gemeinwesen, das ersichtlich
an solchen Figuren gelitten hat, wie sie in Endlers Buch herumgeistern. Bei der
bloßen Vorstellung, wie ein Staat so weit herunterkommen konnte, um sich vor
solchen harmlosen Irren zu fürchten, kann es einen nur schaudern. Der Typus
Endler wäre hierzulande, also im Westen, wahrscheinlich bei der Eremitenpresse
gelandet, hätte gelegentlich dreihundert Exemplare eines Buches verkauft,
notgedrungen von der Sozialhilfe gelebt, und irgendwann, von seiner
Bedeutungslosigkeit überzeugt, den Büttel hingeworfen.
Kunstlebenseinheitswunsch
Er wäre, wie V.O. Stomps, Horst
Bingel, Wolfgang
Hegewald schon zu Lebzeiten vergessen worden. Unser Kulturbetrieb hat solche
Bohemiens, die nach der Einheit von Kunst und Leben strebten, spätestens seit
den späten sechziger Jahren, an den Rand gestellt und dort stehen lassen. Das
revolutionäre Potential der bürgerlichen Kunst war von den
Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts ein für allemal entschärft
worden. Alle Versuche der Neubelebung, die nach dem Zweiten Weltkrieg
unternommen worden sind, konnten nur noch zitieren, was schon Geschichte
geworden war.
Bei uns. Im Westen. Der affirmative Charakter von Kunst und Kultur überhaupt
gilt seit Jahrzehnten nun schon als selbstverständliche Tatsache. Anders im
Osten. Dort wurde, bis zum Fall der Mauer, Kunst und Literatur in einem für uns
im Westen nahezu unverständlichem Ausmaß ernst genommen. Auch wenn der real
existierende Sozialismus keiner war, hatte er sich in seiner pervertierten Form
nicht völlig von den Ballaststoffen seiner Theorie freimachen können. Kunst -
der Vorschein gesellschaftlicher Utopie. Noch den borniertesten Genossen einer
SED-Kreisverwaltung war darum Hochachtung vor den Künsten und den Künstlern
eingetrichtert worden. Was die politische gesellschaftliche Elite des Westens
ungestraft ignorieren konnte, diese "Pinscher", denen man gelegentlich
mal einen Knochen zuwarf, das galt im Osten als Träger des gesellschaftlichen
Fortschritts. Die Partei hatte zwar immer Recht. Und doch auch immer Angst vor
den Künstlern. Die Einheit von Kunst und Leben war Teil der Selbstlegitimation.
Daraus erklärt sich die heftige Erschütterung zum Beispiel durch die
Biermann-Affäre. Auch der enorme Stasi-Aufwand, den man betrieben hat, man muss
sich nur an Sascha
Anderson erinnern, zeigt die maßlose gesellschaftliche Überschätzung künstlerischer
Arbeit. Was da alles angestellt wurde, um zum Beispiel einer experimentellen
Literatur auf die Schliche zu kommen, für die sich, außerhalb ihrer kleinen
Produzenten-Szene, kein Mensch jemals interessiert hätte, lässt sich heute nur
schwer noch nachvollziehen.
Und der heutige Leser? Er kann darin die erstaunliche Dokumentation eines kaum mehr begreiflichen Bewusstseinszustands erkennen: Das literarische Gegenstück zu der putzigen Schweizer Sehenswürdigkeit, die unter dem Namen "Swiss Miniature", das ganze Land auf der Ebene von Gartenzwergen noch einmal nachgebaut hat. Heute, bei Endler, wirkt die DDR, die bis zum 9. November 1989 ja auch entsprechend eingezäunt war, wie ein Ausstellungsgelände für die Präsentation abartiger sozialer Entwicklungen. So lässt sich Nebbich lesen: hochinteressant, auch etwas ermüdend. Nicht mehr sonderlich originell, eher etwas abgeschabt. Was bleibt, ist aber auch der Respekt vor einer deutschen Karriere: einem Autor, der sich nie verbiegen ließ - Adolf Eddie "Pferdefuß" Endler.
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