Nahkampf.
Roman von Willi
Weglehner (2005, Mabase Verlag).
Besprechung von Bernd Zachow aus den Nürnberger
Nachrichten vom 7.12.2005:
„Lassen wir uns nicht erschüttern“
Nürnberger Heimatgefühl: Willi Weglehner liest aus seinem Roman „Nahkampf“
Der in Thalmässing lebende
Autor Willi Weglehner stellt heute (19 Uhr) in der Nürnberger Löhe-Buchhandlung
(Burgstraße 7) bei einer Lesung sein Buch „Nahkampf“ vor. Es ist die
Geschichte der Familie Ellwanger, die auf Berichten von Zeitzeugen beruht.
Im Frühjahr 1933 kommentierte das „Nürnberg-Fürther Israelitische
Gemeindeblatt“ die ersten Maßnahmen der neuen NS-Regierung zur
Diskriminierung der Juden mit den Worten: „Lassen wir uns durch keine widrigen
Erfahrungen des Alltags entmutigen oder verbittern und unser Heimatgefühl nicht
erschüttern.“ Von einer solchen unerschütterlichen Liebe zur Heimatstadt Nürnberg,
welche sogar die folgenden Jahre der systematischen Ausgrenzung, Beraubung,
Vertreibung und Vernichtung überdauern konnte, erzählt der neue Roman von
Willi Weglehner.
Alfred Ellwanger, der zur Zeit der so genannten Machtergreifung gerade neun
Jahre alt ist, unterscheidet sich auf den ersten Blick durch nichts von seinen
Altersgenossen im Arbeiterviertel St. Johannis. Fasziniert von den üblichen
martialischen Bubenspielen, möchte er anfangs durchaus auch bei der
Hitlerjugend mitmarschieren. Dass seine vorurteilsfreie Begeisterungsfähigkeit
in einer von politischen Leidenschaften beherrschten Erwachsenenwelt auf
vielerlei unerwartete Widerstände trifft, erstaunt ihn nicht lange. Die
zunehmende existenzielle Bedrohung seiner Familie lässt das Kind erstaunlich
schnell reifen.
Erlebnisse wie die alltäglichen Auswirkungen der Nürnberger Rassengesetze von
1935 oder die Pogromnacht von 1938 sind dennoch nur zu verkraften, weil nach wie
vor auf ein paar Freunde Verlass ist. Halt bietet außerdem das neu belebte
Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.
Historische Dimension
Willi Weglehner erzählt Alfreds Entwicklung in einem halb dokumentarischen
Stil, der aber nichts Kühles oder Distanziertes hat. Dem Autor gelingt es
vielmehr, die historische Dimension des geschilderten „Einzelschicksals“
erkennbar zu machen. Alfred Ellwanger, seine Eltern und Großeltern sind ganz
durchschnittliche Menschen mit allerlei Stärken und Schwächen, aber gerade
deshalb verkörpern sie glaubwürdig die grundsätzliche Möglichkeit einer
allgemein sittlichen Haltung auch in einer von Hass und Verblendung regierten
Welt. Die von einer einfachen, ursprünglichen Moralität bestimmte
Lebenshaltung verhindert im Fall der Ellwangers die Verbitterung, zu der ihnen
zwölf Jahre „Drittes Reich“ einigen Anlass geboten hätten. Alfred, dem
1939 quasi in letzter Minute die Flucht nach Palästina gelungen ist, wird dort
ständig von Heimweh gequält, bis er 1945 als Angehöriger der „Jewish
Brigade“ in englischer Uniform zurückkehren kann.
Zu keiner Stunde fühlt er sich als Sieger oder gar als Rächer. Zusammen mit
seinem Vater geht er sofort an den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in
„seinem“ Nürnberg. Dieser Aspekt und manches andere in Willi Weglehners
Doku-Roman mag aus heutiger Sicht schier unglaublich wirken. Dennoch hat sich
der Verfasser in allen relevanten Teilen streng an die historischen Fakten
gehalten.
Das bestätigt ihm in einem Nachwort der 1923 geborene derzeitige Vorsitzende
der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg und SPD-Stadtrat Arno Hamburger.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0306 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten