Nacht und Nebel von Ahmet Ümit, 2005, unionsverlagNacht und Nebel.
Roman von Ahmet Ümit (2005, Unionsverlag
).
Besprechung von Nevfel Cumart aus den Nürnberger Nachrichten vom 8.10.2005:

Heimliche Liebe und Polizeiwillkür
Ahmet Ümit liest in Nürnberg

Der Zürcher Unions-Verlag publiziert mit Hilfe der Robert Bosch-Stiftung „Die Türkische Bibliothek“. Einer der ersten Bände ist „Nacht und Nebel“ von Ahmet Ümit. Am Montag, 10. Oktober, 19.30 Uhr, kommt der Autor zusammen mit dem Schauspieler Recai Hallac zu einer deutsch-türkischen Lesung ins Zeitungs-Café in der Nürnberger Stadtbibliothek.

Gott hat es gut gemeint mit Ahmet Ümit! Er ließ den 1960 geborenen, politisch sehr engagierten Linken die vielleicht schlimmste Zeit in der jüngsten Geschichte der Türkei überleben: Die von Bürgerkrieg geprägte zweite Hälfte der 70er Jahre und die von der Militärregierung bestimmte erste Hälfte der 80er Jahre. Ein Jahrzehnt, in dem unzählige Menschen gewalttätigen Ausschreitungen zum Opfer fielen oder später, nach dem Militärputsch 1980, im Zuge einer gnadenlosen Säuberungswelle für immer in Gefängnissen verschwanden.

Diese Jahre verbrachte Ümit als „aktiver Militanter“ der Türkischen Kommunistischen Partei und lange Zeit auch im Untergrund, im Kampf gegen die Militärjunta. Mit knapp 30 Jahren gelangte er zur Einsicht, „dass die Politik nur geringe Handlungsspielräume“ biete und er „als Schriftsteller mehr leisten könnte“. Diese Einsicht war ein Glücksfall für die türkische Literatur. Denn Ahmet Ümit etablierte sich mittlerweile mit seinen Erzählungen, Essays und Kriminalromanen in der türkischen Literaturlandschaft. Besonders seine Krimis sorgen für heftige Diskussionen.

Nun liegt mit „Nacht und Nebel“ erstmals ein Buch Ümits in deutscher Übersetzung vor. Protagonist und Ich-Erzähler ist der Geheimdienstagent Sedat, der gerade einen Anschlag überlebt hat. Sedat ist zwar verheiratet und Vater zweier Töchter, doch hat er eine heimliche Geliebte: Mine. Sie ist wie vom Erdboden verschwunden. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, macht sich Sedat auf die Suche nach Mine und folgt den wenigen verwertbaren Spuren. Sie führen zu einer Razzia zurück, bei der Polizei und Geheimdienst einen Unterschlupf vermeintlicher Terroristen mit brutaler Gewalt aushoben.

Istanbuls Unterwelt

Steht Mines Verschwinden damit im Zusammenhang? Ist gar der Geheimdienst darin verwickelt? Wollte ein Nebenbuhler Sedat ermorden? Je mehr Sedat sucht und dabei in die Istanbuler Niederungen der Kriminellen, Pädophilen und Polizeiwillkür eintaucht, umso mehr gerät sein Weltbild ins Wanken, verschwimmen die Kategorien „Gut“ und „Böse“.

Ahmet Ümit, der seit einigen Jahren als Kulturberater am Goethe-Institut in Istanbul arbeitet, schreibt keine herkömmlichen Krimis. Er hat keinen Serienhelden geschaffen und bleibt dem klassischen „Who-done-it“ fern. Vielmehr benutzt er die Gattung des Kriminalromans, um auf literarisch hohem Niveau Gesellschafts- und Sozialkritik zu üben.

Das schockierende und völlig unerwartete Ende beweist, dass Ümit kein Autor ist, der sich mit herkömmlichen Plots abgibt. Ein Autor, den es zu entdecken gilt! Ein Buch, das einem unter die Haut geht!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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