nachtrandspuren von José F.A. Oliver, 2002, Suhrkampnachtrandspuren.
Gedichte von José F. A. Oliver (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Beatrix Langner in Neue Zürcher Zeitung vom 28.02.2002:

Auf dem Grund der Dinge
Neue Gedichte von José F. A. Oliver 

Oliver ist ein Poet der Dingwörter. Er bildet Zeilen, die scheinbar nur aus mächtigen Substantiven bestehen, zerlegt die Zeilen zu Wörtern, die Wörter zu Silben und dichtet sie dann neu und anders zusammen, ein Demiurg der Sprachschöpfung. Kein anderer deutschsprachiger Lyriker besitzt gegenwärtig wie José F. A. Oliver diesen beweglich-verschiebbaren Sinn für die semantischen Bindungskräfte des Deutschen, als sei Sprache nicht ein eng abgezirkeltes Terrain mit unumstösslichen Regeln und Gesetzen. Seine Lust an Neologismen, Wortzwittern, Hybriden, fremden Paarungen, reizbaren Nachbarschaften scheint seit zehn Jahren unerschöpflich. 1992 erschien Olivers erster Gedichtband in dem Berliner Kleinverlag Das Arabische Buch. Der Sohn andalusischer Einwanderer, geboren in einer deutschen Kleinstadt im Schwarzwald, nannte sich «Gastling», besass noch immer keinen deutschen Pass und übersetzte auf sehr eigenwillige Art die Sprache seines Geburtslandes in hart skandierte musikalische Strukturen, die hinter dem zerrissenen Schriftbild den weichen Lautklang der Melancholie erkennen liessen und nach Rezitation und Gesang verlangten. Und wirklich versteht sich Oliver als Sängerpoet im alten Wortsinn der andalusischen Kultur, der Seinsform der Poesie pro domo in der Landschaft von Lorca und Alberti. Mittlerweile ist Oliver, nach mehr als einem Dutzend Gedichtbänden, als Übersetzer und spanischsprachiger Dichter in Lateinamerika ebenso bekannt wie hierzulande als deutschsprachiger Dichter spanischer Herkunft. 1998 erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Preis.
Die neuen Gedichte in der zweiten, bei Suhrkamp verlegten Sammlung, «nachtrandspuren», haben den andalusischen Traum hinter sich gelassen. Ihr Kontext ist die deutsche Literatur, sind deutsche Orte. Die lichtmalende, photographische Sujets bevorzugende Gegenständlichkeit der Verse erzählt von dem schwierigen, spannungsvollen Weg, auf dem immer wieder von neuem Nähe hergestellt werden muss - zwischen Menschen, zwischen Menschen und Dingen und Sprachen, zwischen Menschen und Natur. Die Rückverwandlung von gewöhnlichen Metaphern in fremdschöne Dingwörter berichtet von einer Existenz inmitten sinnlicher Intensität, die dennoch angestrengt nach dem Zusammenhang mit sich selbst sucht. Eine Reise nach Dresden, das Gedächtnis des Blattgolds, die Zeitwellen im Fluss, die Strassennamen werden zum Aufenthalt in einer «zwiestadtzeit». Alle Orte zerfallen in Wortlautschichten, in syntaktische Zeitpartikel. «Wohin bleiben wir». Auffällig viele Gedichte tragen persönliche Widmungen. Das Herz dieser Lyrik ist das heisse, polyglotte Herz des Poeten, dieses verbrauchteste aller Dingwörter. Indem es die Spannkraft der Sprache aufs Äusserste strapaziert, marschiert es als «billigherz», als «zungenherz», als «sprachschrittpuls» dem Verstehen des Sinns immer einen Schritt voraus und sendet Klopfzeichen einer zwischenweltlichen, grenzenlosen Sprache.


[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 1004 LYRIKwelt © NZZ