Nacht im Kreuz von Theo Breuer, 2006, Silver Horse EditionNacht im Kreuz.
Gedichte aus dem Hinterland von Theo Breuer (2006, Silver Horse Edition).
Besprechung von Frank Milautzcki im titel-magazin, 2006:

KEIN SCHAULAUFEN MIT DEM SPRACHSCHATZ
Da ist er wieder, der spielerisch die Sprache anfasst und im Minimalen Kunstvolles erzielt, einer, der mit der Wurstkordel phantastische, oft überaus schmuckvolle Knotengebilde hinzaubert, die Respekt abnötigen, auch wenn’s nur ne Wurstkordel ist.

Theo Breuer tut dies nicht aus Ermangelung an anderem Material, sondern freiwillig und bewusst reduziert, ja, mit Liebe. Es ist dieser Trotz, der jeder Kunst innewohnt, die, wenn sie sich nicht auf altbekannte Muster und überliefertes Handwerk beschränkt, in sich eine Behauptung trägt, das Behaupten des Eigenen. Dieser Trotz ist überall in Breuers Dichtung spürbar. Er ist auch die Verbindung zu Brinkmann hin. Und jetzt erst recht. Diese neuen Gedichte haben frischen Mut, erinnern mich an die Verspieltheit seiner Anfänge, als die ersten Bände Anfang der 90er Jahre bei Corvinus erschienen. Dazwischen liegen Jahre des Zweifels, des intensiven Dialogs, gewonnene und verlorene Kämpfe. Das alles liegt hinter ihm, und was er hier in Nacht im Kreuz dichtet, ist unverbraucht und angstfrei vor sich hingestellt. Niemandem etwas schuldig außer sich selbst. Dort, nur dort, wächst gute Poesie. Die auch Spaß machen kann. Nicht von ungefähr finden wir Texte, die Axel Kutsch gewidmet oder ihm nachgedichtet sind. Dessen hintergründiger, bevorzugt gereimter Humor ist bekannt. Kutsch ist einer der wenigen Breuerschen Dialogpartner, die hin und wieder den Weg nach Sistig in der Eifel finden, um sich über Lyrik auszutauschen. WER REIMT IST SCHON PER SE SUSPEKT: Ja, es wird gern und oft gereimt und dabei geflunkert – MANDELSTAM IST DRAN VERRECKT; es wird, das kennen wir von Breuer, mit Satzzeichen, unmöglichen Zeilenbrüchen und mit mundartlichen Wörtern gespielt, es wird lautgemalt, es werden Pirouetten getanzt, Purzelbäume geschlagen, alles wie gehabt, meint man, aber irgendwo ist es klarer, frischer und ironischer, gleichzeitig aber wieder ernster als früher. Reife tritt auf. Ein gutes Gedicht entsteht ja nicht durch plakatives Schaulaufen auf dem Sprachschatz-Catwalk. Das ist eine einfache Lehre, die man aus einfachen Gedichten ziehen kann, wie sie so unterschiedlich Brinkmann, Gomringer und nun Breuer geschrieben haben. Nacht im Kreuz – das sind Gedichte aus dem Hinterland auf der Höhe der Zeit. Es ist der vierte Band einer beachtenswerten Reihe, die der Lyriker Peter Ettl in der Silver Horse Edition in Marklkofen herausgibt, in kleiner Auflage von jeweils 100 nummerierten Exemplaren. Empfehlenswert und für 6,80 Euro leicht erreichbar.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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