Nachtgeviert von Hans Georg Bulla, 1997, Zu KlampenNachtgeviert.
Gedichte von Hans Georg Bulla (
1997/2014, Zu Klampen/Edition Postskriptum).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Oktober 2014:

An der Schweigegrenze
Die Gedichte Hans Georg Bullas bekleiden mich, seit ich Ende der siebziger Jahre selber begann, Gedichte zu veröffentlichen.

Besonders sein 1982 im Suhrkamp Verlag erschienener Lyrikband „Der Schwimmer“ hat mich damals sehr beeindruckt und dazu geführt, Bullas Literaturweg weiterhin neugierig und mitfühlend zu verfolgen. Zugegebenermaßen gab es auch Pausen, aber immer wurde ich auf verschiedenen Wegen über sein Schaffen informiert oder aufmerksam gemacht und sei es dadurch, dass er einen Literaturpreis erhielt wie 1985 den „Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis“ oder 1996 den „Kurt-Morawietz-Literaturpreis“ der Stadt Hannover.

Dass Gedichte wie die von Hans Georg Bulla kein Verfallsdatum haben und zeitlos sind, zeigt der in diesem Jahr im zu Klampen Verlag neu aufgelegte Gedichtband Bullas aus  dem Jahr 1997 „Nachtgeviert“, ein schmaler Gedichtband, der einfach und unspektakulär daherkommt mit kurzen, prägnanten Gedichten, angesiedelt an der Schweigegrenze, konzentriert und intensiv, dass man sie schon nach dem ersten Lesen nicht vergisst bzw. missen mag.

Nur wenige Worte benötigt der Dichter, um die großen Themen der Poesie wie Liebe und Tod, Verlust und Erinnern, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anzustoßen und in ihrer Ernsthaftigkeit zu erfassen und zu vermessen, als verfolge er das, was da ist, kommt und verschwindet, die Anwesenheit des Lebens und seiner Menschen, um es ins Wort zu retten und im Gedächtnis der Sprache zu bewahren. Gepaart mit seinem genauen Blick auf das, was unscheinbar wirkt, auf das Alltägliche, hinter dem sich das Eigentliche und Beachtenswerte verbirgt, gelingt ihm Dichtung, die unverwechselbar die Handschrift eines Dichters trägt, der bis ins Innere der Dinge vordringt mit seinen vorsichtigen, aber hartnäckigen Versuchen, sie zu verstehen.

„FEBRUAR//  Wie schneevergessen/ auf das Land gestreut/ erinnert nichts als/ Abgesang/ die Dächer gnädig/ halten uns im Inneren/ und Stein auf Stein/ macht eine gute/ Haut“.

Oder: „IM VERSTECK// was mir nahe ist in sichrer/ Angst und ohne Ausflucht/ die Dinge haben/ ihren Ort/ auf Armlänge und Augenschein/ der Krug die Flasche und das Tuch/ unerreichter Trost zu sein/ wie weiß das Ei und wie/ zerbrechlich“.

Miniaturen gleichen diese Gedichte, deren Wert sowohl im Gesagten, aber tiefer gehend auch im Ungesagten steckt, einem Maler ähnlich, der es mit seinen Bildern bei Andeutungen in Form und Farbe belässt als Aufforderung für den Betrachter, das Kunstwerk in Gedanken zu vollenden.

„EINLADUNG// Die Karte später und blau/ starrend von Wasser/ festgehalten im Augenblick des Überschlags der Wellenkamm// ein bißchen Dank und ein paar/ Grüße und die Empfehlung falls/ verlegen hin zu kommen/ wegen der Wut und Gewalt// und der möglichen Stille// die will ich dir gönnen“.

Diese Gedichte leuchten, stark wie Suchscheinwerfer, die das Unausweichliche und noch mehr erkennen.

„ABSCHIED“// Ist es Wasser, sind es Wellen?/ Der Horizont liegt tief, / ein schmales Land, in dem/ wir leben, eine Handvoll/ Jahre zwischen Schnee und Sand./ Wir werden blind sein/ von den eingeätzten Bildern, / aber durchlässig unsere Haut, durchsichtig zuletzt.“

Diese Gedichte sind leise und melodisch, „bis ins Gedächtnis ein/ lange gewünschtes Leben“. Sie sind „Nachrichten“:

„Die Schrift schlägt durch/ den tiefen Himmel lese ich/ Erinnerung wird eingeschlagen/ in die alten Zeitungen wirbeln auf/ die Stimmen die Hilferufe dauern/ Wie die vier Jahreszeiten lang“.

Sie sprechen von uns, von unseren Hoffnungen und Ängsten, von dem, was wir an Großartigem im Kleinen erleben, allem Wissen um Vergänglichkeit zum Trotz.

„DER NACHTGARTEN// Im Nachtgarten österlich/ der Blick ins Okular/ ein klar schwarzer Himmel/ in dem der Komet steht/ ein geöffnetes Fenster sagst du/ aus dem das Licht fällt/ so daß wir weiter sehen können“.

Der Dichter setzt gegen vermeintliche Sinnlosigkeit seine ganz eigene poetische Vorstellung von Philosophie.

„TROST“// Ein paar Spatenstiche/ mehr den Fuß fester/ aufgesetzt die Erde/ schwerer als der Sommer will// Auf ihrem Rücken seine/ Hand im Dunkeln sinken/ alle Stimmen ab ins Flüstern/ wir können jetzt verlorengehen“.

Beim Lesen dieser seiner Gedichte entsteht in mir vom Dichter Hans Georg Bulla das Bild eines erfahrenen und lebensklugen Mannes, der durch einen Weinberg wandert. Vielleicht trägt er eine abgewetzte Lederjacke oder er hat Lehm an den Schuhen. Wie ein Schlafwandler bewegt er sich sicher und voller Vertrauen auf fruchtbarem Fels . Fruchtbar, wie es seine wunderbaren Gedichte sind.

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