Nachtflug von Marjana Gaponenko, 2007, Polonius1.) - 2.)

Nachtflug.
Gedichte von Marjana Gaponenko (
2007, Polonius Verlag)
Besprechung von
Linda Wilken aus justmag, November 2007:

Wenn der letzte Vers dieses Gedichtbandes gelesen ist, erscheint die junge Autorin dem Leser klar vor Augen: Eine Figur wie aus einem alten russischen Zaubermärchen. Mystisch, sanft, immer barfüßig und in schöne Kleider gehüllt. Schwer vorstellbar, wie die 1981 in der Ukraine geborene Marjana Gaponenko shoppen geht oder mit Freunden in einer Kneipe Bier trinkt. Völlig losgelöst vom profanen Alltag sind ihre Gedichte, frei von Raum und Zeit. Alles ist berührend und betörend. Worte und Wendungen, die viel zu selten (oder vielleicht auch nie) verwendet werden. Immer wieder Sterne, Küsse, Berührungen, blaue Nächte.

Gaponenko liebt und zelebriert die deutsche Sprache. Mit fünfzehn entschied sie sich, ihre Gedichte auf deutsch zu schreiben. Später studierte sie Germanistik in Odessa und lebt inzwischen in Frankfurt am Main. Ihre große Sprachverliebtheit spiegelt sich in jeder Silbe wieder, traumwandlerisch entstehen mit jeder gelesenen Seite lichtdurchflutete Bilder, die niemals verglühen. Ihre Gedichte sind zerbrechlich, sehnsüchtig und zärtlich, als dürften sie nur leise und in Zweisamkeit ausgesprochen werden. Nachtgeflüster für Verliebte.

Einige werden jetzt aufspringen und rufen: „Ach, geh mir weg mit dem Kram! Ich kauf mir lieber Sarah Kuttners neue Kolumnensammlung, da hab ich was in der Hand und was zu lachen.“ Niemand hindert euch. Aber welches Mädchen würde nicht dahinschmelzen, wenn ihr Liebster ihr in einem Brief schreiben würde: Du bist nicht da und dennoch überall/ erkennbar und so schön wie früher/ eine schillernde Naht im zerspaltenden Stein/ ein Lied, das im Geflüster aufblüht. Na gut, eher unrealistisch, aber wunderschön. Für manche Momente muss es solche Worte geben, wenigstens ein paar davon.

Fazit: Das Angenehmste an diesem Buch ist der Raum, der sich der Phantasie und dem inneren Auge eröffnet. Ein Autorin, die ihren Lesern etwas zutraut und die ihre eigene Sprache gefunden hat.

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Nachtflug von Marjana Gaponenko, 2007, Polonius2.)

Nachtflug.
Gedichte von Marjana Gaponenko (
2007, Polonius Verlag)
Besprechung von
Mariane Glaßer, 2007:

Wenn man den Gedichtband von Marjana Gaponenko aufschlägt, hat man das Gefühl, in eine andere Welt einzutreten. Hier ist alles von einem seltsamen Leben beseelt: "Die Zeit trägt uns wie Welpen zärtlich im Maul", "die Ferne eilt dir voraus", "die Bäume" "strecken die Beine aus", während der Regen "ein Auge zugekniffen" hat, der Pilz "Geschichten erzählt" und die Nacht "aus einem Elsternnest" herauskriecht. Es ist eine Welt, die an Märchen oder an die Wahrnehmung von Kindern erinnert, für die es noch keine "toten Dinge" gibt. 

Der Rhythmus ist durchgehend musikalisch, verzichtet auf Stockungen und folgt meist dem daktylischen Muster. Die Sageweise erinnert zeitweise an Trakl (vor allem in dem Gedicht "Schön ist der Mensch"), manchmal an das paradoxe Sprechen der Mystiker ("Hinter das Rätsel / ist nicht zu kommen. / Das Rätsel kommt / selbst zu dir."), aber am meisten, wenn auch weniger oft als in Marjana Gaponenkos früheren Bänden, an Celan ("Die Luft als Mantel flattert durch die Räume"). Doch es ist ein jünger, gesünderer, hellerer Celan, auf den man hier trifft. Vielleicht könnte man sagen, dass die Dichterin seinen Weg zurückgegangen ist und dort, wo er zu einer "graueren", oft auch bitter-bösen Sprache übergegangen ist, neu angesetzt hat. Auch Celan hat später angedeutet, dass er möglicherweise einen falschen Weg eingeschlagen habe. 

Aber was wird in diesen Gedichten besungen? Immer wieder klingen gewichtige Fragen an: Sinn oder Sinnlosigkeit des Lebens, Ursprung und Ziel der Welt. Beantwortet werden können die Fragen nicht, aber dies führt nicht  zum resignativen Pathos des Predigers Salomo, sondern zu einer Einstimmung in die Bewegung des Lebens und/oder zu einem Ruhen im Augenblick ("Das Kind eilt dem Wind nach. / Es ist immer am Ziel."). Insofern wirken die Gedichte beim Lesen tröstlich: Hier ist jemand, der sich in dem kosmischen Spiel aufgehoben fühlt und keine Angst hat, sich zu verlieren, sondern geradezu Freude daran, sich loszulassen. 

Man mag dem Gedichtband vorwerfen, dass er nicht der Moderne seiner Zeit entspricht. Dekonstruktionen finden sich nicht, sondern die Wörter und Sätze bleiben intakt, der Sinnzusammenhang innerhalb des metaphorischen Raums wird nicht zerrissen, Ironie und Sarkasmus bleiben aus, und die Zeilen sind zu mehr oder weniger parallelen Strophen geordnet. An das von Baudelaire in den Rang des Ästhetischen erhobene "Hässliche" erinnert hier nichts, aber auch "Engagement", das Zerstörung oder Gewalt anprangern würde, findet sich nicht. 

Muss es sich deshalb um "weltfremde" und "unengagierte" Dichtung handeln? Um es einmal provokativ zu sagen: Dekonstruktionen, Sarkasmus oder eine Ästhetik des Hässlichen machen die Welt nicht gesünder, sondern beantworten Gewalt mit Gewalt, Zerstörung mit Zerstörung und haben im Extremfall zur Selbstvernichtung des Dichters geführt, nicht nur bei Celan. Marjana Gaponenko geht einen entgegengesetzten Weg, der im letzten Gedicht ansatzweise deutlich wird: 

Unter den Strähnen des Regens stehen wir wie unter einer 
Trauerweide. (...) Aus dem zarten Versteck zu treten,
würde ein Ende bedeuten. Der Spiegel wäre ein Teich,
die Hunde würden zu Fischern, 
der Regen wäre dann nur ein Wort. 

Greif in seine Haare, 
klettere hoch, nur Mut!
Sage mir wie die Stadt von oben aussieht.
Sei nüchtern, sei grausam, sei wahr und gerecht,
kalt, eisig kalt, dass es brennt. (...)

Jetzt verstehst du: Ich trete niemals aus meinem Versteck,
trenne niemals die Strähnen des Regens. (...)

Was tut die Dichterin hier im "Versteck" des Gedichts? Sie setzt der Welt mit leiser, aber unbeirrter Beharrlichkeit etwas entgegen: einen Raum, wo den "vielerlei Wesen" ein neues, metaphorisches, inneres Leben zugestanden und so mit einer besonderen Empathie begegnet wird, die nur zu größter Achtsamkeit im Umgang führen kann und Gewaltausübung undenkbar macht. Insofern erscheinen mir diese Gedichte weit näher am Leben als manche welt- und menschenverachtende Selbstumkreisung. Man würde Marjana Gaponenko nur wünschen, dass sich möglichst viele Leser auf diese Bewegung einlassen könnten.

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