Nachtfahrt von Jan Costin Wagner, 2002, Eichborn1.) - 2.)

Nachtfahrt.
Roman von Jan Costin Wagner (2002, Eichborn).
Besprechung von Detlef Grumbach in der Frankfurter Rundschau, 6.7.2002:

Alles auf Schwarz
Eine Zerstörung: Jan Costin Wagners Debüt "Nachtfahrt"

"Ich stehe frontal gegen den Wind, spüre das kalte Wasser an meinen Oberschenkeln und denke, dass ich Geschichten schreiben könnte . . ." Mark Cramer, ein junger Schriftsteller, der bereits die Biographie eines Tennisspielers verfasst und gerade ein Romanmanuskript abgeliefert hat, kommt nach einer durchfahrenen Nacht in einem noblen französischen Badeort an: nicht im Paradies, am Ziel seiner Träume, sondern "am Ende der Welt", wie es heißt. Sein Verleger Röder hat ihn dorthin geschickt. Er soll sich dort die Lebensgeschichte eines mit Röder befreundeten alten, vor Eitelkeit platzenden Schauspielers anhören und dessen Biographie verfassen. Doch der Roman Nachtfahrt des 1972 geborenen Jan Costin Wagner beginnt mit einem starken Ritardando: Fraikin, der Schauspieler, kann warten, Röder ist weit weg. Cramer ist in Gedanken bei seiner nächtlichen Fahrt. Er könnte Geschichten schreiben: über den Mann zum Beispiel, der auf einem Parkplatz in seinem Auto geschlafen hat und den er so leicht hätte erdrosseln können und dem er das Leben geschenkt hat.

Cramer schreibt keine Geschichten. Er ist in einer Krise. Seine Überlegungen und Taten muten befremdlich an, werden im Laufe des Geschehens rätselhafter, gruseliger und perfider. Noch bevor er den Schauspieler aufsucht, führt ihn der Zufall in ein Spielcasino. Er setzt seine gesamte Barschaft, seine ganze Existenz, spielt "sein Spiel" und gewinnt mit "Rot". Doch er verhält sich, als sei es um gar nichts gegangen. Um nichts als um den Nervenkitzel. Aus seinem bisherigen Leben herausgerissen, in einem bestimmten Sinne "verantwortungslos", als Spieler, so wird sich herausstellen, hat er auch die Nachtfahrt nach Südfrankreich angetreten, als Spieler betritt er das Haus des alten Schauspielers, als Spieler pokert er um dessen junge und verführerische Frau und als Spieler setzt er am Ende alles, was er hat, auf Schwarz, auf den Tod.

"Erster Tag", "Zweiter Tag", "Dritter Tag" - es erinnert an die Schöpfungsgeschichte, wie der sieben Tage währende Aufenthalt Cramers in Fraikins Villa Tag für Tag erzählt wird, wie die Ereignisse und ihre Vorgeschichte systematisch auf ein vorprogrammiertes Ziel hinauslaufen. Doch subtil, kühl und distanziert, mit den Qualitäten eines Thrillers, erzählt Jan Costin Wagner die Geschichte einer Zerstörung. Wo seinem Helden Sympathie, wohlwollende Unterstützung oder gar Liebe entgegengebracht werden, reagiert dieser mit Berechnung. Wo andere sich für ihn interessieren, liefert er "Geschichten", die sein wahres Ich verwischen und kaschieren, betrügt er sie um eine wahrhaftige, menschliche Begegnung. Cramer benimmt sich immer dreister und provokanter, immer offener buhlt er um die junge Frau. Es sind aber keine großen Gefühle, die ihn treiben.

Alles, was in seiner Selbstinszenierung darauf hindeutet, erweist sich als Selbstbetrug. Sein Verleger hat sein Romanmanuskript abgelehnt. Er fühlt sich als Opfer, fühlt sich ungerecht behandelt. Das ist alles. Und in seiner Wut hat er den Verleger umgebracht. Cramer ist ein Mörder auf der Flucht, der über das Empfinden, ihm sei Unrecht widerfahren, jeden Maßstab für das Recht verloren hat, der perfekt die Situation zu kontrollieren versteht, aber nicht mehr sich selbst. "Keine rätselhafte Macht schickt sich an, mich zu stoppen", stellt er im Augenblick der Selbsterkenntnis erschrocken, aber auch folgenlos fest: "Kein göttlicher Ratschluss ruft mich zur Ordnung. Kein Gott arrangiert meinen vorzeitigen Untergang."

Er will nur noch eines: nicht mehr abhängig sein von Entscheidungen anderer, sondern selbst die Fäden in der Hand halten. Er will darüber bestimmen, wer zum Opfer wird und wer nicht. Alles andere geschieht, als folge es den Regeln eines Spiels. Fraikin wird sein Opfer, so wie er dem Autofahrer auf dem Parkplatz nachts das Leben geschenkt hat. Nachtfahrt, dieses großartige Debüt, erinnert auf der einen Seite an Dostojewskis Spieler, der in seinem Spiel untergeht, auf der anderen Seite aber auch an Christoph Heins Roman Das Napoleonspiel, in dem es, in der Tradition der französischen Moralisten, um das Versagen von Verantwortung und Moral geht.

Ist Cramer ein kaltblütiger Verbrecher, oder jemand, der sich durchaus noch im Rahmen dieser Gesellschaft bewegt, einer Gesellschaft, in der die Spielregeln der Macht höher stehen als Recht und Moral? Oder reizt er die Regeln eines alltäglichen Spiels nur ein kleines bisschen weiter aus? Die Antwort auf diese Fragen hält Jan Costin Wagner in der Schwebe. Dadurch verleiht er seinem immer stärker zum Monster stilisierten Helden auch etwas Durchschnittliches und Vertrautes, erzeugt er eine den Magen zusammenziehende Spannung zwischen Faszination und Ablehnung. Und das Spiel geht weiter. Oder fängt vielleicht gerade erst an. Das "Schwarz" des Meeres, der Tod, ruft schließlich den Helden. Aber Cramer lacht und sagt: "Schwarz kann warten bis morgen." Erst geht er noch einmal ins Spielcasino.

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Nachtfahrt von Jan Costin Wagner, 2002, Eichborn2.)

Nachtfahrt.
Roman von Jan Costin Wagner (2002, Eichborn).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 18.9.2002:

Identifikation mit dem Mörder
Jan Costin Wagner ist für sein Krimi-Debüt "Nachtfahrt" mit dem Marlowe-Preis ausgezeichnet worden

Mark Cramer ist Gott, denn er richtet über Leben und Tod. Er ist Schriftsteller, kein besonders erfolgreicher. Sein erstes Manuskript wird von seinem Förderer und potentiellen Verleger in der Luft zerrissen. Deshalb bringt Cramer ihn kurzerhand um die Ecke und fährt nach Cap Ferret an der französischen Atlantikküste. Dort soll er die Autobiografie des abgehalfterten Schauspielers Carl Fraikin schreiben. Doch Fraikin widert ihn an und Cramer begehrt dessen junge Frau. Also muss auch Fraikin sterben - ein perfekter Mord soll es werden. Wenn der gelingt, könnte Cramer am Ende eine wunderschöne Frau an seiner Seite und ein weiteres Leben auf dem Gewissen haben. Aber seine existenzielle Langeweile wird bleiben...

Mark Cramer ist die Hauptfigur in Nachtfahrt, dem Debüt-Roman des 1972 in Langen geborenen und heute in Obertshausen bei Offenbach lebenden Autors Jan Costin Wagner. Für seine literarische Premiere hat Wagner nun den Marlowe-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi des Jahres erhalten. Nachtfahrt, so die Begründung der Jury, "definiert die Grenzen des Genres neu".

In der Tat ist der Roman kein klassischer Krimi im Sinne eines "Whodunit"--Suchspiels. Eine derartige Konstellation interessiert Jan Costin Wagner nicht: "Am Moment des Verbrechens reizt mich, dass er eine Ausnahmesituation schafft", sagt er. Sein Protagonist ist getrieben von Eitelkeit, Langeweile und Gier - "es gibt nichts mehr, was ihn noch hindert. Hemmschwellen, die andere noch bremsen könnten, existieren für ihn nicht mehr", umreißt Wagner den Hauptcharakterzug seines psychisch deformierten Ich-Erzählers, der paradoxerweise dennoch schnell zur Identifikationsfigur wird. Es ist die von Jan Costin Wagner geschickt aufgebaute Falle und die Perfidie dieses Buches, dass der Leser sich gegen seinen Willen mit der Gedankenwelt eines Mörders anfreundet. Zumindest bis zu dem Punkt, bis dieser seine Allmachtsfantasien in die Realität umsetzt.

Nachtfahrt ist wie aus einem Guss erzählt - "es gab", so Wagner, "keine Phase, in der ich nicht mehr weiter wusste." Nach dem Abschluss des Germanistik-Studiums habe er "einfach Lust gehabt, zu schreiben". In Finnland - Wagners Frau, die er im übrigen in Cap Ferret kennen gelernt hat, kommt von dort - fand er die Ruhe dazu: Nur etwa drei Monate dauerte die Arbeit an seinem Debüt. Und es ging genauso schnell weiter: Der Frankfurter Literaturagent Georg Simader und seine Agentur Copywrite nahm sich des Manuskripts an und brachte es im Eichborn Verlag unter.

Sein zweiter Roman, der in Finnland spielt und in dessen Mittelpunkt ein junger Ermittler steht , "dieses Mal eine sympathische Figur", soll im kommenden Jahr erscheinen. Parallel zu den Arbeiten an seinem Buch hat Jan Costin Wagner ein Volontariat bei der Offenbach Post absolviert, um neben der Literatur auch ein zweites, journalistisches Standbein zu haben. So lange er preiswürdige Romane wie Nachtfahrt schreibt, wird er das jedoch vorerst nicht brauchen.

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