Nachricht vom Tag.
Erzählungen von Ilse Aichinger (1970, S. Fischer).
Besprechung von Jutta Baier in der Frankfurter Rundschau, 28.10.2002:

Weit weg von aller Sicherheit
Die Schauspielerin Jutta Lampe liest im Goethehaus Geschichten von Ilse Aichinger

Es passt zum leise Unheimlichen im Werk der Ilse Aichinger, wenn die ihr zugedachte Lesung beginnt wie ein klassischer Kriminalfilm. Das Licht verdunkelt sich, von weither klacken Schritte auf dem Steinboden und nichts sonst ist zu hören außer diesen sich nähernden, widerhallenden Schritten. Damit ist die Parallele freilich erschöpft. Jutta Lampe hat den Lesetisch im Halbrund des Goethehauses erreicht, setzt noch in den Applaus hinein ihre Brille auf, sagt den Titel der Erzählung an und liest.

Das Plakat heißt die erste der fünf von ihr ausgewählten Geschichten, die alle dem Erzählband (1954) Nachricht vom Tag entnommen sind. Die Autorin, die, inzwischen 83-jährig, in Wien, ihrer Geburtsstadt, lebt, beschreibt darin einen auf einem Plakat abgebildeten lachenden Jungen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als zu sterben. Ein Mädchen war vorbeigekommen und wollte in seinem kleinkindhaften Unverstand mit dem Jungen tanzen. Da hatte er verstanden, dass er sterblich sein müsste, um einmal mit einem Mädchen zu tanzen.

In Ilse Aichingers Welt ist das nichts Ungewöhnliches, dass sich die Dinge beseelen und beleben und dann oft tückisch gegen die eigentlich Lebenden sich wenden. Im Plakat erfüllt sich der Wunsch des Jungen, aber er reißt gleichsam das Mädchen mit in den Tod.

Nebensächliche, alltägliche Anlässe verwandeln sich bei der Dichterin in ungeheuerliche. Das Normale ist bei ihr nur eine dünne Schicht, darunter liegen, wovon man nichts wissen will, die menschlichen Irrwege, oft auch die Grausamkeiten und Perversionen. Das Besondere an Aichingers Prosa ist indes, dass sie von den Schrecken in einer einfachen, glasklaren Sprache berichtet. Nichts wispert und raunt da, die Sätze sind kurz, höchstens ein Nebensatz einmal oder zur Beschleunigung eine parataktische Reihung.

Diesem Sprachgestus folgt Jutta Lampe in ihrem Vortrag. Klar die Stimme, wenige und darum umso prägnantere Gesten, keine Emphase. So zurückhaltend intoniert die Schauspielerin das Unheimliche, dass man es fast nicht merkt, wie einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Aber man fröstelt am Ende des Abends, man war offenbar weit weg vom Vertrauten und Sicheren des Alltags. Wie die Erzählerin mit Wörtern hat Jutta Lampe mit ihrer hellen Stimm die dünne Decke des Rationalen und Zivilisierten durchlöchert.

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