Nach
Mitternacht.
Gedichte von Alexander
Xaver Gwerder (1998, Limmat-Verlag).
Besprechung von Roman
Bucheli in Neue
Zürcher Zeitung vom 24.12.1998:
Unterwegs ins Spanien der Seele
Eine Werkausgabe von Alexander Xaver Gwerder
Sein Name sprach sich erst nach seinem frühen Tod herum. Dann allerdings, in den späten fünfziger und in den sechziger Jahren, wurde er zum legendären Kultautor. Und was über sein Leben und seinen Selbstmord bekannt wurde, beflügelte den Mythos eines poète maudit. Seither zählt Alexander Xaver Gwerder (1923-1952) zu den hervorragendsten Lyrikern der Schweiz. Zu seinen Lebzeiten waren freilich nur zwei kleine Gedichtsammlungen, «fliegende Blätter» nannte er sie, sowie der Gedichtband «Blauer Eisenhut» (1951) erschienen. Erst die Nachlasspublikationen («Dämmerklee», 1955; «Land über Dächer», 1959) liessen die Nachwelt aufhorchen - und sogleich an verklärenden Mythen stricken: seine Verachtung für die Masse habe ihm diese mit Ächtung vergolten. Die Wirklichkeit freilich war komplexer, sein Leben verwickelter und sein Werk vielschichtiger, als man auf Grund der Nachlasspublikationen ahnen konnte.
Eine dreibändige Werkausgabe stellt nun erstmals Gwerders Schaffen umfassend und in einer philologisch zuverlässigen Edition vor. Die von Roger Perret herausgegebenen und mit grosser Umsicht kommentierten «Gesammelten Werke und Ausgewählten Briefe» enthalten neben teilweise unveröffentlichter Lyrik und Prosa auch umfangreiche Materialien aus dem Nachlass Gwerders. Sollten noch Zweifel bestanden haben an Bedeutung und Rang von Gwerders Werk: diese Werkausgabe räumt sie nicht nur aus, sondern macht das Singuläre dieses überragenden Œuvres sicht- und fassbar.
«Im Gedicht bin ich mir selber am nächsten!» notierte Gwerder im Oktober 1950 ins Tagebuch. Gemeint war das im übertragenen Sinn, verstehen aber muss man das ganz wörtlich. Gwerder fand im Gedicht zu einem eigenen, zunächst noch spätexpressionistisch und nachromantisch gefärbten und danach immer kühler, auch schneidender werdenden Ton, der in der Schweiz zu seiner Zeit und noch für lange seinesgleichen nicht hatte. Zugleich aber war er ein sehr mittelmässiger Prosaautor. Es gibt einige kurze Stücke, die Bestand haben, darunter der Text «November am Fenster», in welchem Gwerder eine wunderbare Anschauung für Prousts mémoire involontaire gibt. Im übrigen aber holte zumal die weltanschaulich inspirierte Prosa nicht sein Bestes aus ihm hervor.
Gwerder rieb sich bis zur Besinnungslosigkeit an gesellschaftlichen Zwängen, unter denen die Verpflichtung zum jährlichen Militärdienst am schwersten wog. Auch das trieb ihn, zu seinem eigenen Leidwesen, an den Schreibtisch. Es ehrt Erwin Jaeckle, Chefredaktor der «Tat» und der früheste Förderer Gwerders, dass er nicht nur (als erster) dessen Gedichte druckte, sondern sich auch mit diesen zornigen Texten beschäftigte: «weniger Weltanschauung, mehr dichten!» beschied er dann auch dem jungen Autor. Gwerder selber war sich durchaus bewusst, dass er im Grunde kein politischer Kopf war. «Aber ich komme und komme nicht vom Militär los», antwortete er Jaeckle, «und eine Erbstrafe ist es, sich mit Molöchern herumschlagen zu müssen.»
Erstmals werden in der Ausgabe wesentliche Teile von Gwerders Korrespondenz (einschliesslich einiger weniger Gegenbriefe) veröffentlicht. Die meisten der etwas über hundert Briefe, von denen die Hälfte in den letzten zwölf Lebensmonaten geschrieben wurden, sind an seine Förderer und Freunde adressiert: an Erwin Jaeckle; an die deutsche Dichterin Oda Schaefer; an Kurt Friedrich Ertel, der - auf Empfehlung Oda Schaefers - Gwerders erste selbständige Publikation («Die Begegnung», 1951) herausbrachte; an Karl Krolow und den Graphiker Rudolf Scharpf, der Holz- und Linolschnitte zur «Begegnung» beisteuerte.
Es sind Briefe an Gleichgesinnte, denen er sich anvertrauen mochte und mit denen er das kritische Gespräch und die poetologische Auseinandersetzung suchte. Die Briefpartner wurden ihm aufmerksame Freunde, förderten ihn nach Kräften und standen ihm mit Zuspruch, auch in menschlichen Dingen, zur Seite. Deutlich treten in diesen Briefen die Peripetien in Gwerders fallender Lebenskurve hervor. Als der einzig angemessene Ort des Dichters galt ihm das Abseits, und als einsamer Einzelner sah er sich erhaben über die Masse: «Freilich, ein Blick nach unten - und unsere Melodie wird hart und die Auflehnung donnert im Herz», hiess es mit nur scheinbar stoischer Gebärde in einem Brief vom September 1950 an Karl Krolow.
Doch der «ernsthafte Wille, anders zu sein als die andern», forderte seinen Tribut, und innert Jahresfrist zeigten sich erste Zeichen seelischer Zerrüttung: Dichter zu sein hiesse oft, «Wochen um Wochen das leise aber bittere Leben eines Nachtschattengewächses zu führen», berichtete er Rudolf Scharpf. Ein weiteres Jahr später und wenige Tage vor dem Selbstmord schreibt er einen letzten Brief an Scharpf. Eine schon fast wahnhafte Verzweiflung schlägt einem daraus entgegen: «Ich bitte also in aller Form um Asyl: die dicken Havannas und die Autoschnauzen verfolgen mich. [. . .] In debiler Ehrfurcht und mit Morphium im Rücken grüsse ich Euch vorläufig auf Distanz und verbleibe - halt! - schreibt rasch, rasch: ich explodiere, herzlich, herzlich, Euer ix.»
Ein Zweites legen die Briefe, in die Gwerder oft eigene Gedichte eingeflochten hatte, nahe. Seine Lyrik muss, auch wo sie bisweilen zu krausen Bildern Zuflucht sucht, in ihrer bestürzenden Wörtlichkeit aufgefasst werden. Gwerders Gedichte können mithin im Licht der Briefe neu gelesen werden; nicht im Sinne einer biographisch entschlüsselnden Lektüre, aber im Hinblick auf seine Poetik des Abseitigen: «Dichter sind hierzulande da, um nicht da zu sein», schreibt er in einem Brief an Karl Krolow. Das Abseits des Lyrikers war ihm unter diesen Vorzeichen ein utopischer Imperativ. «Es kreuzen die späten Schiffe / auf der Suche nach anderem Land», heisst es in einem Gedicht, das sehr präzis die Flucht- und Suchbewegung seiner Lyrik ins Bild fasst.
Sind Gwerders Gedichte auch von einer umfassenden Endzeitstimmung geprägt, so haben sie sich doch gleichzeitig einen trotzigen Gestus der Auflehnung bewahrt. Es ist nicht der geringste Vorzug dieser Werkausgabe, dass nun diese zwei Stimmen Gwerders im Neben- und Gegeneinander hörbar werden. Gwerder war, sowohl in den frühen liedhaften Reimgedichten wie in den, wie er es einmal nannte, «schärferen Sachen» aus seinem letzten Lebensjahr, ein apokalyptischer Glückssucher, unterwegs zu seinem «Spanien der Seele». In einem Max Rychner zugeeigneten und «Von letzten Dichtern» überschriebenen Gedichtzyklus schreibt er von eben diesen letzten Dichtern, sie suchten «Ankergründe abseits».
Waren es zunächst noch «andre Ufer» oder «andere Meere», zu denen hin er sich im Gedicht unterwegs sah, so war es zuletzt das Gedicht selbst, als ein ephemeres Ereignis im Abseits, das ihm eine letzte, allerdings gefährdete und gefährdende Zuflucht versprach: «Was bleibt: das Gedicht, der zerstiebende Augenblick.» Sein «Spanien der Seele» hat Gwerder nicht erreicht. Am 14. September 1952 nahm er sich im südfranzösischen Arles das Leben. Wie Wegmarken beleuchten seine Gedichte einen Lebensweg, der sich erfüllte, ohne Erfüllung zu finden. Im Widerstand gegen den Sog der Verzweiflung hat Gwerder ein Werk geschaffen, dessen Rang erst postum erkannt worden ist. Nun ist, fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, die Hinterlassenschaft eines der bedeutendsten Schweizer Lyriker erstmals in ihrem Zusammenhang überblickbar: eine eminente editorische Leistung für ein herausragendes Werk.
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