1.) - 2.)
Nach innen
rutschend, in die Unterwäsche deiner Erinnerung.
Beschimpfung von Frank Reinhard (2001,
Yedermann).
Besprechung von Tim Schomacker aus der taz Bremen,
15.5.2001:
Ovulationshemmer mit männlichen Anteilen
Zur Vorschau: Der junge Neubremer Frank Reinhard liest
aus seinen theologisch fundierten, virtuosen 29 Beschimpfungen
Erst zu Beginn des Studiums habe er wirklich begriffen, was für eine merkwürdige Angelegenheit das ist, sagt der 1970 in Freiburg geborene Frank Reinhard. Sein Erzähldebut beginnt mit einer Anekdote. Sie handelt von der katholischen Schulzeit, in der man sich alphabetisch Schmähworte ausdachte, um die Zeit totzuschlagen, auf der harten Holzbank, hinten in der staubigen alten Kapelle, derweil ein schwarz gekleideter Pfarrer am anderen Ende des Raums dozierte: Beschimpfung mit System im Gotteshaus. Ein Fall kindlicher Blasphemie? Oder ist es nicht eher so, dass hier gegen die Form viel mehr aufbegehrt wird als gegen den Inhalt? Wie gesagt, die Merkwürdigkeit habe ihn erst zu Beginn des Religionsstudiums an der Freiburger PH überrascht.
Frank Reinhard ist ein angenehmer Gesprächspartner, ruhig, präzise aber nicht ohne nette kleine Anflüge von Ironie, die sich auch mal gegen den Gesprächspartner richten kann - oder gegen sich selbst. Das schmale Bändchen mit dem eigentümlichen Titel "Nach innen rutschend, in die Unterwäsche deiner Erinnerung", ist auch ein Spiel mit Sprache sowie mit den Formen des Arrangierens von Geschichten. Reinhard lässt sich, lässt seine Figuren auf ein Selbstgespräch ein, mehrstimmig, komisch, nicht gänzlich frei von inhaltlichem und stilistischem Größenwahn, der freilich immer wieder recht elegant sich bricht. Stets bleibt unklar, ob er das alles persönlich auch so meint, wie's da steht, ob der Name Frank Reinhard auf dem Cover gar Künstler und Kunstfigur zugleich meint. Beide scheinen in eine Unterhaltung verstrickt, über Ovulationshemmer und Xerophyten, über die heimliche Lust an der Perversität oder die Daseinsform des gemeinen Querulanten. Wörtlichnehmer, Alleinunterhalter sind es, die sich vielleicht ärgern, wenn wir Lesenden uns freuen - und umgekehrt. Sie haben sich Gedanken gemacht, klare und verschlungene, bis zum "Und dann? Dann? Nichts. Und das weißt du auch."
29 Teile. Einmal quer durch den abendländischen Zeichenvorrat inklusive Umlauten deutscher Provenienz. Vom simplen "Arschloch", bis zur feinen "Zellmembran". Ein Nicken des Kopfes in Richtung Godfather of Beschimpfungen. Und los geht's. Die Texte hätten eine Doppelfunktion, sagt er, die die Introspektionen des Autors mit einer (weit distanzierteren) Faszination für die klanglichen Belange eines Textes kurzschließt. Dies habe sich erhalten, seit er vor fünfzehn Jahren zu schreiben begann. Kein zeitgemäßer Autor will Reinhard sein, aber auch kein altmodischer. Stets habe ihn fasziniert, wie seine Texte auch begleitet haben, was mit ihm passiert. Jeder Satz ist auch Teil eines Versuchs der Vergewisserung. Doch sie sind zu gut, als dass man Reinhards Miniaturen als rein therapeutische Angelegenheit abtun könnte. Vielleicht kommt daher auch das Genre der Beschimpfung. "Ich mag Gespräche gerne", sagt Reinhard, "die sich aufheizen, in denen nicht einer sagt: Jetzt ist Schluss für mich, hier kann ich nicht mehr weiter." Wie persönlich oder fiktiv die 29 Schmähungen auch sein mögen, sie sind Auseinandersetzung mit "männlichen Anteilen", mit "Dingen, Teilen, Persönlichkeiten in mir, die ich nicht mochte." Man muss das nicht teilen, doch lohnt es sich, zuzuhören. Denn es lässt sich mit dem wirklichen Frank Reinhard vortrefflich streiten.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter taz Bremen]
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2.)
Nach innen rutschend, in die
Unterwäsche deiner Erinnerung.
Beschimpfung von Frank Reinhard (2001,
Yedermann).
Besprechung aus der Kreiszeitung Stuhr-Weyher, 15.5.2001:
Anatomisch korrekt
A wie Anfang: Wirkt witzig, die Idee. In 29 Spiegelbilder splittert Frank Reinhard sein Ich literarisch auf. Die Wurzel liegt in Schülerspielen. Die Jungen buchstabierten Schimpfnamen durch das Alphabet. "Arschloch" ist der erste Entwurf des Autoren-Selbst in seinem jetzt erschienenen schmalen Bändchen - ein bis zwei Seiten pro Schimpfwort - betitelt. "Nach innen rutschend, in die Unterwäsche deiner Erinnerung" heißt es, erschienen im "yedermann Verlag", Riemerling. Da geht's nicht zimperlich zu: Abkapselung, Unfruchtbarkeit, mangelnder Austausch diagnostiziert der Autor bei der Nabelschau. Dabei hält er die Nähe zum Körperendstück in der Sprache wortreich plastisch durch.
B wie Blockade oder Bereitschaft: Da stellt sich bei der Lektüre der dichten (Selbst-)Beschimpfungen der Effekt des Wörterbuchblätterns ein. Fasziniert von der (Ich-)Welt umgreifenden Fülle der Wörter und der Dichte der Erläuterungen ermüdet der Leser. Dies lässt sich nicht am Stück lesen, da greift man besser portions- und bedarfsweise zu.
C wie Chirurg: Reinhard legt bei seiner analytisch-erzählerischen Arbeit die kalte Klinge des Skalpells an, findet die Übertragung und Ästhetisierung des vermeintlich Psychologischen in der Physiologie - nicht von ungefähr dient ihm Durs Grünbein als Leitmotiv-Lieferant. Zugleich lässt sich Reinhard von der eigenen Sprachfindung entflammen, von Satzgirlanden mitreißen. Da ritzt man sich schon mal an den Wortkanten und stolpert über die Rhythmen oder ertrinkt im ausufernden Gedankenstrom, der doch so klinisch kanalisiert sein, klar am Gerüst des Alphabets baumeln will.
Z wie zweimal lesen: Wenn auch der Inhalt manchmal befremdet, das Bild der Person(en) und ihrer Leiden am eigenen Ich durch bekannte Nebel schlingert: die Sprache hält fest, gibt Halt in ihrer schön schürfenden Suchbewegung und zwingt zur neuerlichen Zuwendung. Ein Analytiker reist durch Alphabet und Anatomie. Warum bedienen sich Schimpfwörter eigentlich so oft lebenswichtiger Körperteile?
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Kreiszeitung Stuhr-Weyher]
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