1.) - 2.)
Nach der
Liebe beginnt ihre Geschichte.
Theaterstück von Botho
Strauß (2005, Zürich).
Besprechung von Christine
Diller im Münchner
Merkur, 18.9.2005:
Eine
Trutzburg der Schönheit
Uraufführung in Zürich: "Nach
der Liebe beginnt ihre Geschichte" von Botho Strauß
Die klassische Paardynamik: Da haben zwei Menschen über ihrem gemeinsamen Kind ihre Liebe zueinander und alle übrigen Gemeinsamkeiten verloren. Im Fall der beiden Stadtplaner Astel und seiner Frau Kiro ist der gemeinsame Sohn zwar längst ausgezogen. Aber ihr Baby, nach dem sie ihr Leben eigentlich ausgerichtet haben, ist die Utopiestadt Beaumonde: "60 000 Hektar eingezäunter Garten Eden.
Parkstadt. Gated Community. Beaumonde ein Ort des Lichts und der Stille, der Sicherheit und des Wohlergehens", textet Astel für die Werbebroschüre seiner Agentur Beaumonde. Eine Trutzburg der Schönheit in der "Welt der Entstellten" mit ihrem Schmutz, ihrer Armut und Brutalität.
Die wunderbare Villen-Welt des Paares jedoch ist vor lauter Utopismus lieblos und grabesstill geworden. So empfindet es jedenfalls die Haushälterin Celia, die sich als zaubertrickreicher Puck betätigt und das Paar zwar nicht chaotischen Mittsommernächten aussetzt, sondern erhellenden Albträumen und einem risikoreichen Experiment. "Ist eine Liebe nicht erneuerbar wie ein beschädigtes Gelenk?", fragt sich die pragmatische Fee.
"Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte", lautet die Antwort von Botho Strauß und ist auch der Titel seines jüngsten Stücks. Regisseur Matthias Hartmann, von Bochum nun nach Zürich gekommen, hat diese grausame, gleichwohl verstörend hoffnungsvolle Beziehungsgeschichte als zweite Premiere seiner Intendanz am Schauspielhaus inszeniert. Den Premierenreigen hatte einen Tag vorher Barbara Frey mit Ibsens "John Gabriel Borkman" eröffnet.
Karl-Ernst Herrmann hat für die Strauß-Uraufführung im Zürcher Schiffbau eine lang gestreckte Versuchsplattform errichtet, an deren beiden Längsseiten das Publikum platziert wird. Requisiten und Instrumente des Gefühls-Laboratoriums werden auf die Bühne heraufgereicht, Glaswände zur zeitweiligen Separierung der Menschen auf die Plattform gezogen und Personen wie Gegenstände bei Bedarf mit Transportbändern an ihren Bestimmungsort befördert.
Die Angst der Laborratte beim Tierversuch
Obwohl diese Versuchseinrichtung vom Charme einer Waschstraße dem Forschungsgedanken des Stücks gerecht wird, trägt sie nicht sehr zum Erkenntnisgewinn des Publikums bei: Denn in diesem Stück, das sich eher liebevoll als zynisch den Zweierbeziehungen als Mikrozellen der Menschheit zuwendet, wird eben nicht nur hantiert und manipuliert. Es werden auch sehr viele wahre, irritierende, ewig gültige und doch nicht abgegriffene Worte gesprochen. Aber selten reichern sie sich zu berührenden Szenen an, meist verflüchtigen sie sich im regen Aktionismus auf der weiten Bühne. Und die klinisch gleichmäßige, aber dadurch nicht immer besser verständliche Mikroport-Akustik tut das Ihre, diesem zarten, feinen Stück seine intime Menschlichkeit fast auszutreiben.
Da verlieren Auseinandersetzungen ihre Schärfe, Lieblosigkeiten ihre Brutalität. Wenn das Paar etwa von Kiros Geburtstagsessen heimkehrt und die trennende Glasscheibe das einzig Glanzvolle zwischen den beiden zu sein scheint. Dann klagt Kiro den halben Mond und ihren "halben Mann" an, protestiert gegen ihren Rauswurf aus der Agentur durch eben diesen - wegen einer Neuen. Sichtbar sind davon die Gesten, aber kaum fühlbar die Verzweiflung, Ausweglosigkeit - die Angst der Laborratte beim Tierversuch.
Die Schauspieler aber halten mit aller Macht gegen diese Dämpfung. Robert Hunger-Bühler spielt einen in Gefühlsdingen rührend unbedarften Astel. Nichts, schon gar nicht ein Gefühlsausbruch seiner Frau, bringt ihn aus seiner fast schon boshaften Fassung. "Was ist Glashaus, was ist Welt? Was innen, was außen? Was Automat, und was Organ? Nicht mehr zu unterscheiden", stellte Botho Strauß 1989 in seiner Rede zur Büchner-Preis-Verleihung fest beim Versuch, unsere Gegenwart zu beschreiben.
Sein, Schein und Stein in der Kombiwelt
Und Astel, für den die Künstlichkeit seiner Beaumonde so selbstverständlich geworden ist wie die Künstlichkeit seiner Gefühle, fragt nun: "Was ist Glashaus? Was ist Welt? Wer wirft wo den ersten Stein? Kein Unterschied von Sein und Schein und Stein in dieser Kombiwelt." Diejenige, die die Steine abbekommt, ist Kiro. Corinna Kirchhoff spielt eine zähe Schmerzensfrau, brüllt und weint, kuschelt und kämpft. Es ist im Stück ihre undankbare Aufgabe, sich und Astel zu erlösen, denn während er von der Neuen in der Agentur und anderen Frauen angemacht wird und das staunend genießt, geht Kiro durch die Hölle.
Liebesgeschichte in ihre Einzelteile zerlegt
Begegnet angeblichen Ex-Geliebten ihres Mannes, sieht zu, wie der Sohn von einer Ex-Freundin verunstaltet wird, und tötet sie aus Rache, wird gefangen genommen und gedemütigt. "Erotonen-Beschuss", die Aufladung eines positiven Liebeskerns durch negative Teilchen, ist das Mittel von Haushälterin Celia, um das alte Paar wieder füreinander zu interessieren. Karin Pfammater gibt den Machenschaften dieser irrlichternden Figur eine gewitzt-beschwingte Note. Unterdessen müht sich Kiro in einer ihrer Prüfungen, einen Haufen Schrott auseinander zu sortieren und Teil für Teil wieder richtig an das Dazugehörende zu fügen. "Nicht pressen. Nicht brechen.
Nicht biegen nicht schleifen nicht zwängen." Das scheint der Schlüssel zu sein zur Wiederherstellung der Liebe. Strauß hat eine Liebes- und Eifersuchtsgeschichte in ihre Einzelteile zerlegt. Und Regisseur Hartmann presst, bricht und biegt nicht. Er lässt alles so spielen, wie es auf dem Papier steht. Außer dass er Szenenanweisungen, nicht nur die absurdesten, sprechen lässt, was den Versuchscharakter noch unterstreicht. Das Zusammensetzen der Einzelteile aber überlässt auch er den Zuschauern. Und wie bei Kiro bleibt eine Skepsis zurück: "Gibt's eine Liebesgeschichte? Nur dann, wenn sie zuende ist?"
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2.)
Nach der
Liebe beginnt ihre Geschichte.
Theaterstück von Botho
Strauß (2005, Zürich).
Besprechung von Ulrich Fischer aus den Nürnberger
Nachrichten vom 20.09.2005:
Von der Vergänglichkeit der Liebe
Matthias Hartmann inszenierte in Zürich die Uraufführung der neuen Komödie
von Botho Strauss
Das neue Stück von Botho Strauss „Nach der
Liebe beginnt ihre Geschichte“ handelt von der Liebe, ihrer Vergänglichkeit
und der Nützlichkeit der Eifersucht. Astel, ein Architekt, Stadtplaner,
Unternehmer, und seine Frau Kiro haben sich lange schon entfremdet. Gut, dass
sie in einem Stück von Strauss vorkommen, der ihnen (s)einen guten Geist
beigesellt, Celia. Sie hilft nicht nur im Haushalt, sie kann auch zaubern und
nimmt sich vor, das Paar wieder zusammenzubringen. Bis zum guten Ende vergehen
drei Akte, in neunzehn Szenen gegliedert - sie folgen nicht einem üblichen
roten Faden, sondern sind, Variationen zum Thema, lose aneinander gefügt.
Matthias Hartmann hat diese Uraufführung inszeniert und damit seinen Einstand
als neuer Intendant des Zürcher Schauspielhauses gegeben.
Nach der anfänglichen Trennung, Irrungen & Wirrungen will Kiro wieder zurück,
zu ihrem Mann, ihrem Haus, ihrer sozialen Stellung. Sie muss Federn lassen, Demütigungen
hinnehmen — als Bild dafür wählt Strauss einen engen Zaun, durch den sie
sich quetschen muss, was nicht ohne Verletzungen vor sich geht. Dann sind die
beiden wieder vereint - Celia ist zuversichtlich, dass es für immer hält.
Fabel als Lehrstück
Als Märchen über die Liebe ist das herzwärmend, aber die Fabel kann auch als
Lehrstück gelesen werden. Strauss sagt der Damenwelt, sie solle den Männern
besser den ein oder anderen Seitensprung nachsehen. Strauss beschreibt aber
nicht nur Gemütslagen seiner Figuren, er analysiert stets auch die Gesellschaft
— das kommt in dieser Komödie ein wenig kurz. Astel entwirft eine Stadt, in
der die Reichen unbehelligt von allem Unschönen leben können. Das wird sie
nicht glücklich machen - die Handlung beweist, dass Unsicherheit gerade dazu führt,
dass man aktiv wird - eine Voraussetzung für menschliches Glück.
Aber sonst sind viele Szenen schwammig, wie stets bei Strauss rätselhaft,
unklar - indes es gibt eine Ausnahmen, in der der Dramatiker seine bezwingendste
Stärke ausspielt: seine genaue Beobachtungs- und Verdichtungsgabe. Kiro trifft
in einer Boutique auf eine junge Verkäuferin, die ihr keine Aufmerksamkeit
schenkt; sie telefoniert lieber. Dann kommt die Überhöhung: Kiro lässt sich
die Nachlässigkeit nicht gefallen und attackiert das junge Mädchen.
Dabei geht sie entschieden zu weit und sticht auf sie ein. Der Anspruch der
feinen Leute, dass man ihnen Respekt zollt, ist mit einer gehörigen Portion
Aggression geladen - die seit längerem zunehmenden Klassenspannungen sind in
letzter Zeit nie so treffend und so komisch auf der Bühne zu sehen gewesen.
Ansonsten nähert sich Matthias Hartmann dem Stück mit allzu viel Respekt.
Karl-Ernst Herrmanns Bühnenbild ist zu groß und zu chic geraten, es erinnert
stark an die Zeit der Schaubühne, wo Herrmann wegweisende Entwürfe schuf —
dort wurden früher, als Strauss jünger war, regelmäßig seine Stücke
uraufgeführt - und in Zürich verdichtet sich der Eindruck, dass Matthias
Hartman heute gern an die sagenhaften Erfolge der Schaubühne anknüpfen möchte.
Die Schauspieler agierten hervorragend, ein starkes Ensemble, glanzvoller noch
als in Bochum, wo Hartmann bislang arbeitete. Viel Applaus bekam zu Recht
Corinna Kirchhoff als Kiro, hinter ihr blieb Robert Hunger-Bühler als ihr Gatte
Astel zurück. Überragend Karin Pfammatter als Celia: sie gab eine puckhafte,
ins Freundliche gewendete Verkörperung der poetischen Fantasie von Botho
Strauss.
Botho Strauss hat in diesen ernsten Zeiten auch ein ernsteres Stück
geschrieben: „Die Schändung“; die Tragödie soll in vier Wochen in Paris
uraufgeführt werden. Es geht um die Barbarei in unserer Zeit. Ein gutes Ende
ist nicht zu erwarten.
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