Nach den Kriegen von Dagmar Leupold, 2004, Beck1.) - 2.)

Nach den Kriegen.
Roman eines Lebens von Dagmar Leupold (2004, Beck).
Besprechung von Angelika Overath in Neue Zürcher Zeitung vom 14.9.2004:

Vaterarbeit
Dagmar Leupolds Roman «Nach den Kriegen»

Das Buch hat einen wunderbaren Umschlag. Collagenhaft erzählt es eine Geschichte, nein, es suggeriert das Einholen einer Geschichte: Eine junge Frau setzt einem älteren Mann nach, der gelassen rauchend am Horizont zu verschwinden scheint. Während sie lebensecht im Vordergrund bleibt, umgibt ihn die Aura einer ausgeschnittenen Schwarz-Weiss-Fotografie, wie aus einer anderen Zeit. Sie rennt. Oder rudert sie nicht eher, mit ausgreifenden Armbewegungen? Schwimmt sie sich frei? Jedenfalls steckt sie bis zum Hals in einem wasserblauen Medium, nur der Kopf ist schon auf der Höhe eines struppig-wüsten, ortlosen Feldes (Schlachtfeld?, Stoppelfeld?), das sie und den Mann trennt. Und damit hat der Umschlag einiges über den Text gesagt.

Mit «Nach den Kriegen» legt Dagmar Leupold (Jahrgang 1955) den «Roman eines Lebens» vor. Bald wird dem Leser klar, dass der Untertitel ironisch zu verstehen ist. Ein Roman ist der Text nicht; seinen Ausgang allerdings nimmt er bei einem Roman, genauer bei einem Romanprojekt, das der Vater der Autorin für sich nicht einlösen konnte. Rudolf Leupold, geboren 1913 in Bielitz, einer deutschen Sprachinsel in Polen, gestorben 1986 in Mainz, war ein zerrissener Mann: «Als Deutscher in Polen, als Flüchtling in Deutschland, als progressiver Pädagoge [. . .] unter konservativen Pädagogen, als Protestant unter Katholiken» und, was die Autorin erst nach seinem Tod aus den Hinterlassenschaften erfuhr, als Mitglied der «Jungdeutschen Partei für Polen» und der NSDAP mit dem Nationalsozialismus weit mehr verbunden, als sie angenommen hatte.

Biografisches Suchbild

Der in Polen diskriminierte Deutsche muss im aufkommenden Faschismus eine Karrierechance gesehen haben. Dass er aber nach dem Krieg kein Reaktionär wurde, sondern FDP und schliesslich Willy Brandt wählte, lag daran, dass ihm «der Nationalsozialismus nur so lange ideologisch nah war, wie es ihm zum Vorteil gereichte». Im bürgerlichen Leben war Rudolf Leupold Studienrat für Mathematik, Autor mehrerer Fachbücher. Sein Traum aber war der autobiografische Roman. «Je länger das Buch ungeschrieben blieb, um so grösser wurden die Ansprüche an es, um so schwerer und lähmender die Bürde des Ungestalteten.» Nach dem Tod des Vaters nimmt sich die Tochter dieses Scheiterns an wie eines späten Auftrags. Die Frage, wer der eigene Vater war, verspricht im Echo eine Antwort darüber, was es heisst, «Tochter zu sein, Tochter dieses Mannes». Dagmar Leupold beginnt ein Suchbild über Rudolf Leupold. Wie sie das tut, ist ungewöhnlich und klug. Entstanden ist eine Collage aus fiktionaler Prosa und Kindheitsbildern, historischer Dokumentation, soziologischem und literaturkritischem Essay.

Die Rahmenhandlung beginnt im Herbst 1986. Die Tochter reist von New York zur Beerdigung des Vaters. Sie wird zu spät kommen, da der Flugplan geändert werden musste. Dieses Verpassen bleibt symptomatisch, drei Wochen zuvor hatte sie tagelang am Bett des Sterbenden verbracht und war dann doch zu früh abgereist. Das Buch endet am 18. Februar 2003, seinem neunzigsten Geburtstag; die Tochter legt ihm Mimosen aufs Grab, unsicher, ob dies wirklich seine Lieblingsblumen gewesen sind oder ob auch diese Vorliebe, wie vieles, was man von ihm sagte, nur Legende war. Die Tochter am Sterbebett war 31 Jahre alt gewesen, die Tochter, die nun am Grab steht, ist 48. Ihr bleibt ein staunendes Zweifeln und ein vom Vater erzähltes Bild, das sie am Anfang ihres Lebens festhält: als ein im Arm des Vaters geborgenes, molchblasses und wimpernloses Kind.

Das zeitliche Wechseln des Tochter-Ichs und damit die Varianten in Perspektive und Ton des Buchs sind auf drei Ebenen zu unterscheiden. Da ist die knapp Fünfzigjährige, die den Vater postum verstehen will und die die Recherche- und Erinnerungsarbeit immer wieder reflektiert, da ist die Einunddreissigjährige (in der Klinik und im Flugzeug), die keinen befriedigenden Abschied vom Vater findet, und da ist das Kinder-Ich, das durch die familiären Alltagshöllen der späten fünfziger und sechziger Jahre irrlichtert. Und diese Passagen - sie machen knapp die erste Hälfte des Buches aus - sind wohl die literarisch eindrücklichsten. Der Kettenrauch des schlaflosen Veteranen mit unerfüllten Ambitionen umlullt ein gedrücktes Familienleben, in dem bei jeder Mahlzeit der Krieg auf den Tisch kommt. Lichtblicke sind Ferien bei der Grossmutter und Phantasien, die das Kind Dagmar eine freiere «Leonie» sein lassen oder einfach ein Pferd.

Zunehmend wird das Buch intellektueller. Bald spricht die Autorin als Dagmar Leupold unmittelbar in den Text hinein, manchmal spielt sie damit, Figuren aus dem Leben des Vaters zu erfinden, Alternativen zu imaginieren, aber schnell wischt sie solche Etüden wieder weg und konzentriert sich auf den Blick der Historikerin, die die Tagebücher des Vaters auswertet und seine anhand von Wehrmachtsmaterialien gegenrecherchierten Verwicklungen kommentiert. Die Perspektive der Literaturkritikerin erlaubt ihr, die Erzählungen und Fragmente des Vaters zu referieren und zu beurteilen. Sie zeigt - zum Teil in Gutachtenprosa - literarische und ethische Abhängigkeiten auf, etwa zu Ernst Jüngers «Strahlungen», oder eine Nähe zu Benns «Der letzte Ptolemäer», auch zur politikskeptischen Haltung Thomas Manns. Dagmar Leupold geht in diesem zweiten Teil mit einer unerbittlichen wissenschaftlichen Akribie ans Werk, die bis zuletzt positivistisch zu hoffen scheint, dass eine Wahrheit über den Vater gefunden werden kann.

Im mentalitätsgeschichtlichen Dunstkreis

Es ist eine grosse Stärke des Buches, dass es in dieser Suche scheitert, auch wenn sich der Tochter ein mentalitätsgeschichtlicher Dunstkreis öffnet. Der Vater, erkennt sie, war Poseur, nicht Politiker. Was ihn antrieb, waren Mittelmass und Wahn, war der Dünkel des Gedemütigten und nicht die kalte Menschenverachtung. Er, der nichts gegen Juden hatte, ja der ignorant genug war, sie atmosphärisch-folkloristisch zu schätzen, wohnte selbstverständlich in den Wohnungen der Abtransportierten. Der Krieg, der Holocaust waren ihm eine Schicksalsmacht, der gegenüber er sich als Ästhet irgendwie fremd gesehen haben muss.

Die Tochter versteht den Vater nicht, aber sie lotet ihr Nichtverstehen aus. Und sie findet ein Symbol für diese schmerzende fremde Nähe des in jeder Hinsicht Kriegsversehrten: «Ich erinnere mich sehr genau an die Hände meines Vaters und kann doch nicht mit Bestimmtheit sagen, welche Finger fehlten.»

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0906 LYRIKwelt © NZZ

***

Nach den Kriegen von Dagmar Leupold, 2004, Beck2.)

Nach den Kriegen.
Roman eines Lebens von Dagmar Leupold (2004, Beck).
Besprechung von Werner Jung in der Frankfurter Rundschau, 05.01.2005:

Versuch im Familienarchiv
Wenn Verstehen unmöglich wird: Dagmar Leupold erfindet ihren Vater neu

Einerseits hat sich Dagmar Leupold mit ihrem neuen Roman ins inzwischen modische Feld der Vertriebenenliteratur hineingeschrieben - ihr Text kann bestens bestehen neben Reinhard Jirgls Die Unvollendeten (2003) oder Christoph Heins Landnahme (2004) -, andererseits widmet sie sich wiederum einem Genre, dem Vaterroman, das eigentlich seit den achtziger Jahren mit Ludwig Harigs Ordnung ist das ganze Leben (1986) ans Ende gekommen zu sein schien. Genau in diesem Zwischenreich aber liegt die besondere Bedeutung dieses Romans, dessen poetologischer Kern in den ständigen Selbstzweifeln der Erzählerin steckt. Denn dieser Vater ist über seinen Tod hinaus der Fremde in der Familie geblieben: "Weil er so fremd blieb, lud der Vater dazu ein, ihm Vorlieben und Aversionen anzudichten, überhaupt ihm durch Zuschreibungen eine Gestalt mit festen Umrissen zu verleihen."

Leupold erfindet im Text also den Vater neu, lässt ihn im Schreiben auferstehen, gerade so, wie es auch Ludwig Harig seinerzeit in seinem Vaterroman beschrieben hat: "Vielleicht war der Atem, der so duftig und demiurgisch roch und rauschte, Vaters Erfindung, und nun, da Vater tot ist, muß ich ihn zum zweitenmal erfinden. Doch die Luft, die er so lebensvoll atmete, zerplatzt mir in lauter Seifenblasen aus Wörtern, und wenn ich den Mund aufmache und zu erzählen beginne, zerstiebt ein halbes Jahrhundert zwischen meinen Lippen in einzelne Silben, die ich immer und immer wieder neu zusammensetzen muß zu Wörtern, die ich noch gar nicht kenne." Mit einem entscheidenden Unterschied freilich: die fehlende Sicherheit.

Krieg als Testfall

Wo Harig vergleichsweise souverän - und dies gilt auch für die anderen, älteren Väterbücher von Ruth Rehmann, Christoph Meckel oder Siegfried Gauch - Lebensgeschichten auf den fixierenden und erklärenden Begriff (bei Harig die ‚Ordnung') bringt, da fehlen bei Leupold Stetigkeit und Teleologie. Sie schreibt über schroffe Gegensätze und Widersprüche, für die sie formelhaft den Krieg einsetzt. Der Krieg als experimentum crucis, als Testfall. Alles ist danach anders geworden - doch ist er, der Vater und Fremde, nicht immer derselbe geblieben?

Als die Erzählerin 1955 zur Welt kommt, ist Vater Rudolf Leupold bereits 42, eine allseits geachtete Persönlichkeit, Mathematiklehrer, möglicherweise hochbegabt, überaus gesellig, eine Art ‚womanizer'. Er liebt die Künste und ist befreundet mit Malern, spricht perfekt polnisch, verachtet die politische Reaktion leidenschaftlich und gibt sich betont liberal: "er war Studienrat am Oberlahnsteiner Gymnasium, hatte mittlerweile Frau und Familie und ein Paar Hobbys, wie man die Freizeitgestaltung damals zu nennen anfing. Er gehört nun zu den beneideten Durchschnittsmenschen mit festem Einkommen, nicht geläutert, aber ernüchtert und angepaßt. Heimat und Nationalgefühl spielten in der Erziehung der Töchter ... keine Rolle, was in ihnen Auftrag, Versprechen und Verbrechen gewesen war, wurde nicht mitgenommen in die neue Republik - höchstens als sentimentales Schmuggelgut, das man auspackte, wenn man unter sich war." Dieser Mann ist allem Anschein nach bestens angekommen in der Nachkriegsgesellschaft; er hat sich, wie es die Erzählerin an einer Vielzahl von Beispielen belegt, durchgesetzt. Dennoch ist er stets der Fremde für die anderen Familienmitglieder geblieben - nicht etwa, weil er als Schlesier das Vertriebenenschicksal mit entsprechenden Fremdheitsgefühlen (wie etwa bei Jirgl oder Hein geschildert) zu erleiden hatte, sondern weil da noch eine andere, dunkle und abseitige Existenz in dieser Vatergestalt schlummert: das Leben vor und während des Krieges.

So findet die Tochter, die den Tod des Vaters und seine Beerdigung selbst nicht miterleben kann, weil sie Probleme mit ihrem Flug aus den USA nach Deutschland hat, ein Tagebuch sowie weitere Texte des Vaters, die dessen Haltung, Einstellung und ideologisches Rüstzeug, auch literarische Ergüsse und Versuche während des Faschismus und kurz danach dokumentieren. Obwohl kein 100-prozentiger Nazi - er war Anhänger der jungdeutschen Bewegung, allerdings seit dem Frühjahr 1941 auch Mitglied der NSDAP -, arrangiert er sich doch bestens mit Regime und Bewegung, macht unaufhaltsam Karriere und schaut mit starrem Blick nach vorn.

Kontrafaktischer Nachvollzug

Ein Rationalist und Mathematiker - zugleich haltlos im Hier und Jetzt, im Dunkel des gelebten Augenblicks befangen. Ernst Jünger und Gottfried Benn sind für eine Weile seine Gewährsmänner, Autoren, bei denen er die "Verhaltenslehren der Kälte" (wie das Buch Helmut Lethens über die Literatur der Zwischenkriegszeiten heißt) lernt. "Unfähigkeit zur Gegenwart", so versucht Leupold an einer Stelle einen Deutungsversuch: "vielleicht das Kennzeichen einer Generation, die beide Weltkriege erlebt hat und der zwischen nostalgischem Verherrlichen oder Verdrängen der Vergangenheit einerseits und größenwahnsinnigem Entwerfen der Zukunft andererseits die Gegenwart abhanden gekommen ist."

Immer wieder versieht Dagmar Leupold in der zweiten Hälfte ihres deutlich in zwei Teile gegliederten Buches, nachdem sie zuvor erlebte und erlittene Lebensgeschichte im Elternhaus, vor allem die Zeit der sechziger und frühen siebziger Jahre, sinnlich-plastisch erzählt hat, Zitate aus Texten ihres Vaters mit interpretierenden und kommentierenden Passagen, um diese Fremdheit der Vatergestalt vorzustellen - und sie andererseits im verstehenden Nachvollzug für sich selbst wieder begreiflicher zu machen. Um schließlich, wie es in einer kurzen Vorbemerkung heißt, eine "vermißte Gestalt" "in der Imagination" - am Ende also: als Figur im Text - wiedererstehen zu lassen.

Ein eckiges, sperriges Buch, ein Roman mit vielen Erklärungen und Deutungen, sogar mit Literaturhinweisen. Alles in allem jedoch eine wunderbare Erzählung über die Unmöglichkeit des Verstehens und die Notwendigkeit des unausgesetzten kontrafaktischen Versuchs eben hierzu - mithin ein gelungenes Stück Literatur.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0105 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau