Nach
dem Regen.
Roman von Jon
McGregor (2006, Klett-Cotta - Übertragung
Anke Caroline
Burger).
Besprechung von Fitzgerald
Kusz in den Nürnberger
Nachrichten vom 25.12.2006:
Leben wie in Watte gepackt
Spurensicherung: „Nach dem Regen“ von Jon McGregor
Autoren, die ihren ersten Roman schreiben,
versuchen immer wieder die Quadratur des Kreises. Sie wollen den Roman neu
erfinden und verstoßen gegen seine Gesetze. Das geht in den meisten Fällen
schief, aber manchmal kommt dabei auch ein großer Wurf heraus. Der 1976 in
Bermuda geborene und heute im mittelenglischen Nottingham lebende Jon McGregor
ist mit seinem Erstling „Nach dem Regen“ ein hohes Risiko eingegangen.
Der an einem Tag spielende Roman erzählt die Geschichte einer kleinen überschaubaren
Straße und ihrer Bewohner. Der Name der Straße wird nie genannt, der Name der
im Norden Englands gelegenen Stadt wird auch unterschlagen. Die Straße soll
gleichnishaft für alle Straßen stehen, in der Menschen leben. Die Erzählung
soll sich zu einer umfassenden Parabel über die conditio humana weiten: „Mach
die Ohren auf, dann hörst du’s. Sie singt die Stadt.“ Der Anfang gibt schon
die Stillage vor, die den ganzen Roman durchzieht. Die beiden Pole Geburt und
Tod, um die das Leben der Menschen kreist, bilden den äußeren Rahmen der
Handlung.
McGregor poetisiert die Wirklichkeit, in dem er sie lyrisch überhöht. Das
erreicht er vor allem dadurch, dass er die Erzählzeit verlangsamt und minuziös
wie in Zeitlupe erzählt. Dabei gelingen ihm wunderbare Passagen von lyrischer
Intensität, kleine short cuts im trüben Einerlei einer Alltagsprosa, die auch
noch das allerbanalste Detail in monotonen Sätzen festhält.
Zwischen den Personen kommt es auch nie zu Konflikten. Ihr ganzes Leben ist wie
in Watte gepackt. Der deutsche Titel „Nach dem Regen“ weckt falsche
Erwartungen. Die Spannung, die er verspricht, bleibt aus, obwohl am Schluss ein
furchtbarer Unfall die idyllische Atmosphäre der Straße zerstört. Der
Originaltitel „If Nobody Speaks of Remarkable Things“ ist da schon viel
ehrlicher. Jon McGregor schreibt über Dinge, die sonst niemand bemerken würde.
Er ist wie eine Figur im Roman, die alles sammelt, was ihm in die Finger kommt
und die Menschen seiner Umgebung auf Polaroids festhält, ein „Archäologe der
Gegenwart“.
Schreiben wird zur Spurensicherung: „Es passieren ständig bemerkenswerte
Dinge, direkt vor unseren Augen, aber unsere Augen sind, als wären Wolken vor
der Sonne, und unser Leben ist blasser und ärmer, wenn wir sie nicht als das
erkennen, was sie wirklich sind.“
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