Nachbeben.
Roman von Dirk
Kurbjuweit (2004, Nagel & Kimche).
Besprechung von Malve
Gradinger im Münchner
Merkur, 29.12.2004:
Das Gesetz
des Lebens
"Nachbeben" - Roman von Dirk
Kurbjuweit
Erdbeben - in ihrer Plötzlichkeit und Gewalt eine Geißel der Menschheit. Ihre Erforschung oberste Notwendigkeit, für Wissenschaftler ja auch eine Leidenschaft. Der alte Luis sitzt den ganzen Tag an seinem Seismographen auf dem Kleinen Feldberg im Taunus, weiß sofort, wenn es irgendwo auf der Welt gewackelt hat, in Sizilien, Nicaragua oder Sichuan. Gleichzeitig wird er, obgleich Wissenschafts-Einsiedler, zum Beobachter auch gesellschaftlicher und privater Erschütterungen: "Nachbeben" heißt der vorwiegend aus der Perspektive des Seismologen erzählte Roman von Dirk Kurbjuweit (42). Und der liest sich - da ist auch der Spiegel-Reporter Kurbjuweit am Werk - in einem Zuge durch.
"Welche Fortschritte hat es in sechzig
Jahren in anderen Disziplinen der Wissenschaft gegeben! Der Gencode ist
entschlüsselt, Tuberkulose heilbar, ein Telefon so groß wie eine
Zigarettenschachtel", sinniert der 82-jährige Luis, der sich resigniert
eingesteht, dass dagegen die Seismologie immer noch keine hundertprozentigen
Voraussagen machen kann. Unberechenbarkeit - auch das Gesetz des Lebens.
Aus einer Erdbebennacht kann eine Liebesnacht werden: Südlich von Köln ortet
Luis ein Beben der Stärke vier. Notrufe gehen auf der Erdbebenwarte ein, wo
außer Luis nur noch das Hausmeisterehepaar lebt. Lorenz, dessen Sohn, wirft
sich ins Auto, um einer ängstlichen jungen Frau in einem Kölner Hochhaus
beizustehen . . .
Selma und Lorenz heiraten 1989, im Jahr der Wiedervereinigung. Und indem Luis,
der Lorenz mit geradezu väterlicher Aufmerksamkeit und Fürsorge hat aufwachsen
sehen, nun dessen Ehe und berufliche Karriere in der Bundesbank verfolgt, wird
er auch zum Chronisten der 90er-Jahre: in Zeiten der Wohnungsnot verzweifelte
Suche des Paares, das zunächst auf dem Feldberg wohnt, Hauskauf auf Kredit,
Aids-Test, Verträge von Maastricht und der geplante Euro, deshalb Sorge um den
Arbeitsplatz von Lorenz, dem "letzten Helden der Mark". Eine
Berufsreise nach Tirana, während der Lorenz sich in eine junge Albanerin
verliebt und bei einer Autotour mit ihr einen kleinen Jungen totfährt.
Erpressung durch die Albaner. Schulden. Alkohol. Gegen eine Bestechungssumme
Prognosenfälschung in der Bundesbank und schließlich Rausschmiss. Dies
sicherlich kein deutsches Durchschnittsschicksal. Doch in einigen Zügen ist
dieser Lorenz Kühnholz tatsächlich der Prototyp eines gescheiterten deutschen
Hoffnungsträgers.
Dennoch hat das Buch ein Handicap: So begierig man sich vorwärts locken lässt
von Kurbjuweits lapidarem Stil, von diesem Ton, der knapp und dennoch
eindringlich zeitbedingte Lebenssituationen aufklingen lässt - am besten Luis'
Rückerinnerung an seine euphorisch erlebte Unbekümmert-Jugend im
Nachkriegs-Trümmerdeutschland -, so enttäuscht ist man, wenn man es zuklappt.
Die Parallelsetzung geologischer und existenzieller Umbruchsbewegung, im Grunde
die ganze Lorenz-Story, scheint da nur noch Gerüst, um es mit Streiflichtern
jüngster gesellschaftlicher Veränderungen zu bestücken.
Was ist das, was Kurbjuweit da geschrieben hat? Ein Gesellschaftsporträt? Ein
Entwicklungsroman? Ein Vaterschafts-Krimi zwischen Luis und dem Hausmeister, der
sich und seine Frau am Ende erschießt? Wenn das Gelesene so dicht wäre, wie
bei den US-Chronisten John Updike und
Philip Roth, hätte man wohl keine Fragen.
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