Muttersohn von Martin Walser, 2011, Rowohlt1.) - 6.)

Muttersohn.
Roman von Martin Walser (2011,
Rowohlt).
Besprechung von Jens Dirksen aus NRZ vom 11.7.2011:

Ein komischer Heiliger
Eine Mischung aus Jesus, Dostojewskis Idiot und Hanns Dieter Hüschs Hagenbuch: Martin Walsers neuer Roman „Muttersohn“ rund um einen Heiler namens Anton Percy Schlugen schwankt zwischen Süßlichkeit und romantischer Ironie.

„Glauben heißt, die Welt so schön machen, wie sie nicht ist“: Rund um diesen hellsichtigen Satz erzählt Martin Walser seinen neuen Roman „Muttersohn“. Der Mann, der mit dem Titel gemeint ist, glaubt, bis sich die Balken biegen. Anton Schlügen, den schon seine Mutter Percy nennt (wegen Percy Sledge und dessen Soulhymne „When a Man Loves a Woman“), hat keinen Vater. Es war keiner nötig, sagt seine Mutter. Percy, ihr „Engel ohne Flügel“ mit „morgenroten Haaren“, ist eine Art Jesus für die Jetztzeit. Dostojewskis „Idiot“ auf Seelenwanderung irrt durchs 21. Jahrhundert.

Percy, geboren im Deutschen Herbst 1977, ist ein erfolgreicher Heiler, der sich in Talkshows bestaunen lässt. Nun kehrt er zurück ins psychiatrische Landeskrankenhaus Scherblingen am Bodensee, wo er bei Augustin Feinlein gelernt hat, wie das geht: heilen. Die Psychiatrie, in einem ehemaligen Kloster untergebracht, ist eine utopische Insel, wo jeder das arbeitet, was er kann und will, wo Ziegenmelken und Pferde zur Gesundung genauso beitragen wie der selbst angebaute Weizen und das „Scherblinger Schweigen“.

Man weiß nicht immer ganz genau, wer hier Patient ist und wer Pfleger, was ernst gemeint ist und was nicht. Es werden Lebensgeschichten erzählt, extraschräg und tief miteinander verwoben. Leider laufen sie selbst dem routinierten Erzähler Walser oft aus dem Ruder, werden geschwätzig oder zielen allein auf den Walser-Sound mit der Singsang-Melodie vom Bodensee.

In Scherblingen soll sich der „massiv blauäugige“ Percy um Ewald Kainz kümmern, der mal für seinen Vater gehalten wurde. Anders als der Name vermuten lässt (Walser verwendet nicht sprechende, sondern geradezu plappernde Namen), versucht Kainz nicht, seinen Bruder zu töten, sondern sich selbst – gescheiterte Liebe, gescheiterte Lebensentwürfe. Zu „Heruntermachern“ wie Kainz (zu denen auch Literaturkritiker gehören) ist Percy das Gegenbild, Welt, Leben, Tod und Menschen bejahend. Ein allzu süßliches Kitschbild, aber Walser versucht, das schreiend Unglaubliche durch einen ironischen Grundton und viel Humor zu mildern. Nicht selten klingt dies wie ein Echo auf den Kabarettpoeten Hanns Dieter Hüsch und seine bizarre Hagenbuch-Figur.

Dann aber wieder, und das knirscht gewaltig, sagt Walsers Held Percy Sätze, die eins zu eins gemeint sind, so gar nicht uneigentlich, sogar wahr und schön: „Im Glauben erfahre ich, wer ich bin. Wahrscheinlich. Es gibt keine zwei Menschen, die dasselbe glauben. Jeder hat nur seinen Glauben. Der Glaube, das ist die Handschrift der Seele.“

Romantiker mit Ironie

Nach zwanzig Romanen, nach seinem großen Goethe-Wurf „Ein liebender Mann“ wird Martin Walser auf seine alten Tage zum Erz-Romantiker. Nicht naiv, sondern ironisch. Er hat vor 30 Jahren schon in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen erkannt, dass Ironie „ganz aus dem überwältigenden Erlebnis des Mangels“ stammt, „dem sie zuzustimmen versucht“. Im „Muttersohn“ wird sie jedoch zum Schleicher für ein Panoptikum aus komischen Heiligen und nervenzehrenden Charakterdarstellern, und so mancher von ihnen muss am Ende dran glauben. Aber das macht den Roman auch nicht mehr schön.

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Muttersohn von Martin Walser, 2011, Rowohlt2.)

Muttersohn.
Roman von Martin Walser (2011,
Rowohlt).
Besprechung von Peter Mohr aus dem titel-magazin, 11.7.2010:

Frohe Botschaft aus der Psychiatrie
»Vor zwanzig Jahren hätte ich so ein Buch überhaupt nicht schreiben wollen und auch nicht schreiben können«, bekannte Martin Walser kürzlich in einem Interview in der Rheinischen Post über seinen neuesten Roman Muttersohn, der am 12. Juli erscheint.

Tatsächlich ragt Walsers neuer Roman Muttersohn nicht nur wegen seiner Opulenz aus dem Walser-Œuvre heraus. Es ist ein Buch, das von einer bisher nicht gekannten Altersmilde geprägt ist, durch und durch versöhnlich im Grundtenor und dabei ganz stark religiös-philosophisch untermalt. Das klingt staubtrocken und gedankenschwer. Ist es aber ganz und gar nicht. Trotz vieler tiefsinniger aphoristischer Gedankensplitter erleben wir einen sprudelnden Erzählfluss mit vielen Nebenfiguren, Handlungsschlenkern und Anekdoten.

Hommage an Arno »Schwillk« Schmidt

»Du bist geleitet. Du bist ein Engel ohne Flügel«, redet Josefine (genannt Fini) Schlugen ihrem Sohn Anton Percy ein und erklärt ihm früh, dass zu seiner Zeugung kein Mann nötig gewesen sei, dass er mithin ein besonderes Wesen ist, ein Auserwählter und vor allem ein »Muttersohn«. Percy (Jahrgang 1977), der von einem Pfarrer am Weihnachtsabend nach einem Autounfall vor dem Tod gerettet wurde, wird Krankenpfleger im psychiatrischen Landeskrankenhaus Scherblingen und entwickelt dort außergewöhnliche, von den Ärzten geschätzte Fähigkeiten.

»Zwei Empfindungen waren Percy fremd: Furcht und Ungeduld.« Seine Ausdauer als »schweigender« Therapeut und sein später erwachendes rhetorisches Talent bringen ihm rasch eine respektable Berühmtheit ein. Irgendwie ist Percy immer bestrebt, das durch die Vaterlosigkeit entstandene Loch in seiner Biografie aufzufüllen. Vor laufenden TV-Kameras wird er mit der Frage konfrontiert: »Dass Sie mit Nazareth konkurrieren ist Ihnen bewusst?«

Seine Mutter Fini, die zweite Hauptfigur im neuen Walser-Roman, hatte viel Pech im Leben. Als Säugling wollte ihre Mutter sie sterben lassen, sie musste sich später stets allein als Schneiderin durchbeißen und erlebte mit den Männern stets Schiffbruch. Dem angebeteten einstigen 68er-Aktivisten Ewald Kainz, dem sie auf einer Demo einmal die Manuskriptblätter hielt, schrieb sie eine Menge Briefe. Abgeschickt hatte sie keinen, nur dem Sohn Percy hat sie später daraus vorgelesen. Wie biografische Vermächtnisse, wie einen abgeschlagenen Ast des Familienbaums behandelt Fini die gehorteten Briefe an Ewald. Auch ihren späteren Lebensgefährten Hugo Schwillk hatte Fini über einen regen Briefwechsel kennen gelernt.

Dieser Schwillk, der sich in einer Mischung aus Verehrung und Wahn nach dem Dichter Arno Schmidt nennt, entpuppt sich als alkoholsüchtiger Prügler, der in seinen hellen Momenten Arno Schmidts Werk rauf- und runter zitiert – ähnlich wie in Uwe Timms letzter Erzählung Freitisch. An der Seite von Mutter und Sohn Schlugen tummelt sich ein buntes Figurenensemble: schillernde und schräge Charaktere wie der intrigante Dr. Bruderhofer, der tugendhafte Pfarrer Studer, die Therapeutin Frau Dr. Breit oder der dem männlichen Geschlecht zugeneigte Schneider Tonino Konetzni. Die wichtigste Rolle neben den Schlugens spielt jedoch Professor Augustin Feinlein (Protagonist der jüngst erschienenen schmalen Walser-Novelle Mein Jenseits), der feingeistige, leicht esoterische Leiter des Landeskrankenhauses, passionierter Reliquienforscher und Percys Mentor.

Eine frohe Botschaft aus der Anstalt

Hinter den Kulissen der psychiatrischen Klinik tobt ein von Walser mit viel Liebe zum Detail (»Ist das ein Unterschied, ob sie Stimmen hört oder so tut, als höre sie welche?«) geschilderter erbarmungsloser Machtkampf zwischen Dr. Bruderhofer und Professor Feinlein um die Krankenhausleitung.

Und Percy betätigt sich in seiner Rolle als Therapeut sogar gleichzeitig noch als biografischer Spurensucher. Er soll einen hoffnungslosen Fall übernehmen, einen Suizid-Patienten, der sich allen Therapieversuchen widersetzt: Ewald Kainz, der einstige Angebetete seiner Mutter, die sich ihrerseits als Ahnenforscherin in eigener Sache betätigt und am Ende ihrem Sohn voller Stolz (»Adel ist eine Wesenserweiterung.«) berichtet, dass die Familie seit 1488 adelig sei.

In der Psychiatrie werden ganz eigene Wahrheitsebenen entdeckt, die geistige Entindividualisierung und mannigfaltige Formen der Selbstauflösung gehören zum Klinikalltag. Zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen klinischer Psychiatrie und Religion entwickelt sich eine Art geistige Parallelwelt, ein Leben im Konjunktiv. Immer wieder streut Walser brillante aphoristische Splitter in die Handlung ein, die man sich gedanklich einzeln auf der Zunge zergehen lassen muss: »Der unterdrückte Teil in uns ist erst das, was uns zu Menschen macht«, ... »Ich schaue weg, wenn das Leben an mir vorbei geht«, ... »Glauben heißt, die Welt so schön machen, wie sie nicht ist.«

Am Ende lässt es Walser dann über Gebühr krachen. Der introvertierte Feinlein muss die Klinikleitung an Dr. Bruderhofer abgeben, weil er sich des Reliquiendiebstahls schuldig gemacht hat. Schlussendlich landet er als Patient in der Klinik, die er jahrzehntelang leitete. Eine aberwitzige Wendung! Aber auch der tugendhafte Percy, eine Art Jesus des frühen 21. Jahrhunderts, gerät auf Abwege. Er lässt sich von einem nationalkonservativen Internet-Zirkel (mit dem Stinkefinger als Wappen) vereinnahmen, und es fallen Schüsse. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Martin Walser hat mit Muttersohn noch einmal völlig neues thematisches Terrain betreten; abseits von den ausgetretenen Leidenspfaden seiner bekannten Mittelstandsprotagonisten hat er eine leicht hagiolatrische, manchmal gespenstisch-rätselhafte Handlungsatmosphäre inszeniert. Auf die Frage, ob er seinen Roman als literarisches Evangelium betrachte, hatte Walser jüngst geantwortet: »Frohe Botschaft, das ist es für mich wirklich geworden.« Also – eine frohe Botschaft aus der Psychiatrie, eine erzählerische Versöhnung von Realität und Wahn, von Alltag und Religion, von Träumen und Neurosen.

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Muttersohn von Martin Walser, 2011, Rowohlt3.)

Muttersohn.
Roman von Martin Walser (2011,
Rowohlt).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 11.7.2011:

Mutige Glaubensforschung: Walsers neuer Roman "Muttersohn"
Muttersohn - beileibe nicht Muttersöhnchen. Percy Anton Schlugen ist weder Weichei noch markiger Macho. Der junge Mann mit der rundlichen Figur und dem federnden Schritt ist die große Ausnahme.

Und damit zielt der neue Roman von Martin Walser (Jahrgang 1927), „Muttersohn" genannt, stets in Andeutungen und stets unausgesprochen auf die vollkommene Ausnahme: auf Jesus und Maria.

Percy ist von einem unerschütterlich Respekt vor dem anderen geprägt, von einer liebevollen Hinneigung, die nichts mit der Gleichgültigkeit einer Wischiwaschi-Toleranz zu tun hat. Er scheint, obwohl ursprünglich Krankenpfleger, zu leben wie die Vögel, von denen es in der Bibel heißt (Matthäus 6, 26): „Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie.“ In Percys Fall geschieht das durch Pfarrhäuser und psychiatrische Anstalten „zwischen Bodensee und Donau“. Denn der Mann, der von Ort zu Ort wandert, ist begnadet im Umgang mit den seelische Versehrten.

Zu ihnen gehört auch seine Mama Fini. Nicht weil sie im Alter wunderlich ist und partout durch akribisch nachgrabende Ahnenforschung Percys adelige Wurzeln freilegen möchte, sondern weil ihre früheren Jahre von Schmerz geprägt waren. Außer dem Vater - ein Marien-Verehrer! - war die Verwandtschaft von einer Art eiskalter Bäuerlichkeit. Der Mann, den sie nach fröhlich-spritzigem Briefwechsel heiratete, versteckte lediglich seine Homosexualität hinter der Ehe, war überheblich und gewalttätig. Aus der Lebenskatastrophe, die sie an den Rand des Suizids treibt, reißen sie die unerfüllte Liebe zu dem Demontrations-Redner Ewald Kainz - und vor allem die Geburt Percys 1977, ihres Lebensglücks: „Du bis ein Engel ohne Flügel...“ Dem Buben erzählt sie immer wieder, dass er ohne männliche Beteiligung zustande gekommen sei. Jenem Traummann von Mutter Fini begegnet Percy Schlugen Jahrzehnte später in der geschlossenen Abteilung des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen, eines früheren Klosters. Ewald aber verweigert jeglichen Kontakt: ein Fall für Percy.

Martin Walser hatte bereits in „Mein Jenseits“ (Berlin University Press, 2010), das nun ein Abschnitt in dem aktuellen Roman bildet, von dem Scherblinger Haus erzählt. Und positionierte es mit seinem Leiter Professor Feinlein und dessem Konkurrenten Bruderhofer zwischen einfühlsamer Seelenheilkunde und chemiegestützter Psychiatrie - und zwischen Gläubigkeit und Wissenschaftsratio. Denn Augustin Feinlein ist nicht nur verwandt mit einigen Scherblinger Äbten von einst, sondern forscht sogar über Reliquien, insbesondere das dort aufbewahrte „Heilige Blut“. Walser verfolgt konsequent in „Muttersohn“, was in „Mein Jenseits“ zu entdecken war: Glaube, Menschlichkeit und die Qual einer unerfüllten Liebe.

Die beiden letzteren Stoffe sind Lebens-Motive in Martin Walser Œuvre. Aber beim Thema Glaube geht er auf seine alten Tage noch einmal voll ins Risiko. Das allein nötigt Respekt ab. Hinzu kommt, dass der Künstler nicht einfach von netten Menschen und guten Taten erzählt, auch nicht von blitzgescheiten Theologen, er bringt vielmehr mit den Reliquien oder der jungfräulichen Geburt eine Gläubigkeit in den Roman, die für viele heute - auch für Katholiken - nicht mehr nachfühlbar ist. Exemplarisch führt das Walser in einer Talkshow-Szene vor. Percy legt vor der verständnislosen Journalistin Susi sein wunderschönes Glaubensbekenntnis zum Glauben ab: „Glauben, das ist eine Fähigkeit. Eine Begabung. ... Glauben, das ist eine Gleichung, die nie aufgeht. ... Manchmal möchte ich laut aufschreien aus nichts als Glaubensübermut. ... Es gibt keine zwei Menschen, die dasselbe glauben. Jeder hat nur seinen Glauben. Der Glaube, das ist die Handschrift der Seele.“ So sehr durch die Faszination des Autors an Volksfrömmigkeit, Glaubensgrundsätzen und Mystik von Seuse bis Swedenborg der Glaube in den Roman verwoben wurde, so sehr spürt man doch Walsers Zweifel. Das macht das Buch weit über die diversen Geschichten und Schicksale, die wunderbar üppige und charmant humorvolle Erzählweise hinaus spannend - weil man als Leser auf mehreren Ebenen herausgefordert wird.

Der Schriftsteller baut dabei ohne Angst vor Kitsch positive Utopien auf. Neben dem gütigen Schlugen (zu ahnen die Beziehungskette Percy/ Parcival-Gral-Heiliges Blut) gibt es den liebenswürdigen Feinlein, so manchen sympathisch-schrulligen Kranken (wobei das Wort nicht stimmen will), die hilfreiche und musikalisch begeisterte Elsa Frommknecht oder den reichen Schweizer Modest Müller-Sossima. Er will in einem leerstehenden Kloster eine „Akademie für Unvollendete“ einrichten. Dass es bei dem hintersinnigen Titel nicht nur um abgebrochene musikalische Ausbildungen geht, ist klar.

Seine eigenen Idyllen unterwühlt Martin Walser allerdings immer wieder mit den negativen Seiten der Existenz: Qual, Verlust, Angst, Hass und Tod. Percy, der vor Jahren an Weihnachten vom Tod errettet wurde, wird jetzt an Weihnachten ermordet. Von einem, der den Hass zu Religion erheben will.

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Muttersohn von Martin Walser, 2011, Rowohlt4.)

Muttersohn.
Roman von Martin Walser (2011,
Rowohlt).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 15.7.2011:

Martin Walser: Die Helligkeit tut gut
Einen modernen Jesus stellt uns Martin Walser im Roman "Muttersohn" vor. Der Glaube sei eine Begabung.

Mit Verlaub: Wenn ein 84-Jähriger über einen Typen schreibt, der sich einbildet, seine Mutter habe ihn ohne Hilfe eines Mannes zur Welt gebracht (ein moderner Jesus also) ... dann wird man nicht unbedingt gleich alles liegen und stehen lassen, um sich aufs Buch zu stürzen.

Es sei denn, man hat im Vorjahr "Mein Jenseits" gelesen: der ausgekoppelte und zur Novelle gewordene dritte Abschnitt des gestern erschienenen Romans "Muttersohn", an dem Martin Walser damals arbeitete.
"Mein Jenseits" ist eines der schönsten Bücher Walsers geworden. Sehr konzentriert. Kaum eine der gefürchteten Blasen weit und breit.
Sein Bekenntnis, auf Berge zu steigen, die es gar nicht gibt. Denn die Zeit des Wissenwollens ist vorbei, hat er uns mithilfe von Augustin Feinlein eingetrichtert.
Feinlein ist Chefarzt eines psychiatrischen Spitals und geht auf die 70 zu. Die Frau, die er liebt, hat er niemals bekommen. Er hat nur einen Zettel von ihr:
IN LIEBE, Eva Maria.
Das heißt zwar überhaupt nichts, aber für ihn ist der Zettel eine Reliquie. Wie das Blut Christi oder das Knöchelchen eines Heiligen.
Glauben, was nicht ist.
Dass es sei.

Erleichterung und viel Licht

.Im fertigen Roman ruht Feinleins Schicksal inmitten von Percys Geschichte. Percy ist Pfleger. Feinlein war sein Lehrer, auch im Orgelspiel. Früher war das Spital nämlich ein Kloster. Man stelle es sich wie das Vorzimmer zum Himmel vor. Die Insassen melken Kühe, reiten, backen Brot, schweigen, wenn ihnen zum Schweigen ist.
Percy, 30, kümmert sich um die Gemeingefährlichen.
Er bringt Erleichterung. Alle fühlen sich leichter, ist er bei ihnen. Und emporgehoben fühlen sich alle. Auch der Friseur ist ganz glücklich, wenn er Haare schneiden kommt.
Percy ist "geleitet". Das hat ihm seine Mutter, genannt Mutter Fini, gesagt. Die war auch "geleitet". Die hat ihm eingeredet, bei der Zeugung keinen Mann gebraucht zu haben. Eine starke, religiöse Frau.

Martin Walser hat nun viel Platz. 500 Seiten minus jener 80 Seiten "Mein Jenseits". Oft kommt er uns lateinisch, gern zitiert er, und gern schreibt er so, dass man ihn zitieren muss.
Dürfen wir etwas nicht glauben, weil andere nicht daran glauben wollen oder können? - so fragt er.
Glaube ist eine Begabung, so sagt er.
Sein Percy ist kein Unangenehmer, der bekehren will. Er ist nur von Mutter Fini derart "befestigt" worden, dass ihn niemand mehr aus seinem Selbst vertreiben kann. Bei ihm ist 2 + 2 halt nicht 4. Hauptsache, er tut Gutes. Das gilt auch für das Buch: Es nervt. Aber die Helligkeit tut gut.

Es passiert ja kaum etwas. Percy wird langsam berühmt. Er sucht (s)einen Vater bzw. Gott. Er will sogar Augustus Feinlein als Vater adoptieren. Er ist süß. Walser schafft durch ihn viel Licht.
Er schafft auch einiges an Verwirrung -, was ihm gewiss egal ist: Längst schreibt er für sich. Schreibt und schreibt, bis er - hat er dem Stern gegenüber gesagt - seinen Todeszeitpunkt festlegt und sich in der Schweiz eine Spritze geben lässt.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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Muttersohn von Martin Walser, 2011, Rowohlt5.)

Muttersohn.
Roman von Martin Walser (2011,
Rowohlt).
Besprechung von Stefan Gmünder aus Der Standard, Wien vom 16.7.2011:

"Hasse deinen Nächsten statt dich selbst"
Kein ganz großer Wurf, aber ein sehr menschliches Buch: Martin Walsers neuer Roman "Muttersohn" handelt vom Glauben und erzählt von Männernim Umkreis eines psychiatrischen Krankenhauses

Als vergangenes Jahr Martin Walsers Novelle Mein Jenseits in der kleinen Berliner University Press erschien, war die Kritik - was bei diesem Autor selten vorkommt - einhellig positiv. Walser, Jahrgang 1927, habe einen ebenso leichthändigen wie schwergewichtigen "Alterstext" geschrieben, einfach und zugleich vielschichtig sei die Geschichte, um eine Ode an die Transzendenz handle es sich, und garniert sei das Ganze mit einem "handelsüblichen Männerkonflikt" .

Noch interessanter wurde die Novelle für die Kritik, als ruchbar wurde, dass es sich bei dem schmalen Bändchen offenbar um ein Seiten- oder Teilprodukt aus Martins Walsers lange erwartetem neuen Roman Muttersohn handelt. Nun, da Muttersohn endlich erschienen ist, stellt sich heraus, dass es sich bei Mein Jenseits nicht um irgendeinen Nebenstrang des Romans handelt, sondern um das dritte, zentrale der fünf Romankapitel - und um den Dreh- und Angelpunkt des Buches.

Erzählt wird in diesem Kapitel, das auch im Roman Mein Jenseits heißt, die Geschichte Prof. Dr. Dr. Augustin Feinleins. Er ist Leiter des in Süddeutschland gelegenen Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen, das sich auf dem um Neubauten erweiterten Areal eines aufgelassenen Klosters befindet. Früher war dort sein Urahn Eusebius Abt gewesen. Hervorgetan hatte sich dieser vor allem mit Schriften zur Reliquienverehrung.

Patient der eigenen Klinik

Seine These: Nicht die Frage, ob eine Reliquie tatsächlich Blutstropfen Christi, ein Stück des Kreuzes oder dergleichen enthalte, sei wichtig, sondern allein der Glaube, dass dem so sei. Mit dem Glauben hat sein Nachfahre Augustin Feinlein keine Probleme. Mit dem Leben schon. Unsterblich war er einst in Eva Maria verliebt, ja mit ihr verlobt. Geheiratet hat sie dann aber einen Grafen, und dies nicht ohne Feinlein vorher eine Karte des Inhalts "Ich werde dich immer lieben" geschickt zu haben. Nach dem Tod des Adeligen ist aber immer noch nicht der arme Feinlein an der Reihe, Eva Maria heiratet den 18 Jahre jüngeren Dr. Bruderhofer - einen therapeutisch auf die chemische Keule setzenden Karrieristen und Mitarbeiter der Klinik, der es lange schon auf Feinleins Chefposten abgesehen hat. Am Leben, der Liebe und schließlich an sich selbst verzweifelt, stiehlt Feinlein eine Reliquie des Klosters, wird überführt und ist am Ende Patient der eigenen Klinik. Schließlich wird er in die Schweiz in eine Art Exil geschickt.

Zwei Muttersöhne

Um diese Geschichte herum ist der Roman aufgebaut, womit wir bei der wesentlichen Schwäche des Buches und dessen Konstruktion sind. Zu viele der rund 500 Buchseiten, die der figurenreiche Roman umfasst, sind Feinleins Exkursen über Glauben und Wissen (seinen Vornamen teilt er nicht zufällig mit dem Autor der Bekenntnisse) und seiner vergeblichen Suche nach einem Leben "jenseits der Verletzungsgrenze" gewidmet. Zumal es im Roman zwei Muttersöhne gibt, von denen man gern mehr gewusst hätte. Sie treffen schon im ersten Satz des Romans aufeinander, er lautet: "Ewald, ich heiße Percy".

Ewald Kainz ist Patient der Klinik, eine furchtbare Kindheit, "Stockbehandlungen" in der Schule und gescheiterte Beziehungen haben den Sechzigjährigen nach einigen Selbstmordversuchen in die Psychiatrie gebracht. Ganz anders die Voraussetzungen Percy Anton Schlugens, der in der Klinik Ewalds Pfleger und ein Vertrauter Feinleins ist. Für seine Mutter Josefine, genannt Fini, ist Percy der Wichtigste. Er sei, sagt sie, ein Engel ohne Flügel und: Zu seiner Zeugung sei kein Mann notwendig gewesen. Percy glaubt es.

Mit dieser eigenwilligen Sicht der Dinge wird er es zu einigem Aufsehen und einem Talkshowauftritt bringen. Natürlich ist er keine Jesusfigur, ein Mystiker aber allemal, er umarmt die Welt und die Menschen, er ist gegen nichts und für alles. Im Verlauf des Romans wird ihm das Probleme mit der Motorradgang "The Jollynecks, Austrian Action" einbringen, deren Motti unter anderen lauten: "Wir sind gegen die Armen und gegen die Reichen" und "Hasse deinen Nächsten statt dich selbst" .

Das Schöne an diesem Roman ist, dass, obwohl vieles disparat scheint, alles miteinander verbunden ist. Denn natürlich hatte Ewald, der Motorradlehrer war, etwas mit den Rockern zu tun, und es dürfte in den 1970er-Jahren, als Ewald politischer Agitator war, ein nicht näher beleuchtetes Naheverhältnis zwischen ihm und Percys Mutter gegeben haben (Percy wurde 1977 geboren). Am Ende des Buches, das einige überraschende Volten nimmt, sind fast alle Figuren tot.

Parzival als Ahne

Der dialoglastige Roman, in dem Walser souverän mit verschiedenen Erzählperspektiven spielt, ist dort unterhaltsam, wo der Autor zu jener aphoristischen Kürze findet ("Ich bin unglücklich verliebt. In mich." ), wie wir sie aus Büchern wie Meßmers Reisen kennen. Langatmig wird er, wenn umständlich der Glaubensbegriff ausgebreitet wird. Neben der Liebe geht es in Muttersohn vor allem um das Thema der Verwandtschaft. Ganz am Schluss wird Mutter Fini, die wie eine Verrückte Ahnenforschung betreibt, Percy eröffnen, er sei, wie sie immer schon vermutete habe, adliger Abstammung und heiße eigentlich Anton Parcival von Schlugen. Percy wird zu Parzival, jenem im Herzen reinen Tor, der in Wolfram von Eschenbachs Epos vaterlos im Wald bei seiner Mutter aufwächst, um später aufzubrechen, den Gral zu finden.

Immer wieder verwebt Walser den Romanstoff mit Hinweisen auf die klassische Musik und Literatur. Viele Figuren in Muttersohn sind Suchende und "Opportunisten des Schicksals" , denen das Finden nicht gelingen will. Kein ganz großer Wurf, aber ein sehr menschliches Buch.

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Muttersohn von Martin Walser, 2011, Rowohlt6.)

Muttersohn.
Roman von Martin Walser (2011,
Rowohlt).
Besprechung von Bernd Noack in den Nürnberger Nachrichten vom 22.10.2011:

Ein komischer Heiliger und sein Erfinder
Martin Walser stellte im Nürnberger Literaturhaus seinen Roman „Muttersohn“ vor

Heftig irritiert hat Martin Walser die Leser mit seinem jüngsten Roman „Muttersohn“, in dem es vordergründig um den rechten Glauben geht. Bei einer Lesung im Nürnberger Literaturhaus zeigte sich der 84-jährige Autor seinerseits amüsiert über die Kritiker, denen er „primitiven Schrecken“ vor dem nicht immer rational Erklärbaren vorwarf.

Zwei frische Gläser Weißbier - und Martin Walser kam auf Touren: „Alle wollen mit mir jetzt über den Glauben reden, von dem sie sowieso nichts verstehen,“ sagte er laut und ließ unschwer durchblicken, wie genervt er von der Einstiegsfrage des Moderators Manfred Boos war, der mit einer gewohnt riskant launigen Mischung aus Jovialität und Provokation dem Schriftsteller besonders originell kommen wollte und ihm gleich mal die Gretchen-Falle stellte: Wie hält der es denn nun mit der Religion?

Walser trommelte genervt mit den Fingern auf die Tischplatte: Die Reaktionen der Intellektuellen („Ich meine jetzt nicht Sie, Herr Boos“) auf „Muttersohn“ hätten gezeigt, „wie zutiefst unfähig die sind, mit etwas umzugehen, das mit so etwas Einfachem wie dem Glauben zu tun hat.“ Schon wollte man ihn in eine ganz bestimmte Ecke schieben, hielt den Tonfall der Geschichte für „pastoral“ und fragte, ob er denn jetzt etwa eine neue „Diesseits-Religion“ im Auge habe. „Ach...“, winkte Walser da lachend ab und sagte: „Eigentlich wollte ich doch nur mal wissen, wie man in diesem Literaturbetrieb ankommt, wenn man solche Sachen schreibt.“

„Solche Sachen“, das sind in „Muttersohn“ dann zum Teil doch sehr rätselhafte Anwandlungen und Anmerkungen eines komischen Heiligen, der sich Percy nennt und in unserer Zeit mit dem Wunder hausieren geht, er wäre das Produkt einer unbefleckten Empfängnis. Das wirkte bei der ersten Lektüre über lange, mitunter gar ein wenig weihrauchgeschwängerte Stellen hinweg so provozierend und angestrengt unrealistisch wie auch streckenweise peinlich. Der Typ produzierte sich von Kanzeln herab und in Talkshows als „Engel ohne Flügel“ und pries sich an: „Ich bin geleitet“.

Das konnte doch ein Dichter-Denker wie Martin Walser, politisch mal links, mal liberal, auf jeden Fall aber stets aufgeklärt, nicht im Ernst gemeint haben? Hat er wohl auch nicht so ganz: Denn wenn Walser selber diese „Stellen“ liest, dann ist da eine sehr feine ironische Distanz zu hören, ein heiteres Wundern über die Roman-Figur, die er doch selber erfunden hat und die so ein seltsames Eigenleben entwickelte.

Denn Walser machte gleich klar, dass er die Verantwortung für diesen heiligen Helden ablehnt. Der habe sich ihm aufgedrängt mit seinen An- und Absichten, habe ihm „zugeflüstert“ und so musste er ihn nehmen wie er war. In Nürnberg veredelte Martin Walser solcherart Einblicke in die Schreibwerkstatt gleich zu einer kleinen Poetologie: „Ich bin als Autor nicht souverän, ich muss mich leiten lassen und kann nur zusehen und dokumentieren, wie das eine Ereignis in der Geschichte das andere gleichsam produziert.“

So wischte denn Walser alle böse gemeinten Angriffe und alle verzückten Anbiederungen vom Tisch: „Der Glaube, wie er in meinem Buch vorkommt, hat mit der Religion oder dem Papst nichts am Hut. Und ich selber existiere ja auch jenseits der Sphäre, in der dieser Benedikt direkt zu inspirieren vermag.“ Glaube – und soviel hat der Schriftsteller dann doch von diesem ihm zugelaufenen und in die literarische Welt geschickten Percy gelernt – hat allein etwas mit dem Empfinden und Bewahren von Schönheit zu tun. Da ginge es nicht um Greifbares oder Entrücktes, nur um das irgendwie berechenbare Wohlergehen im Leben und darüber hinaus. Denn auch „das Jenseits muss schön sein, sonst kannst du es gleich vergessen.“

Die vollständige Besprechung von Bernd Noack mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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