Musik
ohne Grenzen.
Kritiken und Aufsätze von
Edward W. Said (2010, Edition
Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann
- Übertragung Hainer Kober).
Besprechung von Hans-Klaus Jungheinrich aus dem titel-magazin
vom 7.10.2010:
Edward W. Said sieht uns entgegen mit der hellwachen Melancholie eines Grandseigneurs aus der aristokratischen Sphäre Luchino Viscontis. In der Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann erschienen nun gesammelte Musik-Aufsätze (verfasst von den achtziger Jahren bis kurz nach 2000) des palästinensisch-amerikanischen Publizisten und Gelehrten, der zusammen mit seinem Freund Daniel Barenboim das East-Western Divan Orchestra begründete, in dem junge Musiker aus Israel und den arabischen Ländern (aber auch dem Iran) auf hohem Niveau zusammenspielen und damit internationales Aufsehen erregen. Said gehörte als Kenner und Bewunderer der „westlichen“ Literatur und Musik und schriftstellerischer Vermittler verschiedener Kulturen selbst zu den Menschen „ohne Grenzen“, so dass der etwas vollmundig-brackwässerige Titel denn doch einige Berechtigung hat. Mit knapp 68 Jahren starb Said 2003 an Leukämie.
Der stattliche Band enthält Arbeiten von sehr
unterschiedlichem Gewicht, darunter vor allem Opern- und Konzertkritiken sowie
Buchrezensionen für amerikanische und englische Zeitschriften. Manchmal handelt
es sich um Sammelberichte, die vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen: eine im
Buch-Kontext nicht eben erquickliche Lektüre, auch wenn es dabei immer wieder
treffende Beobachtungen und Gedanken gibt wie bei einem Text, der mit der
Schilderung der exzentrisch-genialen Dirigierart von Sergiu Celibidache beginnt,
um dann leider bald abzubrechen und sich mit minder Interessantem zu
beschäftigen.
Geradezu ungut ist die Abfertigung des von Gottfried Wagner, einem Urenkel
Richards und Sohn Wolfgangs, geschriebenen autobiographischen Buches „Der nicht
mit dem Wolf heult“; es mochte ja Gründe geben, dass einem dieses besonders
sendungsbewusste Mitglied des Wagnerclans auf die Nerven fiel, aber Said
verfährt grob unfair, wenn er von ihm neue Erkenntnisse des Richard’schen
Werkkanons einklagt und dabei Gottfrieds im Rahmen Bayreuths vor der
Jahrtausendwende noch einsames Streben nach Vergangenheits-Aufarbeitung und
seine (gewiss nicht von eifernden Zügen freie) Hinwendung zu Israel ins
Zwielicht zerrt.
Natürlich gehörte Said zu den aufgeweckten Musikintellektuellen New Yorks, die
sich an der institutionellen Korruptheit und ästhetischen Dauerlähmung der „Metropolitan
Opera“ wundrieben und gleichfalls der Architektur und Akustik der Avery Fisher
Hall, der Konzerthalle des Lincoln Center, nichts abgewinnen konnten. Aus
europäischer Sicht scheint eine Fixierung auf insbesondere das repräsentative
Opernhaus aber ziemlich irrelevant; die Leiden eines passionierten Opernfreundes
an abgewetzten, hierzulande längst ausgemusterten Opernszenikern wie Otto
Schenk, Franco Zeffirelli oder Jonathan Miller (mit diesem geht Said gnädiger
um) erwecken da höchstens ein Achselzucken
Von den Heldentaten des amerikanischen Opernerneuerers Peter Sellars hat Said aber kaum etwas versäumt; Erfahrungen des europäischen Regietheaters sammelte er nur sporadisch, und das meiste dürfte er bloß vom Hörensagen gekannt haben. Bemerkenswert ist Saids genaue Kenntnis der Schriften und der Ästhetik Theodor W. Adornos, auch seine warmherzige Neigung zur exponierten musikalischen Moderne (insbesondere zu deren Präzeptor Pierre Boulez, natürlich auch mit seiner mächtigen intellektuellen Kapazität anziehend für Said).
Zur italienischen Oper (die kuriose Ausnahme ist Rossini)
hatte Said bedauerlicherweise keine engere Beziehung. Eine berühmte Frankfurter
Inszenierung der – von Said seltsamerweise als konservativ apostrophierten –
Verdioper „Aida“ schreibt er Wieland Wagner anstatt Hans Neuenfels zu.
Bei Wagner und Strauss dagegen schlägt sein musikalisches Herz höher. In
mehrfachen essayistischen Anläufen sagt Said zumal zu Strauss frappierend
Heterodoxes und Luzides. Man könnte auf die Idee kommen, dass Saids
Strauss-Faible entscheidend von Glenn Gould beeinflusst wurde (der Strauss als
den interessantesten Musiker des 20. Jahrhunderts verstand). Sehr dezidiert
bringt Said (der auch unbekanntere Straussopern verständig würdigt, vor allem
die „Ägyptische Helena“) den späten Strauss mit der rigoroseren Moderne in
Einklang als eine verarbeitende und reflektierende persönliche „Antwort“ abseits
materialästhetischer Anleihen.
Dazu wäre noch viel zu sagen; ebenso über Saids kühne
Deutung eines demiurgischen, gar prometheischen Johann Sebastian Bach; hinter
dessen deklariert-gottgefälliger Frömmigkeit habe sich womöglich das
übermenschlich-dämonische Selbstbewusstsein eines mathematisch-kombinatorischen
gottgleichen Weltschöpfers verborgen (könnte das ein wenig nicht auch auf
Bruckner zutreffen?). Sicher im Kern eine „romantische“ Inspiration; eine ihrer
Quellen könnte Thomas Manns mehrfach
erwähnter „Doktor Faustus“ gewesen sein. Ein Buch, das Bachs und Beethovens
kontroverse produktive Intentionen entfaltet hätte (mit einem Hauptthesen dazu
andeutenden Kurztext schließt der Band), kam leider nicht mehr zustande.
Zu den bedeutendsten der vorliegenden Texte gehören mehrere Arbeiten über den
Pianisten Glenn Gould – die Literatur über ihn ist inzwischen ins Monströse
angewachsen, doch Saids Darstellungen werden kaum anderweitig erreicht oder gar
übertroffen. Mit argumentativer Profundheit sekundierte Said 2001 in einem
seiner letzten Aufsätze dem Dirigentenfreund Barenboims anlässlich von dessen
heftige Polemiken herausforderndem Tabubruch einer konzertanten Wagneraufführung
in Israel.
Fasziniert und voller Sympathie nimmt man mit Edward W. Said einen sozusagen von
weither kommenden Intellektuellen und brillanten Stilisten wahr, der in der
europäischen „klassischen“ Musik so zuhause ist wie nur mehr wenige gebildete
Europäer. Im Falle Said bedeutet „ohne Grenzen“ wohl auch, dass „Heimat“ im
Zeitalter der Globalisierung weniger einen geographischen Bezugspunkt als den
imaginären Ort einer kulturellen Selbstkonstruktion zu bedeuten vermag. Die
Texte wurden von Hainer Kober aus dem Englischen übersetzt, und man möchte es
dieser Version als Qualität anrechnen, dass sie sich gleichsam durchweg etwas
rau anfühlt und sich demnach keine übertriebene Glätte zumisst, schon gar nicht
den Anschein einer Überbrillanz, die womöglich das Original auszustechen
versucht.
Dennoch gewinnt man allmählich den Eindruck, dass die Übersetzung oft haarscharf
daneben trifft; es hapert wohl auch an musikalischen Kenntnissen. Man sollte
nicht die Vermutung nähren, dass es mehrere Alban-Berg-Klaviersonaten gäbe (S.
141) und müsste wissen, dass Eva Marton kein Mann ist (S. 173), und wenn der
Eigenname des Zwerges Mime hier im Akkusativ zum „Mimen“ wird (S. 169), so ist
das recht lustig. Selbstverständlich gibt es für solche Bücher kein Lektorat
mehr, und gleichfalls muss man als sicher annehmen, dass die unfehlbare
Musikkennerin Elke Heidenreich
allenfalls einen flüchtigen Blick über dieses von ihr lancierte Buchprojekt
geworfen hat.
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