1.) - 2.)
Musik.
Roman von Thomas Meinecke
(2004, Suhrkamp).
Besprechung von Elke Buhr in der Frankfurter Rundschau, 1.10.2004:
Täglich eine neue Gegenwart
Was Friedrich
Nietzsche und die Sängerin Aaliyah gemeinsam haben. Der Schriftsteller
Thomas Meinecke spielt seine Literatur einfach weiter - wie "Musik"
"Hej, Mr. DJ, put a record on, I wanna dance
with my baby": Mit diesem archetypischen Ruf des Pop begann Madonna ihre
Single Music aus dem Jahr 2000. Auch das Album hieß so: Ein Titel, der
in seiner tautologischen Qualität zwischen Understatement und Größenwahn
schwankt. Natürlich macht ein Topstar wie Madonna nicht einfach nur
Musik - sie macht Musik schlechthin. Jetzt hat auch Thomas Meinecke, der Mr. DJ
unter den deutschen Schriftstellern, das Wort Musik auf ein Cover drucken
lassen - und auch das könnte eine anmaßende Behauptung sein. Denn was sich
hinter diesem Cover versteckt, nennt sich Roman und ist zunächst einmal nichts
als Text.
Nun kann man Musik auf ganz unterschiedliche Weise in Text verwandeln. Man kann
unter diesem Titel ein Liebesdrama unter Opernsängern schreiben - was Thomas
Meinecke niemals tun würde. Man kann auch den Rhythmus der Musik und ihr
Bauprinzip adaptieren. Das allerdings ist ein Grundprinzip der Meinecke'schen
Schreibweise. Techno-Literatur hat man seine Bücher genannt, weil er mit
Textbausteinen jongliert wie der Musikproduzent mit den Platten, sie auseinander
hackt und neu kombiniert, geleitet von der Suche nach dem richtigen Sound. Man
kann schließlich Musik mit Worten einzukreisen versuchen: beschreiben, wie sie
klingt, wie sie funktioniert, welche Geschichte sie hat, wie sie mit dem Leben
zusammenhängt. Und auch das versucht Thomas Meinecke in seinem neuen Roman -
beziehungsweise, einer seiner beiden Protagonisten tut es.
Karol ist Flugbegleiter, ein sommersprossiger junger Mann zwischen lauter Stewardessen mit polierten Fingernägeln. Wenn er nicht gerade irgendwo auf der Welt in Hotelzimmern herumhängt oder Platten kauft, sinniert er über ein Buchprojekt: "Sweet versus Hot, und zwar anhand von Musik, sei das zentrale Motiv", so liest es seine Schwester Kandis, die gerade auf einer Almhütte weilt, in einem der vielen Briefe, die die Geschwister tauschen.
Mit dem Buch will Karol sich Zeit lassen. Es gibt
so viel zu recherchieren: Über den Disco-Sound, seine Entstehung in der
schwulen amerikanischen Subkultur, seinen Export nach Bayern und seine weitere
Verzuckerung zum Munich Sound; über schwarze Frauen-Big Bands der vierziger
Jahre, die in der Geschichte des amerikanischen Jazz schnöde unterschlagen
wurden; über hierzulande völlig unbekannte japanische Popstars, die Männer
sind, sich weiblich anziehen, aber heterosexuelle Praktiken bevorzugen. Karol
folgt Link nach Link, diskutiert sie zwischen Start und Landung mit seinen
popkulturell extrem informierten Kolleginnen, nach Feierabend knutscht er mit
ihnen und kratzt Argumente zusammen, um die von ihm verehrte Rapmusik vom
Vorwurf des Sexismus zu befreien.
All diese Themen faszinieren auch Karols Schwester Kandis, Schriftstellerin,
deren Buchprojekt aber ein anderes ist. Sie will über verschiedene Persönlichkeiten
schreiben, die am 25. August Geburtstag haben, so wie sie (und wie im Übrigen
ihr Erfinder Meinecke): Ludwig I. und Ludwig II., Lola Montez, die Geliebte des
ersteren, und Claudia Schiffer, die bei einem fiktiven Zusammentreffen aller
Beteiligten in der Gunst Ludwigs II. garantiert gegen Richard Wagner verloren hätte,
den das Volk Ludwigs "Lolus" nannte. Auch Friedrich Nietzsche und die
R&B-Sängerin Aaliyah sind dabei, denn das Datum ist ihr Todestag.
Ein weiteres unerschöpfliches Reservoir von Geschichten und Lebensläufen also,
die es auf versteckte Verknüpfungen und Ähnlichkeiten abzuklopfen gilt - mit
besonderem Augenmerk auf alles, was quer steht, im Sinne von queer. Die
Charaktere Karol und Kandis sind dabei selbst von ihrem Erzähler mit sanft
verschobenen Geschlechtsidentitäten ausgestattet worden: Als Kind soll Karol
ausgesehen haben wie seine Schwester, und als Jungendlicher wirkte er, wie diese
sagt, weniger effeminiert als im eigentlichen Sinne feminin. Die Tatsache, dass
er, anders als die Mehrzahl seiner Kollegen, nicht homosexuell begehrt, ist also
schon wieder als Abweichung zu verstehen. Und wenn Karol dann den Bücherschrank
seiner Schwester Kandis abstaubt, erscheinen mit Sicherheit die Vokabeln Sex,
Gender und Race auf den Buchrücken.
Das Ostinato zu Musik ist also das gleiche wie zu Meineckes Vorgängerromanen
Tomboy und Hellblau: die Cultural Studies der neunziger Jahre,
Judith Butler et alii. Gegenüber dem Roman Hellblau, der ausschließlich
aus e-mails bestand, ist die Erzähltechnik leicht verändert. Die Figuren Karol
und Kandis sind als Filter vor die Textbrocken gesetzt, ihre Stimmen
protokollieren auch ohne das Korsett der Briefform Lektüreergebnisse,
Erlebnisse und Aktualitäten, sie glätten vorsichtig die Schnitte und fügen
ein Minimum an Nahrung für den Human Interest hinzu: Liebesaffären werden
angedeutet, sogar Kandis' Beziehungsprobleme mit ihrem entfernt lebenden Freund
Tom. Wer nun allerdings so etwas wie handelnde Personen oder narrative
Entwicklungen erwartet, ist bei Meinecke weiterhin im falschen Genre: Die
Textmaschine hat nur ihren Fluss optimiert, den "Flow", wie es die
Rapper nennen. Es ist, alles in allem, eine sehr freundliche Textmaschine. Sie
liebt die Details und platziert sie sorgsam, und so erfährt man, was auf dem
Kugelschreiber steht, mit dem jemand schreibt, und die aufblickenden Fahrgäste
in der Münchener S-Bahn geben einen amüsanten Kontrast ab zu den House-Clubs
der Siebziger in New York, in denen sich das Gespräch der Protagonisten gerade
verortet.
Die Maschine ist radikal dialogisch gebaut, und ihre Offenheit wirkt so
einladend, dass man sie gleich selbst mit weiteren Fundstücken, Pointen der
Popgeschichte und gewagten Interpretationen von HipHop-Songs füttern möchte.
Die Maschine versteht es sogar, Diskussionen über sexuelle Orientierungen mit
einer gewissen Erotik aufzuladen: Beiläufig geht Karol in seinen Hotelzimmern
von der Theorie zur Praxis über. Was die Maschine überhaupt nicht in Text
fassen kann, ist Trauer, Leid, oder auch nur ein ernsthafter Streit zwischen den
handelnden, nein, redenden und lesenden und Musik hörenden Personen.
Stattdessen präsentiert sie dem staunenden Publikum eine Horde Stewardessen,
die Nietzsche lesen und freihändig über Geschlechtertheorien diskutieren können.
Dass es in der Literatur realistisch zugehen sollte, hatte ja niemand behauptet.
Das Kuratorium des Deutschen Literaturfonds, so protokolliert die
Schriftstellerin Kandis an einer Stelle, habe ihren Antrag auf ein
Werkstipendium abgelehnt. Dort würde jetzt mehrheitlich auf herkömmliche
Belletristik gesetzt. Eine von Meinecke etwas kokett in den Laptop seines
weiblichen Alter Egos platzierte Anmerkung. Nein, der allgemeinen Implosion der
Komplexitätsgrade, dem Hunger nach Narration, vielleicht auch einer gewissen
Erschöpfung angesichts der jargonverklebten "Resignifizierungen" der
Neunziger will sich der Autor nicht beugen.
Was er will, verraten weitere in Kandis' Laptop versteckte Selbstauskünfte:
Einen analytischen Querschnitt legen wie von einer Suchmaschine. Personen und
Fakten in den Text stellen wie Partygäste in einen Raum, und abwarten, denn
"schon bald stellt sich, unter dem Eindruck der täglich von neuem andrängenden
Gegenwart, die ich ja eigentlich protokollieren will, und die ja stets alles
absolut unvorhersehbar mit sich reißt, ein narrativer, sagen wir: Lufthauch
ein, womöglich auch ein klärender Durchzug, der Türen aufstößt, andere
zufallen lässt."
Mitten im nächsten Track
Der Reiz von Meineckes Musik entsteht aus
dem Rhythmus, in dem diese Türen auf- und zugehen. So wie der Mann an den
Turntables zwei Platten auf gleiche Geschwindigkeit bringt, um den Track weich
zu wechseln, so gleitet diese Prosa spielerisch von Thema zu Thema, von
Fundstelle zu Fundstelle. Zahlenmystik, Namensähnlichkeiten, Koinzidenzen der
Wahrnehmung: Das Prinzip ist das einer vollständig säkularisierten, coolen
Kabbala. Jede Beobachtung, jede Information funktioniert wie eine der Karten in
dem alten Kinderspiel Wolkenkuckucksheim: Es gibt Einschnitte und damit Steckmöglichkeiten
in alle Richtungen, und das Haus, das man aus den bunt bedruckten Karten bauen
kann, ist leicht, grazil und potentiell unendlich.
Der Popsong hat für diese Suggestion von Ewigkeit das Ausblenden erfunden. Das
geht mit Texten leider nicht: Meineckes Musik stoppt mit einem Break.
Aber wahrscheinlich ist der Autor längst mitten im nächsten Track. Es gibt
schließlich täglich neue Texte zu lesen, und täglich eine neue Gegenwart, die
geschrieben werden will.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1104 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
***
2.)
Musik.
Roman von Thomas Meinecke
(2004, Suhrkamp).
Besprechung von Wolfgang Lange in Neue
Zürcher Zeitung vom 29.12.2004:
Pop und Lakritz
Thomas Meineckes Roman «Musik»
Thomas Meinecke ist wieder da. Der von manchen an vorderster Front der deutschsprachigen Popliteratur situierte Autor knüpft mit seinem jüngsten Roman unter dem ebenso vielversprechenden wie nichtssagenden Titel «Musik» fast nahtlos dort an, wo er zuletzt - mit «Tomboy» (1998) und «Hellblau» (2001) - aufgehört hat: beim Schreiben eines Romans, der, statt auf den Füssen einer Erzählung zu laufen, auf dem Kopf steht und dabei mit den Beinen in der Luft Suchbewegungen kultur- und sexualwissenschaftlicher Art unternimmt. Das entbehrt nicht einer gewissen Komik.
Schon die Etikettierung des Buches als Roman kommt einem Witz gleich. Geschürt wird eine Erwartung, die sich im Zuge der Lektüre bald schon in Nichts auflöst. Keine Geschichte weit und breit, aber auch kein Bündel raffiniert verschlungener Geschichten wie bei Vladimir Nabokov oder Claude Simon. Es gibt in «Musik» weder eine durchgehende noch eine verschachtelt angelegte Handlung; ein Plot existiert höchstens virtuell. Begegnete einem unter den von jeher labilen Vorzeichen des Genres Roman nicht seit langem schon alles Erdenkliche, die Versuchung wäre gross, den vorliegenden als Mogelpackung abzutun. Ein Wechselbalg bleibt er allemal.
Wiederauferstandene Tendenzdichtung
Der sinnliche oder poetische Impuls, von dem ein Rainald Goetz oder Christian Kracht sich beim Schreiben mitreissen lässt, tendiert bei Thomas Meinecke gegen null. Die Evokation einer begrifflich unfassbaren, imaginativ allein einholbaren Erfahrung, das also, was - Pop hin, Pop her - den spezifischen Reiz des Romans spätestens seit der Romantik ausmacht, ist Meineckes Sache nicht. Von seiner Konstitution her entspricht «Musik» aufs Genaueste dem, was man sich im germanistischen Seminar mit Berufung auf Michel Foucault unter einem Roman (und damit der Literatur überhaupt) vorstellt. Mit anderen Worten: Im Roman à la Meinecke feiert die Lehrdichtung, um nicht zu sagen die Tendenzliteratur, heimlich ihre Wiederauferstehung.
«Musik» ist als didaktisch-philosophischer Roman zu betrachten. Im Dienste der Kulturwissenschaften und der Geschlechterforschung trägt das Buch Meineckes die bei uns in erster Linie mit dem Namen Judith Butler verbundenen Theoreme im literarisch-romanesken Kostüm vor. «Merke: Quer lesen als subtile Kulturtechnik, die auf die Denaturalisierung normativer Konzepte von Männlich- und Weiblichkeit, die Destabilisierung des Binarismus von Hetero- und Homosexualität, die Entkopplung der Kategorien des Geschlechts und der Sexualität zielt. Stets zu differenzieren: anatomisches Geschlecht, soziales Geschlecht, sexuelles Begehren.»
Faktisch sieht man sich mit einer verquer gepolten Kompilation von Aufzeichnungen konfrontiert, die, scheinbar spontan entstanden, kaum je eine Seite überschreiten. Meinecke zeichnet Eindrücke und Beobachtungen auf, Überlegungen, Paraphrasen und Zitate. Sie kreisen um Wolfratshausen, die Zeit und den Sex, um ein Datum, den 25. August, und, wie könnte es anders sein, um die süssen und scharfen Seiten der Popmusik. Meinecke stellt interessante Fragen, etwa: «What's inside Claudia Schiffer, jetzt, wo Caspar Matthew raus ist?» Die Antworten, zu denen er gelangt, sind nicht selten absehbar.
«Musik» ist ein ungemein schlaues Buch, versiert im Umgang mit historischem und theoretischem Material, durchaus gewitzt und scharfsinnig in den Perspektiven, die es eröffnet. Im krassen Gegensatz dazu hinterlässt das fiktionale Gerüst, mit dem Meinecke hantiert, einen eher dummen, um nicht zu sagen jämmerlichen Eindruck. Es wirkt derart konstruiert, dass einen der Verdacht beschleicht, es sei den fragmentarischen Studien, die Meinecke sammelte, erst im Nachhinein untergeschoben worden.
Das Personal, insbesondere die beiden, sich als Erzählinstanzen abwechselnden Geschwister, Kandis und Karol, bleibt bis zum Schluss ziemlich blass. Sie sind schemenhaft gezeichnet, gesichtslos, ohne ein dem Leser sich einprägendes Profil, «Holzpuppen», mit Georg Büchner gesprochen. Die Bühne, die Meinecke seinen wohl aus der Weiningerschen Retorte gezogenen Figuren bereitet, schaut dürftig drein; mehr oder weniger willkürlich placierte Kulissen, denen es weder an Farbe noch Kontur denn vielmehr an jeder atmosphärischen Valenz gebricht. Kein doppelter Boden, der sich unversehens auftut, kein Geheimnis, das winkt und lockt, nicht eine unvorhersehbare Situation oder Begegnung. Man vergleiche die einmal von Kandis, einmal von Karol formulierten Passagen. Klingen sie vom Ton und von der Diktion her etwa nicht vollständig gleich? Ist es nicht immer ein und dieselbe Stimme, die spricht, stets der gleiche Klang, der Meineckes «Musik» einem Generalbass gleich über 371 Seiten hinweg obstinat begleitet?
Der Schriftsteller als DJ
Auf dem Umschlag von Meineckes Roman prangt die Fotografie einer Lakritzeschnecke auf weissem Grund. Dahinter steckt ein Programm. Pop à la Meinecke: der DJ als Schriftsteller, Schreiben als eine Verlängerung oder Variante des Plattenauflegens. Allein Literatur ist am Ende doch etwas anderes als eine Disco. Lakritz bleibt Lakritz, eine Collage fiktiv getrimmter Gedanken-Notate aber ist noch lange kein starker Roman.
Aller Lust am Fabulieren beraubt, jeder Freude am Beschreiben bar, ernst, immerzu ernst, lässt «Musik» sich gar nicht anders taxieren denn als eine Art Wechselbalg. Ohne eine Spur abgründigen Humors, bösartiger Ironie oder irre funkelnden Sprachwitzes trottet das Buch einem ungeschlachten Kinde gleich von einem diskursiv oder medial präparierten Fundstücke zum nächsten. Auf die Dauer ein wenig fade. Eine Lakritzeschnecke taugt als Delikatesse eben nicht.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0105 LYRIKwelt © NZZ