Die Murnausche Lücke von Jochen Schimmang, 2002, WunderhornDie Murnausche Lücke.
Roman von Jochen Schimmang (2002, Verlag Das Wunderhorn).
Besprechung von Irene Ferchl in der Stuttgarter Zeitung vom 16.8.2002:

Die weißen Nächte der Mathematik
Zu Jochen Schimmangs neuem Roman "Die Murnausche Lücke"

Die Schlaflosigkeit und die Mathematik sind die beiden Pole, zwischen denen Jochen Schimmang seinen neuen Roman platziert, oder vielmehr seinen Protagonisten, den Ich-Erzähler Murnau. Ältere Leser entsinnen sich vielleicht noch: In seinem ersten Buch, "Der schöne Vogel Phönix" von 1979, gab es einen jungen Mann namens Murnau, damals der ostfriesischen Provinz entflohen, um in Berlin studentisches und politisches Leben zu finden. Gefunden hat Murnau, der jetzige, in einer der Berliner Kneipen nach einer Kino-Spätvorstellung ein Mädchen, und - indem er ihr bei einem Problem aus der Zahlentheorie half - die Liebe zur Mathematik. Letzere erwies sich als dauerhafter als die Beziehung und für ihn lebensbestimmend.

"Was uns alle verband und was mich auf meinen etwas späten Weg zur Mathematik geführt hatte", erinnert sich Murnau, "das war der Genuss ihrer Schönheit. Sie erhob uns über die Schwerkraft der Verhältnisse, sie half uns dabei, selbst als Erwachsene das Spielen nicht zu verlernen. Wundersamerweise hatten wir bei dieser Leichtigkeit sogar die Wahrheit auf unserer Seite." Nach Jahren in Cambridge und einer bewundernswerten Universitätskarriere samt eigentlich glücklicher Ehe kehrt Murnau allein in seine Heimatstadt an der nordwestdeutschen Küste zurück. Er schreibt an einer "kurzen Geschichte der Mathematik", dies jedoch jahrelang und gibt ihr den Titel "Unendlich". Er arbeitet nachts, denn seit ihn in der Pubertät die Lektüre Becketts und später die Mathematik seines Schlafs beraubt hatten, kann er erst gegen Morgen Ruhe finden. Irgendwann gibt ihm ein Freund die Adresse eines Nachtlokals, das sich als Sterne-Restaurant am frühen Abend und später in der Nacht als Treffpunkt der Schlaflosen herausstellt; "Insomnia" - Schlaflosigkeit - heißt es und verdankt seine Gründung durch Heiner und Hanna eben deren Disposition. ...Fortsetzung

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