Mundial. Gebete an den Fußballgott.
Essay von Franzobel (2002, Droschl).
Besprechung von Andreas Weber aus Rezensionen-online *LuK*:

Die Österreicher spielen den schlechtesten Fußball / Aber sie schreiben auch die schlechtesten Fußballbücher

Franzobel gesteht in Mundial - Gebete an den Fußballgott auf Seite 76, daß ihn Sport nicht immer interessiere: "aber wenn man gerade am Essen ist, hat man beim Sport wenigstens die Gewissheit, (…) dass nichts Grausiges, nichts Appetithemmendes passiert - alleine schon aus diesem, zugegeben geschmacklosen Grund, wird sich Behindertensport nie wirklich durchsetzen…" Diese nebenhin gemachte Bemerkung, ein trostloses Dokument kalauernder Dummheit, enthält die Essenz der neunzehn kurzen Texte, die vom Literaturverlag Droschl als "Essays" ausgewiesen werden und rechtzeitig zur Fußballweltmeisterschaft erschienen sind. In diversen (schamlos teils im Dress der argentinischen Nationalmannschaft) gegebenen Interviews erklärte Franzobel, daß ein Fußballspiel anzuschauen für ihn ein "geistiger Entleerungsprozeß" sei, der "etwas Kontemplatives" hätte, so wie es andere bräuchten, daß sie "zu einer Domina gehen", er könne sich statt einem Spiel "zur Beruhigung auch das Testbild" ansehen. Daß er also unbedingt auch noch ein Fußballbuch schreiben mußte, ist völlig klar. Die gedankliche und sprachliche Qualität der 131 kleinen Großdruck-Seiten lassen keinen Zweifel daran, daß Franzobel beim Essen nicht nur fernsieht, sondern auch seinem schriftstellerischen Tagwerk nachgeht. Was die Auseinandersetzung mit seinem Freßfernsehfußballessay schon alleine deswegen erschwert, weil der Rezensent, wenn er "ernst" nimmt, was der Autor selbst nicht tut, unweigerlich den Bierernst im Gesicht hat.

Vorweg gesagt sei, daß die in einem Interview mit der Wochenzeitschrift "Falter" zaghaft monierten Druckfehler nicht das eigentliche Problem dieses Buches sind. Auch wenn mitunter die Frage "Witz oder Was?" offen bleiben muß, halten sich selbst die offensichtlichen Druckfehler zuverlässig auf dem Niveau der von Franzobel selbst zu verantwortenden Witze: "Als Kind war man verärgert, weil es so viele dunkle (Dragee-Keksi) gab, während einem jetzt, wo sich das Sacker (sic) selbst mit noch mehr Milchschokolade bewirbt, auch etwas fehlt." Oder: "Weil… ohnehin schon feststand, dass wir nach Hause fahren mussten, es also nur noch ums Prestige ging - die moderne Form der Ähre (sic)." Schwer zu beurteilen, wer hier schöpferischer war, der Autor oder der Setzer, vermutlich handelt es sich um einen gelungenen Doppelpaß.

Was in dem Buch steht, hat mit Fußball ("ein spermazoides Spiel, wo [sic!] es darum geht, den verhältnismäßig kleinen weißen Ball zwischen den benetzten Schenkeln des Tores unterzubringen") wenig und mit Gebeten gar nichts zu tun. Wenn von "azurblauer Wut", "argentinienblauem Wasser" und "realmadridweißen Kopfwehtabletten" die Rede ist, wird klar, daß hier einer um die Krone des größten Witzbolds der Welt kämpft: "…kaum jemand nimmt sich heutzutage noch heraus ein Gott zu sein. Die meisten wären ja schon froh, einmal in der Gala, in den Seitenblicken und mottenfrei zu sein. Mir würde es reichen, wenn man einen Flughafen oder einen Zug Franzobel nennt."

Er kämpft verzweifelt, aber wie die meisten österreichischen Fußballer kämpft er vergebens: "Was passiert etwa, wenn ein Schiedsrichter ohne Absicht ein Tor schießt, und es sich selber aberkennt?" Franzobels Bemühen hat etwas Beklemmendes, spürbar in der Geschichte "Fußballokratie", deren Protagonistin in eine Welt der "kompletten Verfußballisierung" geraten ist: "Frau Kreils Haut färbte sich am ganzen Körper kaiserslauternrot, ihr Fleisch schwoll zu einem Briegel an, als würde ihr hellströmes Wasser hineingepumpt, sie hatte das Gefühl wie Germteig aufzugehen … sogar der Haarwirbel an ihrem Hinterkopf war außer sich, Paul Breitner überall, nein Schneckerl Prohaska. In ihrer Verzweiflung stürmte sie zum Telephon und rief den Ärztenotdienst an, der sie wie Mengeles Kinder gleich auf das begriffene Begreifen, den Spiegelgrund verwies. Nur bei einer Fußballverletzung sei man noch kompetent. Alles andere würde nur noch entsorgt, sagte ein spinnend kreisender Mann mit pelzig heiserer Stimme." Schneckerl Prohaska und Mengele, Fußball und Euthanasie am Spiegelgrund: es ist schon allerhand, wie da einer jede Kontrolle über sich verliert, wenn er sich im Witznotstand befindet.

Nichts von dem, was der durchschnittliche Profil-Standard-Falter-Leser über Fußball und das Wesen des Österreichers (Opfer Hitlers, Karl Schranz und Sapporo, Cordoba usw.) schon mehr als einmal gehört hat, fehlt, sodaß es kräftig aus dem frischgedruckten Buch herausstaubt. Dennoch, Momente der Fassungslosigkeit bescherten mir Texte wie "Wenn Futball passierte die Nacht der Genossen" und "12000 Kondome" schon: "Füße sind sonderbare Wesen, besonders Zehen, die mich schon seit je an Außerirdische und Schildkrötenköpfe erinnern." Blamabel. Solange wir solche Fußballbücher aus Österreich zu lesen bekommen, brauchen wir uns nicht mehr über die österreichischen Fußballer zu beschweren.

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