Mündliches und
Schriftliches.
Buch von Peter
Handke (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Klaus Hübner aus dem titel-magazin,
2002:
Drei und mehr Fragezeichen
Man mag sich über Peter Handkes merkwürdige,
insichselbstgehende Ansicht zu den Kriegen zwischen Serben und Kroaten wundern.
Man mag dem Autor Handke mangelnde Nah- und Weitsicht attestieren angesichts der
von Serben dahin gemordeten Menschen und sein Schreiben darüber als Mangel an
Aufklärung und objektiver (?) Distanz diskreditieren. Eines muss aus Klarsicht
anerkannt werden: Peter Handke versteht sein Sprachgeschäft, von damals bis
heute.
Nach den „gesammelten Verzettelungen“ unter dem Titel „Langsam im
Schatten“ von 1992 präsentiert Peter Handkes neues Schreibkonvolut seiner
lesenden Gemeinde zehn Jahre einer Zweitwelt - einer Zweitwelt, die sich vom
Geschriebenen und Gesehenen zum Beschriebenen, zu einer addierten Gegenwart
entwickelt. Schon immer war Handke ein Filmbetrachter, der die bewegten Bilder
einer Sezierung aus unglaublichen Perspektiven unterzieht. Schon immer war
Handke ein Buchleser, der, oft in vergangenen Literaturwelten, großartigen
Schriftstellern eine kaum wahrgenommene Bedeutung bescheinigt. Also gibt es sie
auch in diesem Sammelband wieder: Hermann
Lenz und Karl Philip
Moritz, Georges-Arthur
Goldschmidt und Arnold
Stadler. Und es gibt, wieder, Jean-Marie Straub/Danièlle Huillet und Marguerite
Duras, Anselm Kiefer und Emil Schumacher.
„Jean-Marie Straub und Danièle Huillet haben anscheinend über drei
Jahrzehnte nichts dazugelernt, sie verharren auf der Elementarstufe des Machens
und des Montierens von Bildern und Tönen.“ Das trifft auch auf Peter Handke
zu, ohne dass diese auf den ersten Blick wenig schmeichelhafte Wahrheit seinem
Anliegen und seiner Sprachkunst schadet. Er steckt tiefwurzelartig in den Filmen
der sechziger Jahre, und doch: beide Füße auch in „Timecop“ und „True
Lies“. Er wirft auf: Fragen um Fragen, und beantworten kann/mag er sie nicht.
Das zeigt, dass Handke kein allwissender Alchimist ist, der aus dem Kaffeesatz
der Filmkultur die aufklärenden Schlüsse zieht. Er hat keine Scheu, selbst
entwickelte Fragen nicht zu beantworten, weil er die Antworten einfach nicht weiß.
Aber er weiß, die richtigen Fragen zu stellen.
Ein Beobachter, ein Seher, ein Merker: Peter Handke zeigt auf eine Welt, die
manchmal nicht die unsere, also auch nicht die seine, zu sein scheint. Aber
immerhin: sie ist, die Welt. Peter Handke macht den Versuch, sie in Nuancen zu
erklären.
Textprobe: „Schrecklich? Sonderbar? Ungeheuer? Erstaunlich? Wunderbar? Unfassbar?
Unerschöpflich?“
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]
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