Mr. Neitherkorn und das Schicksal.
Erzählung von Ingo Schulze (2002, Edition Mariannenpresse).
Besprechung von Nicole Henneberg in der Frankfurter Rundschau, 2.11.2002:

Aus Glück wird Schicksal
Ein fein edierter Nachtrag von Ingo Schulze aus und über New York

"Ich habe keine Ahnung, was ich schreiben soll", stöhnt der Erzähler. Mitten im heißen Sommer sitzt er als Stipendiat in New York und ist damit unschwer als Alter Ego des aus Dresden stammenden Schriftstellers und Autors zu erkennen. Seine soeben als Band 107 in der Edition Mariannenpresse erschienene Erzählung heißt Mr. Neitherkorn und das Schicksal (geschrieben 1996 in New York) und ist genauso kunstvoll leicht geschrieben wie poetologisch verräterisch. Denn der Erzähler ist ratlos und macht daraus auch kein Geheimnis. Seinem Vermieter, Mr. Neitherkorn beichtet er seine Notlage rückhaltlos, beobachtet dabei seine Reaktionen auf jeden einzelnen Satz wie ein Schauspieler, der Resonanz aus dem Zuschauerraum braucht, um weiterzuspielen.

Aber Mr. Neitherkorn bleibt vorerst kühl: "Wissen Sie, was ich nicht verstehe? Warum Sie hier sind? Warum schreiben Sie ihre Geschichten hier und nicht in Deutschland, wenn sie doch von Deutschland handeln?" Aber damit weiß er vorerst mehr als der Erzähler, der erst kurz darauf, bei der Suche nach einem offenen Friseursalon, erste, für ihn entzifferbare Spuren in der Stadt findet.

Ingo Schulzes Debüt, die ein Jahr zuvor, erschienene Erzählungssammlung 33 Augenblicke des Glücks (1995) war nicht zuletzt deshalb ein so großer Erfolg, weil sie in der damaligen literarischen Landschaft ganz ungewöhnlich war: als zufälliger Herausgeber getarnt, versteckt sich der Autor hinter einem geheimnisvollen Fremden namens Hofmann (sic) und entführt den Leser in ein zu gleichen Teilen imaginäres wie brutal-gegenwärtiges Petersburg, in dem sich Duckmäusertum und Anarchie die Waage halten, und der Novellenton des neunzehnten Jahrhunderts, insbesondere der Tschechows, sich bruchlos mit Science Fiction- , Krimi- und Gespenstermotiven zu einer neuen, suggestiven Erzählebene verbindet. Ein Jahr später sitzt der Autor/der Erzähler also in der Neuen Welt und sucht sein Thema. "Machen Sie sich keine Gedanken", sagt Mr. Neitherkorn. "Ich erzähle Ihnen morgen eine Geschichte. (...) Von einem der auszog - und so weiter."

Von einem, der auszog, Geschichten zu schreiben, natürlich - denn das ist alles, was den Erzähler interessiert. Und das Schicksal meint es gut mit ihm, denn es führt ihn genau an die Plätze, an denen die Fäden seiner Stadt-Lektüre zusammenlaufen: in einen Friseursalon mit usbekischen Friseuren (Uskekistan war einst das Bruderland) und in die Wohnung eines deutschen Juden. Der Friseursalon ist bekanntermaßen in jeder Stadt die Nachrichtenbörse schlechthin und, darüber hinaus, ein ähnlich idealer Ort zum Geschichtenerzählen wie das Lagerfeuer oder die Gefängniszelle; und dass der Geist New Yorks seinen Witz, seine Melancholie und Verschmitzheit den Juden verdankt, wissen wir nicht erst seit Woody Allen. Einen deutschsprachigen Erzähler nehmen diese jüdischen Prägungen natürlich sofort gefangen: Wenn der alte Mr. Neitherkorn deutsch spricht, steckt darin schon Schicksal genug.

Man kann diese 1996 entstandene Geschichte als Bindeglied zwischen den 33 Augenblicken und Schulzes zweitem Buch Simple storys (1998) lesen, als tastenden Brückenschlag und reflexive, erzählerische Ortsbestimmung zwischen dem "russischen" und dem "amerikanischen" Sprach- und Resonanzraum des Autors. In seiner Döblin-Preis-Rede (1995) hat Ingo Schulze sein Schreiben als einen solchen Resonanzraum bezeichnet, der unmittelbar auf bestimmte Umweltreize und -Schwingungen anspricht und antwortet. Er sei als Autor daher weniger um eine sogenannte "authentische Stimme" bemüht - ein für ihn ebenso unbestimmter wie statischer Begriff -, sondern darum, bei jedem Buch, jedem Thema neu und sprachlich wie stilistisch adäquat anzusetzen. In diesem Sinne ist es auch kein Zufall, dass aus dem "Glück" - ein Wort der sozialistischen Planerfüllung und damit bei den Intellektuellen des Ostblock sarkastisch konnotiert - hier, nicht ganz unironisch, das nach allen Seiten hin offene "Schicksal" wurde. Es ist das Emigrantenwort schlechthin, und dem Erzähler wird es im Friseursalon an den Kopf geworfen - und auch noch auf Russisch, der früher so ungeliebten, in dieser Umgebung aber seltsam vertraut klingenden Sprache.

Da muss sich der Spurensucher gar nichts mehr ausdenken, muss nur noch zugreifen. Allerdings hätte er von manchem Erbauungszettel in der U-Bahn ruhig die Finger lassen können; diese Art stereotypen Anker braucht der Amerikareisende nämlich gar nicht, auch wenn er sich auf dünnem Eis bewegt. Denn sein guter Engel, Mr. Neitherkorn, reagiert auf alle Sorgen seines Gegenübers so entwaffnend lakonisch und klarsichtig, dass er nicht nur sofort die Sympathie des Lesers gewinnt, sondern auch die Fäden der Geschichte fest in der Hand behält.

Während der Erzähler noch beharrlich versucht, die Erfahrungen seiner Reise zu einem Knoten zu verknüpfen, kündigt sich beim realen Autor Schulze jene Umkehrung der Erzählbewegung an, die, nach dem Vorbild von "Winesburg, Ohio", in die Schicksalsverfallenheit seiner Figuren in der ostdeutschen Provinz münden wird: waren die Alltagssituationen in Petersburg ganz langsam, Detail auf Detail häufend, außer Kontrolle geraten, so wird in Simple Storys allein der Moment beleuchtet, in dem ein Leben, nur in einem kleinen Segment sichtbar, implodiert. Und Mr. Neitherkorn ist ein Experte auf diesem Gebiet: immerhin gelingt es ihm, wie sein Untermieter erstaunt erfährt, sich in den tragischen Momenten seiner Biographie auf Dauer häuslich einzurichten.

Die Steindrucke der Geraer Künstler Erik Buchholz und Kay Vogtmann spielen mit dieser hintergründigen Bewegtheit: teils gegenständlich, teils abstrakt scheinen die Figuren sich bei verzagten Sätzen ungeduldig zwischen die Zeilen drängen zu wollen; oder sie versuchen den Erkundungsgängen des Erzählers zu folgen und Absätze des Textes durch seitliches Anschleichen zu entern. Und manchmal scheinen sie sich sogar lustig zu machen. So berichtet der Erzähler von einem Fax aus Deutschland, und daneben erstickt ein einschlägiges Gerät fast an Papierbergen ("monatlich 900 Dollar für Fax und Telefon. Ich verstehe Sie nicht", hatte Mr. Neitherkorn gemault).

Dass dieser kurze, aber für das Werk Ingo Schulzes wichtige Text jetzt in bewährt schöner Ausstattung in der Edition Mariannenpresse erscheinen konnte, ist doppelt erfreulich. Denn die 1979 als alternatives Projekt an der Schnittstelle zwischen Ost- und Westberlin gegründete Edition brachte die bildenden Künstler und die Autoren schon immer direkter und enger zusammen, als das im Buchgeschäft sonst üblich und möglich ist. Die so entstandenen Künstlerbücher bekommen dadurch einen ganz eigenen Reiz. So hoffen wir als Leser Ingo Schulzes also nach diesem gelungenen Intermezzo auf einen neuen Augenblick des Glücks, auf die Eröffnung eines neuen Erzählraumes durch diesen vielstimmigen Autor, der sich oft so verschmitzt hinter seinen Figuren verbirgt.

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