Mottenlicht.
Erzählung von Antje
Wagner (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau, 3.12.2003:
Für Freundinnen des Abgrunds
Antje Wagners novembrige Erzählungen "Mottenlicht" überzeugen vor
allem durch den bösen Blick
Es ist in den Erzählungen von Antje Wagner wie bei "Um die Ecke
gedacht" oder der "Logelei" von Zweistein. Man tappt im
vorgegebenen Wortfeld herum und muss so lange kombinieren, bis die Sache in alle
Richtungen stimmt. In der ersten Geschichte des Bandes Mottenlicht, der
als Taschenbuch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist, hat eine Frau ein
Kind. Ein siebenjähriges, das intelligente Fragen stellt. Wer das Kind sieht,
reagiert jedoch befremdet. Im Kindergarten, auf Spielplätzen und in manchen
Supermärkten hat Susan, die Frau, schon Hausverbot.
Die Nachbarn, die anfangs noch freundlich waren, "dachten wohl zuerst,
Susan würde mit ihnen scherzen", wenn das Kind ihnen an den Hosenbeinen
zog, wenden sich inzwischen aber eisig ab. Der Freund, dem sie die Kleine
vorstellt, flieht mit den Worten "Das ist grotesk." Die Frau trägt
die gleichen Kleider wie ihre Tochter und lädt niemanden nach Hause ein. Zu
ihren Eltern hat sie keinen Kontakt mehr. Als sie ihnen mit siebzehn erzählte,
dass sie schwanger sei, riet die Mutter zur Abtreibung. "Sei nicht so blöd
wie ich", sagte sie damals, und dann erinnert sich Susan nur noch an die 44
Stufen zur Wohnung ihrer Eltern und eine Pfütze voll Blut.
Eines Tages lernt Susan Inez kennen, die auch eine siebenjährige Tochter hat.
Es kommt zum Kuss, und Susan entschließt sich, die Freundin zum Essen
einzuladen. Sie kocht und wartet, aber Inez kommt nicht. Wie auch. Susan hatte
ihr die falsche Adresse gegeben. Sie findet Trost bei ihrer schlafenden Tochter,
"zieht die Decke über dem leeren Kinderbett gerade, setzt sich ins
Wohnzimmer und raucht". Das "leer" überliest sich leicht, weil
diese Stelle so traurig ist, und der Rezensent der taz folgerte denn
auch, dass Susan in Folge ihres Abtreibungsversuches auf der elterlichen Treppe
ein "verunstaltetes" Kind habe. Aber was sollte das denn für eine,
gewissermaßen moralisch verschuldete, "Verunstaltung" sein, die die
Umwelt dermaßen schreckt. Nein, der Abbruch der Schwangerschaft damals auf der
Treppe gelang. Susan hat kein Kind und ersatzweise ("Ersetzen" ist
auch der Titel der Geschichte) ein Kinder-Ich von sich abgespalten. Das ist
grausig und raffiniert, man möchte während des Lesens das kleine Mädchen die
ganze Zeit umdrehen, um zu erfahren, was mit ihr ist, und ganz am Ende, wenn es
gelingt, schaut einen mit ausdruckslosen Augen die Frau selber an.
Unterhalb der gekonnten Rätseldramaturgie kommt in dieser Erzählung allerdings
eine merkwürdige Mischung aus familientherapeutischer Fallstudie und
christlichen Schuld-und-Sühne-Erlösungszusammenhängen zusammen. Susans Mutter
macht sich schuldig, weil sie Susans Leben nicht bejaht. Diese Schuld will Susan
auf sich nehmen, indem sie ersatzweise ihre eigene Schwangerschaft abbricht.
Dadurch verneint sie selbst ihre Existenz, erfindet sich als symbiotisches
Mutter-Tochter-Paar neu und sühnt ihre Tat gleichzeitig durch Isolation und
Schweigen (Klausur). Erlösung naht durch Inez (Heilige Jungfrau), die als reale
und positiv dargestellte Mutter einerseits ein Rollenmodell für die wahnhafte
Susan ist, andererseits durch ihre lesbische Neigung jeglicher
Fortpflanzungsverstrickung enthoben scheint. Es passt zur romantischen Tendenz
der Geschichte, dass Susan sich am Ende erneut gegen das Leben und für die
Sehnsucht entscheidet.
"Ersetzen" ist die komplexeste Geschichte in diesem neuen Buch der
29-jährigen Antje Wagner, von der es in der Autorinnennotiz heißt, sie habe in
Potsdam und Manchester deutsche und amerikanische Literatur und
Kulturwissenschaften studiert, als Kellnerin und Sprecherin gearbeitet und
bereits "zahlreiche Stipendien" erhalten. Als Publikationen
vorangegangen sind, alle im lesbisch-schwulen Querverlag, ein erster Erzählband
(Die Gärten bist du, 2003) und zwei Romane (Der gläserne Traum,
1999 und Lüge mich, 2001).
Doch auch in den anderen zehn Erzählungen von Mottenlicht geht es auf
verrätselte Weise um Schlimmstes in Familien oder Beziehungen sowie die wennüberhauptige
Rettung der Frau durch die Frau. Nicht und nie durch die Mutter. Denn die hat ja
mit dem Vater gemeinsame Sache gemacht und gehört zur Welt der Zerstörer.
Gleich in zwei Geschichten, im titelgebenden "Mottenlicht" und in
"Hirsche" machen sich beide Elternteile des aktiven oder geduldeten
sexuellen Missbrauchs einer Tochter schuldig, in "Ausfälle" entzweien
sie sich als Paar und treiben ihre traumverlorene Fünfzehnjährige dadurch dem
Hungertod entgegen. Selbst die Betreuerin im Krankenhaus sieht die Zwangsläufigkeit
dieses Zusammenhangs sofort ein: "Beata legte die Hand gegen das kleine,
knochige Gesicht. Du hattest recht, Julia, denkt sie. Wenn sie sich getrennt
haben, gibt es keinen Ausweg für dich."
Warum nicht? Weil Erwachsenwerden den Sturz aus dem Paradies bedeutet? In
"Gratwanderung" ist das Begehren der Ich-Erzählerin auf eine junge
Prostituierte gerichtet, die sie zunächst für ein Kind hält, in
"Katzenliebe" imaginiert sich eine Zwanzigjährige einen vier Jahre jüngeren
Schulkameraden als Mädchen, das sie verführen will. Eine ideale Partnerschaft
schildert Antje Wagner in "Der Mann am Nebentisch". Jener beobachtet
am Urlaubsort voller Missgunst einen Mann und eine Frau, die sich innig zugetan
sind und sich wortlos zu verstehen scheinen. Er spioniert den beiden nach und
zeigt sie schließlich wegen Inzest an, denn wie er triumphierend seiner
eigenen, älteren, beruflich höher gestellten und ihm gegenüber längst
apathischen Frau mitteilt, handelt es sich bei dem Liebespaar um Zwillinge.
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