Moscoviada von Jurij Andruchovyc, 2006, Suhrkamp1.) - 2.)

Moscoviada.
Roman von Jurij Andruchovyc (2006, Suhrkamp - Übertragung Sabine Stöhr).
Besprechung von Jörg von Bilavsky aus dem titel-magazin vom 22.8.2006:

Höllentrip zur Freiheit

Juri Andruchowytschs Roman Moscoviada ist ein vielstimmiger Abgesang auf den einstigen Vielvölkerstaat Sowjetunion und zugleich eine Ode an die nationale Wiedergeburt der Ukraine. Mit wilden Amouren, Prügeleien und Besäufnissen bekämpft Andruchowytschs literarisches Alter ego den patriotischen Wehmut und kehrt zerschunden in die Heimat zurück.

Nationalismus drückt sich oft in aggressiver Abgrenzung vom Nachbarn aus. Patriotismus wird erst daraus, wenn das eigene Land um seiner selbst willen geliebt wird. In Andruchowytschs ukrainischem Antihelden schlägt das nationalistische Herz mindestens genauso stark wie das patriotische. Er schimpft auf die „Kloake Moskau“ und all jene Russen, die das Ausscheren der ehemaligen Sowjetrepubliken mit allen Mitteln aufhalten wollen. Während er gleichzeitig die Verse ukrainischer Dichter rezitiert und einen imaginären ukrainischen Potentaten herbeifabuliert. Trotzdem weilt der Literaturstudent Otto von F. in Moskau, um seine Studien voranzutreiben. Mit wenig Eifer und wenig Erfolg. Stattdessen bestimmen Alkohol und Frauen seine tristen Tage in der russischen Metropole. Bis sich innerhalb von 24 chaotischen Stunden die Ereignisse überschlagen und er einen Höllentrip zur Freiheit antritt.

Zunächst hellt sich sein grauer Alltag jedoch auf. Der unverhoffte Sex mit einer unbekannten Schönen in den Katakomben des verfallenen Studentenwohnheims lässt ihn für kurze Zeit aufatmen. Doch bereits der anschließende Besuch einer Bierbar mit seinen Kommilitonen aus allen Winkeln des einstigen Sowjetreichs wirkt ernüchternd auf die patriotische Seele, nicht aber auf seine dichterische. Von nun an irrt er immer zielloser und enttäuschter durch die Großstadt.

Statt seinen Freund Kyrylo zu besuchen, mit dem er eine „progressive ukrainische Zeitschrift“ herausgeben will, zieht es ihn zu seiner ehemaligen russischen Geliebten Galja. Prügelt sich mit ihr, um sie bald darauf wieder zu verlassen und in die Eingeweide Moskaus einzudringen – der Kanalisation der 8-Millionen-Stadt. Dabei geht er nicht nur seiner Brieftasche und damit seinem Flugticket in die Heimat, sondern auch seiner Freiheit verlustig. Die immer noch allwissende Staatsmacht greift ihn in einem geheimen Regierungstunnel auf und droht mit brutaler Folter durch sagenhaft riesige und überdies ausgehungerte Kanalratten. Damit hat aber das Leiden noch kein Ende. Das mit spektakulären Szenen nicht geizende Opus fährt schlussendlich noch einmal die altrussische und sowjetische High Society auf, bevor der Titelheld seinen Abschied nimmt.

Mehr als ein politisches Pamphlet

Moscoviada ist ein apokalyptisches Werk, das mit Kritik an der verhassten Sowjetunion nicht spart und das Machtkalkül der postsowjetischen Nachlassverwalter gründlich durchleuchtet. „Das Imperium häutete sich wie eine Schlange, überdachte die gewohnten totalitären Vorstellungen, diskutierte, mimte Gesetzesänderungen und eine neue Lebensweise, improvisierte über das Thema Wertehierarchie. In der Annahme, auf diese Weise sein erneuertes Ich bewahren zu können. Aber es war ein Fehler, die Haut wechseln zu wollen. Die weggeworfene war, wie sich zeigte, die einzige gewesen“, schreibt Andruchowytsch in seinem bereits 1993 in Kiew erschienenen Roman. Seine bildhafte Analyse ist bis heute gültig und trifft auch noch auf Putins Reich zu.

Bei aller deklamatorischen Kritik am Weltmachtsfieber der Russen ist „Moscoviada“ kein bloßes politisches Pamphlet. Es ist ein poetisch-sarkastisches Plädoyer für die Freiheit und zugleich die tragisch-groteske Lebensgeschichte eines Menschen, der diese Freiheit verzweifelt sucht. Andruchowytsch selbst meinte sie während des Zusammenbruchs des sowjetischen Imperiums Anfang der 90er-Jahre in Moskau zu finden und studierte zwei Jahre am dortigen Gorki-Literaturinstitut. 1991 kehrte er enttäuscht in seine Heimat zurück. Die Ukraine ist zwar staatsrechtlich unabhängig geworden, bekommt aber immer wieder den politischen und wirtschaftlichen Druck aus Moskau zu spüren. Moscoviada bildet diesen traumatischen Ablösungsprozess von der sowjetischen Allmacht eindrucksvoll und erschütternd ab.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

Leseprobe I Buchbestellung 0806 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © titel-magazin

***

Moscoviada von Jurij Andruchovyc, 2006, Suhrkamp2.)

Moscoviada.
Roman von Jurij Andruchovyc (2006, Suhrkamp - Übertragung Sabine Stöhr).
Besprechung von Maike Albath aus der Frankfurter Rundschau, 3.1.2007:

In der Geisterbahn durch Moskau
Höllen-Saga, groteske Parabel: "Moscoviada", das Debüt des Ukrainers Juri Andruchowytsch, ist endlich auch auf Deutsch erschienen

In diesem Buch geht alles zu Bruch: Biergläser, Suppenteller, unzählige Flaschen, Völkerfreundschaften, Liebesbeziehungen und nicht zuletzt das russische Imperium. Wir sind in Moskau, Anfang der 90er Jahre, und dürfen die gammelige Hauptstadt in Gesellschaft eines ukrainischen Literaturstudenten erkunden. Otto von F. heißt der Mann in unübersehbar an Habsburg gemahnender Weise, ein hoffnungsvoller junger Lyriker und ein Galizier alten Schlages mit mitteleuropäischer Seele und ebensolchen Empfindlichkeiten. Er ist Ich-Erzähler und Alter Ego in Personalunion: Juri Andruchowytschs rasantes Debüt Moscoviada, das 1993 im Original erschien und den Verfasser an die Spitze der ukrainischen Literatur katapultierte, speist sich aus autobiografischen Erfahrungen. Andruchowytsch war nämlich selbst Literatur-Stipendiat an einem Moskauer Institut.

Mit tiefsinnigem Witz variiert Andruchowytsch in seinem Russland-Panoptikum die Handlungsmodelle der Weltliteratur und lässt Otto von F. eine eintägige Reise durch die russische Metropole unternehmen. Moscoviada kommt daher wie ein Heldengesang unter umgekehrtem Vorzeichen, eine schillernde Mischung aus Dantes Jenseitsreise ohne Aussicht auf ein Paradies und eine wahnhafte Odyssee, angereichert von Spiegelungen, ironischen Brechungen und Verkehrungen der literarischen Vorbilder.

Es beginnt alles ganz hoffnungsvoll, denn kaum hat Otto von F. sein Bett verlassen, erobert er im Waschraum des Studentenwohnheims eine schwarze Schönheit. Nach dem erotischen Tageseinstieg überreden ihn seine Freunde zu einem Kneipenbesuch. Was sich zuerst wie ein Possenspiel unternehmungslustiger Studenten ausnimmt, entwickelt sich zu einer Milieustudie von eindringlicher Tiefenschärfe: In der Schilderung der Bierbar an der Fonwysin-Straße bringt Andruchowytsch die sowjetische Tristesse auf den Punkt. Eine Institution wie einen Kellner gibt es ebenso wenig wie Biergläser, stattdessen absolviert Otto von F. einen labyrinthischen Parcours in Kafka-Manier, gelangt über lange Schlangen inklusive Raufereien zu einer gestrengen Geldwechslerin und über weitere Schlangen bis zu bierspuckenden Automaten. Das komplizierte Procedere ist eine metaphorische Verdichtung der Gesamtlage des Landes: alles funktioniert nach undurchschaubaren, geheimen Regeln, die jeder Logik entbehren und nur den Sinn haben, die Bevölkerung in Schach zu halten.

Einige Liter Bier später

Nach einigen Litern Bier erinnert sich Otto von F. an sein Tagesgeschäft: die Herausgabe einer zeitgenössischen und unentbehrlichen ukrainischen Zeitschrift und einen Kaufhausbesuch. Unser Held reißt sich also los von der Kaschemme, annonciert bei dem Mitherausgeber der Zeitschrift sein Kommen und macht als erstes für ein Schäferstündchen bei seiner Geliebten Halt. Wieder kann es Andruchowytsch nicht bizarr genug sein: Die Dame ist eine Schlangenfängerin und begibt sich auf der Suche nach neuen Exemplaren regelmäßig nach Zentralasien. Der Autor arbeitet mit Verzerrungen, die an Spiegelkabinette erinnern. Fratzenhafte Gestalten versammeln sich um den Helden, entsprungen aus Märchenbüchern und Gruselgeschichten, und mehr als einmal hat man das Gefühl, in einer Geisterbahn durch Moskau zu rauschen.

Nach dem Stelldichein bei der Schlangenfängerin und weiteren telefonischen Vertröstungen des wartenden Freundes begibt sich Otto von F. in das Kaufhaus "Kinderwelt". Die Handlung gewinnt an Rasanz, der dramaturgische Knotenpunkt ist erreicht - und wir gleiten hinab in die Sphären der Unterwelt. Auf der Toilette nämlich wird Otto von F. von einem distinguiert wirkenden Herrn all seiner Eigentümer beraubt. Nicht nur die Brieftasche ist futsch, sondern vor allem ein mühsam erkämpftes Flugticket nach Kiew. Unerschrocken folgt der metropolengehärtete Literaturstudent dem Dieb, landet im Treppenhaus, steigt wie Dante in die Tiefe hinab, hat aber anstelle eines kundigen Vergil, der ihn geleitet, nur einen verkommenen Gauner zur Seite.

Er findet sich in einem unübersichtlichen Gewirr von Kellergängen wieder, die sich als das Gedärm des Sowjetreiches entpuppen. Eine Hölle - nur dass die Sünder anders als in der Göttlichen Komödie nicht in Eisseen und Feuersbrünsten büßen müssen, sondern im Gegenteil überall das Sagen haben und den unerwünschten Besucher nach kurzer Zeit einbuchten.

In einer Rückblende erfahren wir von einem Anwerbungsversuch des KGB, der mit erpresserischen Maßnahmen, einer Unterschrift und dem Widerruf der Verpflichtung endete. Ausgerechnet jetzt steht Otto von F. der einstige Geheimdienstrepräsentant gegenüber, eine müder Mephistopheles-Verschnitt, der kaum verführerische Kräfte besitzt. Nicht einmal das Böse, so ließe sich diese Wendung deuten, hat in der abgewirtschafteten Sowjetrepublik noch ernstzunehmende Vertreter.

Auch sprachlich ein Abenteuer

Auch sprachlich ist Juri Andruchowytschs groteske Parabel ein Abenteuer. Von Sabine Stöhr mit Einfallsreichtum und literarischem Feingefühl übersetzt, machen die vielen verschiedenen Stilebenen, die Fülle der Register und die verschlungenen Dialoge die Lektüre zu einem witzigen und bildungsreichen Unterfangen. Viele der Anspielungen auf die slawische Tradition sind dankenswerter Weise im Anhang erläutert. Man kann nur erahnen, wie provokativ diese postmoderne Verfahrensweise auf die noch junge ukrainische Literatur Anfang der 90er Jahre gewirkt haben muss. Hier sucht jemand offensiv Anschluss an internationale Entwicklungen, experimentiert mit Erzählverfahren und Bildfolgen jenseits der tradierten Muster und gibt dem Ganzen dennoch einen eigenen, ukrainischen Anstrich.

Schon in den achtziger Jahren hatte Andruchowytsch die erstarrte Kulturszene mit seiner literarischen Performancegruppe Bu-Ba-Bu aufgemischt, ein poetisches Trio, das mit schrägen Lese-Rock-Tanzveranstaltungen die Säle füllte. Mit Moscoviada bestätigt der Literaturaktivist seinen Ruf als surrealer Karnevalist.

Die sich spiralförmig übersteigernden Abenteuer könnten die Gefahr der Abnutzung bergen - aber auch das passiert nicht. Andruchowytsch versteht sich auf die Kunst der Variation und setzt geschickt Rhythmusbeschleunigungen und Verlangsamungen ein. Der Höhepunkt seiner Moscoviada ist eine Parteiversammlung in einem der Säle des weitläufigen Kellergewölbes, bei der sämtliche Vertreter des Kremls verkleidet auftreten und Masken berühmter Persönlichkeiten tragen. Hier wird das ästhetische Prinzip des Karnevals, das Andruchowytschs gesamten Roman durchdringt, dann auch noch tatsächlich realisiert. Es herrscht ein haltloses Gewimmel und Gewühl, ein Festgelage mit Vorträgen wird abgehalten, kurzum: Wir sind endgültig in Absurdistan gelandet.

Eine Polit-Orgie ersten Ranges wird hier aufgeführt, ein apokalyptisches Happening, und Otto von F. reibt sich verwundert seine galizischen Augen. Dies also ist das Innere der ruhmreichen Sowjetunion? Man solle den abtrünnigen Völkern die Unabhängigkeit schenken, bellt der Vortragende ins Mikrophon, und die Bürger mit Referenden manipulieren, um ihnen die Liebe zum Staat beizubringen, was Gewalt, Betrug und Korruption bedeute. Wenn sie dann erst einmal in den Abgrund stürzten, kehrten sie demütig in die Arme Russlands zurück.

Angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen in der Ukraine, die den schon untergegangen geglaubten Putin-Zögling Janukowitsch wieder nach oben spülten, und angesichts des neuen russischen Auftrumpfens möchte man Juri Andruchowytsch prophetische Gaben zugestehen. Sein Held entkommt dem Höllenreigen dann doch noch: Mit letzter Kraft flüchtet sich Otto von F. zum Bahnhof und besteigt einen Zug in Richtung Kiew. Nach dem Ausflug in den russischen Untergrund ist die Ukraine das Paradies und der einzig denkbare Ort für einen Dichter.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0107 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Frankfurter Rundschau