Morire in levitate von Marlene Streeruwitz, 2004, S. FischerMorire in levitate.
Novelle von Marlene Streeruwitz (2004, S. Fischer).
Besprechung von Daniela Strigl in Der Standard, Wien vom 6.11.2004:

Wer schwer lebt, stirbt nicht leicht
In Marlene Streeruwitz' neuer Erzählung schlägt ein gebrochenes Herz seinen eigenen Ton an

Das Herz ist ein komisches Organ, erst wenn es gebrochen ist, schlägt es seinen eigenen Ton; wenn es nicht bricht, versteinert es", heißt es einmal bei Hannah Arendt. Mit den ungeheuer präzis beschriebenen körperlichen Symptomen eines solchen ganz altmodisch gebrochenen Herzens beginnt Marlene Streeruwitz' neue Erzählung: "Der Schmerz ein heller Metallfaden die Brust herauf gespannt."

Eine Frau, Ende fünfzig, geht an einem schönen, kalten, windigen Wintertag durch das Schilfgebiet um den Neusiedlersee. Sie lebt dort in der Nähe in einem Häuschen, trägt sich mit dem Gedanken, in eine Wohnung zu übersiedeln, ihr Mann ist tot, und sie fürchtet sich vor dem Alter, vor dem richtigen Alter, vor Inkontinenz, Hilflosigkeit, Demütigung.

Eine Winterreise nach innen. Was der Frau beim Gehen und Schal-Festziehen durch den Kopf geht, ist eine Einübung in das Absehbare, in das, was nicht auszuhalten ist: "Es war klar, dass noch viele Mühen des Nicht-Aushaltens ausgehalten werden würden. Bis es zu Ende. Das Sterben so nicht einfacher machte. Bis es einfacher sein würde, nichts mehr zu spüren." Morire in levitate. Das Sterben in Leichtigkeit, in einem Moment, der nur der Sterbenden gehört, in einem Äußersten an Privatheit, wird zum Fluchtpunkt der Geschichte. Aber: Wer schwer lebt, der stirbt auch nicht leicht.

Geraldine, Geraldine Denner - wieder einer von diesen leicht exaltierten Streeruwitz-Namen - hat die Leichtigkeit des Seins nie gekannt und so auch nicht als unerträglich empfinden können. Sie war Opernsängerin und musste das Singen aufgeben, aufgrund einer psychosomatischen Störung, wie man so sagt. Die Ursache liegt einmal mehr in der Kindheit, im Großvater, der lange bei der Familie wohnte und die Eltern tyrannisierte; Bahnlogistiker der Judentransporte im Dritten Reich, unbekehrbar, unbelehrbar, offensiv: "Er hatte nicht einmal Spinat essen können, ohne ein Nazi zu sein." Geraldines Eltern und deren Vorgeschichte bleiben merkwürdig unbeleuchtet, der Großvater hat seiner Enkelin die Opernbegeisterung eingeimpft und, mit Depotwirkung sozusagen, schließlich die Luft zum Singen und Atmen genommen. Eine wahre Schmerzensfrau wieder einmal, die es jenen nicht leicht macht, die von Österreichs (selbst-)quälerischen Autorinnen immer ungeduldiger das Positive einfordern. Das aber war noch nie ein Kriterium für literarische Qualität.

Ihr "Geflecht von Störungen" - von Kontrollzwang bis zu Hypochondrie und Paranoia - legitimiert Streeruwitz' Protagonistin dazu, Überspanntes zu denken und Pathetisches zu formulieren. Etwa einen Zusammenhang herzustellen zwischen Operngesang und Folter (und damit nicht die Qual für ungeübte Ohren zu meinen). Oder die Flucht ins Ungarische auszuschlagen mit den Worten: "Auch auf Ungarisch Menschen umgebracht worden waren. Es gab keine Sprache der Unschuld." Es geht hier augenscheinlich um eine pathologische Verfasstheit: die der chronisch beleidigten Leberwurst. Das macht Geraldines Behauptungen zweifelhaft, und sie weiß das auch. "Man sollte endlich anfangen, den Täterkindern zu glauben", verlangt das Täter-Enkelkind.

Zunehmend, scheint es, bleiben von seinem Sprechen bloß die Relativsätze übrig. Das banale "Sie erinnerte sich daran, dass" fehlt, da steht nur noch: "Als Kind einen Muff gehabt hatte." Nach dem gelungenen Stil-Bruch von Jessica, 30 ist Marlene Streeruwitz hier wieder zu dem von ihr geprägten literarischen Telegrammstil zurückgekehrt. Die skelettierte Sprache erweist sich, gerade in diesem Text, als dem Bruchstückhaften, auch dem Sprunghaften des inneren Monologs adäquat. "In der ,Kronenzeitung' die kürzesten Sätze." - Das, mit Verlaub, stimmt nicht, die finden sich immer noch bei der Streeruwitz. Das gedankliche Hin- und Herspringen ihrer desillusionierten Spaziergängerin erzeugt sonderbarerweise nicht den Eindruck von Nervosität. Morire in levitate ist eine Erzählung, deren konzentrierte Ruhe dem schönen Titel gerecht wird. Gleichsam ganz natürlich findet sie ihren Rhythmus gemeinsam mit der Gehenden, bewerkstelligt sie den ständigen Blickwechsel vom Ärgernis mehrreihiger Hochspannungsmasten bis zum verstorbenen Gatten, der just ihre "Verstörtheit" liebte, und zum menetekelhaften Tod der fast hundertjährigen "Frau Doktor" im Pflegeheim, der Geraldine aus der Presse vorzulesen pflegte. Hier schlägt ein gebrochenes Herz tatsächlich seinen eigenen Ton, nur komisch findet es keiner. Eine "Novelle", wie der Verlag behauptet, ist das deshalb freilich noch nicht: Weder Unerhörtes noch Unvorhergesehenes geschieht, sieht man davon ab, dass die Heldin am Ende doch das Ufer des Sees erreicht und ihr Blick sich weitet - in einer Ahnung von Leichtigkeit.

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