1.) - 2.)
Moonlight
Shadow/Kitchen.
Roman von Banana
Yoshimoto (2000, Diogenes - Übertragung Wolfgang
E. Schlecht)
Besprechung von Dieter
Lohr, 2004:
Von Kultbüchern und der geschlossenen Lücke in der japanischen Literatur
1986 - gerade 22-jährig - veröffentlichte
Banana Yoshimoto ihre erste Erzählung Moonlight Shadow, für die sie
postwendend den Izumi-Kyoka-Preis ihrer Tokyoter Universität verliehen bekam.
Ein Jahr später publizierte sie mit Kitchen ihren ersten Bestseller. Der Roman
schlug in Japan ein wie eine Bombe; es regnete Preise und Auszeichnungen.
Kitchen wurde seither zweimal verfilmt und über sechzigmal neu aufgelegt.
Bislang veröffentlichte sie in Japan 18 Romane, Erzählungen und Essays.
Banana Yoshimoto erfreut sich in Japan, insbesondere unter jungen Lesern, einer
beispiellosen Beliebtheit: In ihren orientierungslosen aber lebenshungrigen
Figuren können sich die japanischen Jugendlichen wiederfinden; auch sie stehen
zwischen Traditionsbewußtsein und den gesellschaftlichen Zwängen der
japanischen Hochleistungsgesellschaft; und die Sprache zwischen Poesie und
Comic, diese freche und melancholische, von undefinierten und unerfüllten
Hoffnungen geprägte Sprache - die sprechen auch sie.
Aber kann diese Faszination auch uns deutsche Leser erreichen, die wir weitaus
weniger Comics konsumieren als unsere japanischen Generationsgenossen, die wir
in einer vollkommen anderen Gesellschaft leben und einen denkbar anderen
kulturellen Hintergrund haben als Banana Yoshimoto?
Der Titel der kaum 50-seitigen Erzählung Moonlight Shadow (deutsch 1992) ist
dem gleichnamigen Lied von Mike Oldfield entliehen, und die Story ist es im
Grunde auch: Der Freund der Icherzählerin ist, zusammen mit der Freundin seines
Bruders, bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sein Bruder, Hiiragi, hat
den Unfall überlebt. Da Satsuki, die Protagonistin, und Hiiragi das gleiche
Schicksal teilen, irgendwie über den Verlust ihres Partners hinwegkommen zu müssen,
kommen sie einander näher. Satsuki lernt aber nicht nur den Bruder ihres
verunglückten Freundes näher kennen, sondern überdies eine eigenartige Frau,
die sie an einem bestimmten Tag um eine bestimmte Stunde zu einer bestimmte Brücke
lotst - etwas Großartiges gebe es dort zu sehen, etwas, das nur alle hundert
Jahre einmal stattfinde. Und tatsächlich kann Satsuki im Licht des
untergehenden Mondes einen letzten Blick auf ihren toten Freund werfen, der ihr
über den Fluß hinweg einen allerletzten Gruß zuwinkt.
Die Grundelemente der wunderbaren Welt Banana Yoshimotos treten in ihrem
Erstling bereits deutlich zutage: Die unwahrscheinliche Häufung
unwahrscheinlicher Ereignisse, der Glaube an die Kraft der Träume, die als
Vorahnungen handgreiflich auf das 'wirkliche' Leben einwirken, die allgemeine
Tendenz zum Esoterischen, sowie der melancholische Grundton:
"Als ich dann zum ersten Mal in meinem Leben einen Menschen verlor, den
ich wie keinen anderen geliebt hatte, brach die Welt für mich zusammen. Schon
allein das Atmen fiel mir schwer. Seit der Nacht, in der Hitoshi starb, war mir,
als sei mein Herz in eine andere Welt geflohen, aus der es nicht mehr zurückfand.
Es schien mir absolut unmöglich, die Dinge mit den gleichen Augen zu sehen wie
zuvor. Aufgewühlt und unfähig zu denken, trieb ich ziellos, haltlos dahin. Ich
war verbittert, daß ich eine jener Erfahrungen gemacht hatte, die vielen
Menschen das ganze Leben erspart bleiben: auch eine Abtreibung gehört dazu, ein
Job in einer Bar oder eine schwere Krankheit."
Auch ein Leitmotiv aller weiteren Bücher Banana Yoshimotos ist in Moonlight
Shadow bereits entwickelt: Die Erfahrung mit dem Sterben und dem Tod, die ohnmächtige
Wut darüber, letztlich aber die Gewißheit, daß rechtzeitig, kurz bevor man an
der Situation verzweifelt, von irgendwoher eine helfende und rettende Hand nach
einem ausgestreckt wird.
In Kitchen (deutsch 1992 - zusammen in einem Band mit Moonlight Shadow) wird
dieses Motiv weiter ausgebaut:
"Zum ersten Mal in meinem Leben machte ich mit meinen eigenen Händen
und Augen die Erfahrung, wie groß die Welt und wie tief ihre Dunkelheit ist,
erlebte ich, von welch unendlicher Faszination, aber auch grenzenloser
Einsamkeit sie ist."
Die Heldin, Mikage, wächst, da ihre Eltern früh gestorben sind, bei ihrer Großmutter
auf. Als auch diese stirbt, ist Mikage zunächst ganz alleine auf der Welt,
allerdings nicht lange: Yuichi, ein flüchtiger Bekannter, und dessen
transsexuelle Mutter Eriko nehmen Mikage bei sich auf, bis sie wieder auf
eigenen Beinen stehen kann. Doch auch Eriko stirbt, und nun sind Mikage und
Yuichi vollends verlassen. Indem sie einander beistehen, kommen sie einander
immer näher…
Eine banale Liebesgeschichte also? Trivialliteratur unter dem Deckmäntelchen
der 'Frau in der Gesellschaft' oder derlei? À la Doris Dörrie, Hera Lind, Gaby
Hauptmann, Ingrid Noll und wie sie alle heißen? Keineswegs - Banana Yoshimoto
hat wahrlich literarische Qualitäten: Die Sprache, die zuweilen ebenso deutlich
an die japanischen Comics angelehnt ist wie die mitunter phantastisch anmutenden
Handlungen, offenbart in ihrer vermeintlichen Spröde oder gar Hingerotztheit
zuweilen durchaus poetischen Gehalt:
"Jene Zeit, in der wir glücklich waren, glich einem leuchtenden
Kristall, der plötzlich tief in meiner Erinnerung aus seinem Schlaf erwacht war
und uns vorantrieb. Wie durch einen frischen Windstoß war der Duft jener Tage
in mein Herz zurückgekehrt."
Zuweilen wirkt diese Poesie ein wenig unbeholfen und fehl am Platz zwischen
Phrasen wie
"Pitsch, patsch lief ich an den regenbogenfarbenen Lichtern vorbei, die
sich in dem nassen Weg spiegelten."
"Ding-dong, klingelte es an der Tür."
Banana Yoshimotos scheinbar oberflächliche Heldinnen und Helden, die beständig
fernsehen, Comics lesen, Fast Food essen und auf flachen Dialogen durch die Welt
plätschern, zeichnen sich mitunter durch einen Tiefgang - und vor allem eine
tiefgehende und -greifende Melancholie und Traurigkeit aus, die betroffen macht:
"Lieber Gott, mach, daß ich irgendwie durchs Leben komme." "Ich
muß erwachsener, größer werden. Viel wird geschehen und mich im Innersten
treffen. Vieles wird weh tun, und immer wieder muß ich auf die Beine kommen.
Aber ich darf mich nicht unterkriegen lassen, darf nie die Kraft
verlieren."
Banana Yoshimoto zeichnet mit knappen Worten in dieser eigentümlichen
Sprache eindrücklich und lebendig Personen, Charaktere und Gefühle, und dies
so überzeugend, daß sich in Japan bereits sechs Millionen Leser begeistern und
damit identifizieren können. Kitchen ist keineswegs das unschuldig-naive
Geschichtchen, als das es zunächst erscheinen mag. Das Buch trifft tatsächlich
den Nerv und das Lebensgefühl der japanischen 'Generation X'. Es ist ein
Kultbuch - und zurecht.
In diesem Sinne ist auch das Nachwort zu Moonlight Shadow zu lesen. Die Autorin
hat eine 'Message', und so naiv diese zunächst anmuten mag, so rührend und
ergreifend ehrlich ist sie doch:
"Zuletzt ein Wort an die Leser dieses Buches. Es ist mein erstes Buch,
und sicher ist es nicht ganz ausgereift. Dennoch würde ich mich freuen, wenn es
ein klein wenig Mut machen könnte. Und ich wünsche all meinen Lesern bis zu
unserer nächsten Begegnung von ganzem Herzen eine glückliche Zeit."
Die Stimmung, die Sprache und die Charaktere belegen bereits auf den ersten
Seiten des Romans N.P. (deutsch 1993) die unverkennbare Handschrift Yoshimotos.
Hinzugekommen ist der Ausbau der in Kitchen nur unterschwellig vorhandenen
erotischen Komponente, sowie eine packende Thriller-Handlung:
Beim Schreiben seiner 98sten Erzählung - einer ziemlich wilden Geschichte - hat
sich der Schriftsteller Sarao Takase das Leben genommen:
"Der geschiedene, alleinlebende Held mit wüstem Lebensstil verliebt
sich in ein offenbar minderjähriges Mädchen, das er in einer Vorstadtbar
kennengelernt hat. Nachdem er mehrmals mit ihr geschlafen hat, erfährt er, daß
sie seine Tochter ist. Die betörenden Reize der eigenen Tochter nehmen ihn
gefangen. Es ist nicht bloß eine Lolita-Geschichte. Gegen Ende, wahrscheinlich
aufgrund von Drogen und Alkohol, wird es ungeheuer phantastisch, findest du
nicht?"
Auf eigenartige Weise greift diese Geschichte in die Realität ein. Keiner
der drei Leute, die mit der japanischen Übersetzung zu tun gehabt hatten, ist
mehr am Leben. "Der Universitätsprofessor, der sich zuerst daran
versuchte, die Studentin, die die Rohübersetzung anfertigte, und dann Shoji.
Alle Selbstmord."
Shoji war der letzte Freund von Kazami, der Protagonistin, gewesen, die sich nun
ebenfalls an die Übersetzung wagen will. Das Manuskript der Kurzgeschichte
hatte Shoji seinerzeit von Saki und Otohiko, den Kindern Takases, erhalten.
Womöglich eine tatsächliche Inzest-Geschichte? Etwas eigenartig scheinen Saki
und Otohiko durchaus zu sein…
Richtig verdächtig allerdings wird es, als Sui auftaucht, eine bislang
verheimlichte Halbschwester von Saki und Otohiko. Sui hatte nun tatsächlich mit
ihrem Vater geschlafen, später dann auch mit Shoji - und nun hat sie ein Verhältnis
mit ihrem Halbbruder Otohiko.
Kazamis Eingebung zu Beginn des Buches scheint sich zu bewahrheiten:
"'Irgendwie ist mir komisch zumute, als säße ich hier mit einer
Romanfigur zusammen.' 'Meinst du mich?' 'Ja, eine Romanfigur, der ich plötzlich
leibhaftig begegne.'"
In einem edozeitlichen Erzählspiel sitzt man in sommerlicher Runde beisammen
und erzählt reihum Geschichten. Sobald die hundertste Geschichte erzählt ist,
erscheint - so die Legende - ein Geist. Wie ein Geist taucht zunächst die 99ste
Erzählung Takases auf. Was wird die 100ste sein? Das Leben, das die 99
vorangehenden Erzählungen in sich birgt und verknüpft?
"Ein Leben, das nicht Fiktion ist, gibt es das…?"
Eine bizarre 'Freundschaft für einen Sommer' steht auch in Tsugumi (deutsch
1996) im Zentrum der Handlung. Erzählt wird der letzte gemeinsame Sommer zweier
19jähriger Cousinen. So grundverschieden die beiden Mädchen innerlich und äußerlich
auch sein mögen, verbindet sie doch eine tiefe Freundschaft, vielmehr ein
innerer Zwang zu dieser Freundschaft, eine - durchaus auch erotisch zu
verstehende - Obsession.
"Um heimzukehren ist in meinem Herzen kein anderes Zuhause geblieben, als
die Erinnerung an die Zeit mit Tsugumi."
Auch die Faszination am radikal Anderen zieht sich wie ein roter Faden durch
sämtliche Yoshimoto-Bücher. Gegensätze ziehen einander nicht nur an, sie bedürfen
einander; alleine sind sie weder vollständig noch letzten Endes gar lebensfähig.
Auch dieses Motiv wird im nächsten Band von Banana Yoshimoto - Dornröschenschlaf.
Drei Erzählungen von der Nacht (deutsch 1998) - weitergesponnen. Das Nachwort
zu Moonlight Shadow war keineswegs unüberlegt dahergeplappert, sondern hatte
sich durchaus programmatisch verstanden: "Ich wünsche all meinen Lesern
bis zu unserer nächsten Begegnung von ganzem Herzen eine glückliche
Zeit." Einerseits klingt hier wieder die Verwandtschaft des Erzählten zur
Comicwelt an - 'heute ist nicht alle Tage', sozusagen, 'ich komm wieder, keine
Frage' - andererseits wird, im Nachhinein betrachtet, klar, daß sich Yoshimotos
Erzählungen als Fortsetzungen verstehen: In Moonlight Shadow und Kitchen sind
der Grundton, die Leitmotive und die Charaktere eingeführt worden, in N.P. und
Tsugumi kam die packende Handlung hinzu, die Erotik und deren Steigerung, der
Tabubruch. Die zu einem Band zusammengefaßten Erzählungen Dornröschenschlaf,
Wanderer der Nacht und Eine geheimnisvolle Erfahrung setzen voraus, daß dem
Leser all dies bereits hinlänglich bekannt ist. Yoshimoto kann daher darauf
verzichten, das Grundgerüst abermals aufzubauen und direkt in die Handlung
einsteigen. Den unerfahrenen Yoshimoto-Leser mag die denkbar knappe Handlungsführung
und Zeichnung der Figuren befremden, das treue Yoshimoto-Gefolge erkennt bereits
auf der ersten Seite unmißverständlich die bekannte Yoshimoto-Welt wieder und
findet sich mühelos in ihr zurecht
Alle drei Geschichten kreisen um den Themenkomplex 'Liebe und Tod'. Drei junge
Frauen müssen sich mit dem Tod eines nahestehenden Menschen auseinandersetzen -
dem Tod des Geliebten, der besten Freundin und sogar der Konkurrentin in
Liebesdingen. Alle drei finden völlig unterschiedliche Lösungen, ihre
jeweilige Krise zu bewältigen.
"Diese drei Geschichten sind sozusagen Geschwister - in gewissem Sinne könnte
man sie vielleicht sogar als eine einzige große Erzählung ansehen."
schreibt Banana Yoshimoto im Nachwort zu ihrem Erzählband, und tatsächlich
sind die einzelnen Kurzgeschichten - jede für sich gelesen - keineswegs
komplett.
Ebenso wie sie inhaltlich und stilistisch ineinander übergehen und ein
Gesamtbild ergeben, passen sämtliche Erzählungen Banana Yoshimotos zusammen
wie Steine in einem Mosaik. Jede neue Erzählung fügt eine weitere Facette
hinzu und erweitert das Yoshimoto-Welt-Bild um eine Dimension.
Ihr nächstes Buch Amrita wird im August dieses Jahres erscheinen, und man darf
gespannt sein, wie es die wunderbare Welt der Banana Yoshimoto ergänzt,
umwandelt oder neu interpretiert.
Die internationale Kritik hebt das Identifikationspotential für die japanischen
Jugendlichen hervor, das in den Büchern Banana Yoshimotos steckt, das
Sprachrohr, das die Autorin für die japanische Jugend ist, die Lücke in der
japanischen Literatur, die Banana Yoshimoto schließt.
Schön, schön; aber wie gefragt: Was hat dies alles mit uns zu tun, die wir
zwar japanische Autos fahren, japanische Fotoapparate und japanische
Hifi-Anlagen benutzen, die wir aber unser Japanbild größtenteils aus Klischees
und Vorurteilen zusammensetzen?
Wir lernen in Banana Yoshimotos Büchern ein Japan - ein Alltagsjapan - kennen,
das eben diesen Klischees und Vorurteilen erfrischend wenig entspricht - oder
auch nicht… Einblicke also in das japanische Leben. So weit, so gut - aber das
ist noch nicht alles:
Banana Yoshimoto ist keineswegs 'nur' eine japanische Schriftstellerin für ein
spezifisch japanisches Lesepublikum. Auch spricht sie keineswegs ausschließlich
Jugendliche an. Die Konflikte, in die ihre Helden gestürzt werden und die sie
bewältigen müssen, sind weder japan-, noch jugendspezifisch, sondern ebenso
wie die Sprache Yoshimotos allgemein und international - zumindest aber
allgemein und international verständlich, nachvollziehbar und - bezaubernd.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.dieterlohr.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1107 LYRIKwelt © Dieter Lohr
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2.)
Moonlight
Shadow/Kitchen.
Roman von Banana
Yoshimoto (2000, Diogenes - Übertragung Wolfgang
E. Schlecht)
Besprechung von Marion Löhndorf in Neue
Zürcher Zeitung und bei amazon.de, 2004
Bunte Seltsamkeiten
Die japanische Erzählerin Banana
Yoshimoto
Banana Yoshimotos Geschichten sind bunt und voller Seltsamkeiten. «Kitchen» und «Tsugumi», die zu den meistverkauften Büchern der vergangenen Jahre in Japan gehören, kreisen in sanft schrägem, doch tröstlichem Ton um die Themen Liebe, Tod und Einsamkeit. Sie bewegen sich in einer Welt, in der «Kentucky Fried Chicken» und der ständig laufende Fernseher ebenso ihren Platz haben wie Überbleibsel japanischer Traditionen. Sie sind aus Neon- und Pastellfarben gemischt, aus Elementen eines lyrischen und eines comichaften Stils. Plakative Offenheit und die Kunst des Verhüllens und Weglassens gehen eine Verbindung ein. Manchmal wird eine herzhafte Naivität und Direktheit in umgangssprachlichen Formulierungen zur Schau getragen. Doch die Schlichtheit ist trügerisch, wer sich gerade in der Ruhe scheinbar eindeutiger Beschreibungen und gesicherter Erkenntnisse wiegt, dem wird im nächsten Moment der Boden unter den Füssen weggezogen.
«Kitchen», das beste von ihnen, ist die Liebeserklärung einer jungen Frau an einen scheinbar banalen und unpoetischen Platz: die Küche. Sie wird gefeiert als Ort, an dem Kunst und Leben, die Kochkunst und das Essen, zusammenkommen, als Stätte häuslicher Geborgenheit und alchimistischer Prozesse, der faszinierenden Werkzeuge und der kreativen Arbeit. Sie erscheint als Lebenskraft spendender Gegenpol zu dem die Erzählerin vielfach umgebenden Tod: Hier kommt die Welt, und sei es für eine Weile nur, wieder in Ordnung.
Zu Beginn ist die heile Küchenwelt alles andere als intakt. Mikage, Vollwaise, hat die Grossmutter, ihre letzte Angehörige, verloren. Wie alle Hauptfiguren in «Kitchen» und «Tsugumi» erlebt auch sie einen bitteren Abschied von der Kindheit: «Zum erstenmal in meinem Leben machte ich mit meinen eigenen Händen und Augen die Erfahrung, wie gross die Welt und wie tief ihre Dunkelheit ist, erlebte ich, von welch unendlicher Faszination, aber auch grenzenloser Einsamkeit sie ist.» Als plötzlich ein junger, ganz flüchtiger Bekannter vor der Tür steht und Mikage im Namen seiner Mutter einlädt, mit ihm und ihr zusammenzuleben, ist das unerwartet, fast unwirklich. Doch gerade der spielerisch anmutende Umgang mit der Glaubwürdigkeit ist typisch für Banana Yoshimotos Erzählweise. Sie schafft leichtes Befremden, sät leisen Zweifel. Die Art ihres Erzählens entspricht zugleich ihren Themen. Liebe und Tod: Sie enthält etwas von der verstörenden Macht, dem Aufreissen der alltäglichen Wirklichkeit, die diesen Erfahrungen innewohnt.
Mikages neue Wohnstätte ist anders als alle Wohnungen, die sie kennt. Die Pflanzen wuchern üppiger als woanders, das grotesk grosse Sofa steht an einer Stelle, wo niemand sonst ein Möbel hinstellen würde. Auch die Mutter des jungen Bekannten, Eriko, umgibt etwas leicht Phantastisches. Zunächst wird sie als charismatische Schönheit beschrieben; dann entdeckt die Erzählerin kleine Zeichen der äusseren Unvollkommenheit; schliesslich stellt sich heraus, dass sie einmal ein Mann war. Nichts ist, was es scheint; doch wird auch nicht jedes Geheimnis gelüftet. Beiläufig wird bemerkt, Eriko habe nach dem Tod seiner Frau eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen. Die Erklärung ist weit entfernt von der naheliegenden Annahme sexueller Selbstverwirklichung. Vielmehr wird ein märchenhaft tragisches Motiv suggeriert: Eriko schlüpft mit den Kleidern in die Rolle seiner verstorbenen Frau.
In «Tsugumi» ist der Tod zwar als Bedrohung allgegenwärtig, aber er manifestiert sich nicht. Tsugumi ist der Name eines Mädchens, dem die Ärzte von Anfang an kein langes Leben prophezeit haben. Ihre schwächliche Gesundheit kompensiert sie mit eisernem Willen, Frechheit und Nervensägertum. Sie ist von engelhafter Hübschheit, aber verwöhnt und die panisch aufgereizte Dreistigkeit in Person. Tsugumi lebt mit dem Tod, nimmt sich deshalb heraus, was sie will, und duldet keinen Einspruch.
«Tsugumi» ist geradliniger und konventioneller erzählt als «Kitchen», das Spiel mit der Illusion ist zwar als Thema noch vorhanden, aber der Text selbst enthält es nicht mehr: Banana Yoshimoto legt hier ihre Karten auf den Tisch. «Tsugumi» ist vorwiegend in einem kleinen Küstenstädtchen angesiedelt, bespiegelt Menschen und die Natur und erscheint fast zeitlos. Die Grossstadtgeschichte «Kitchen» hingegen verweilt mit Hingabe auf Gegenständen und Alltagsdetails; sie wirkt zeitgenössisch. Die Konzentration auf die nervös energetische Hauptfigur verleiht der Geschichte grössere Geschlossenheit, es fehlt die Traumschwere der Débuterzählungen. Wiederum erleben eine Ich-Erzählerin und Tsugumi den Übergang zum Erwachsenenleben, dieses Mal aber in leichter konsumierbaren kleinen Episoden. «Tsugumi» ist eine hübsche, sentimentale, bittersüsse Geschichte, und es nimmt nicht wunder, dass sie 1989, bei ihrem Erscheinen in Japan, ein «Yoshimoto»-Fieber auslöste. Überhaupt gilt die 32jährige Autorin mit dem selbsterfundenen Namen in ihrer Heimat als Phänomen: sieben Bücher in kaum mehr als zwei Jahren, über sechs Millionen verkaufte Exemplare, zwei Verfilmungen, Preise und Anerkennungen.
[...diese und weitere Besprechungen
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