1.) - 2.)
Montgomery.
Roman von Sibylle
Lewitscharoff (2002, DVA).
Besprechung von Nicole Langenbach aus der Münchner
Merkur, 18.2.2003:
Asket in Rom
Sibylle Lewitscharoffs neuer Roman
Er wächst unter der erdrückenden Autorität des
Großvaters und im Schatten seines behinderten älteren Bruders Robert auf, der
alle Liebe im Hause Stahl absorbiert. Diese wenig beglückende Kindheit holt
Montgomery in den letzten neun Tagen seines Lebens, die im Zentrum des Romans
stehen, immer wieder ein. Sein Tod wird in einer knappen Rahmenhandlung
vorweggenommen. Er ereilt den gerade mal Fünfzigjährigen auf dem Höhepunkt
eines so erfolgreichen wie einsamen Lebens.
Den Spuren seines Vaters folgend ist er nach Italien gegangen und dort
Filmproduzent geworden. Doch in der bunten Welt von Cinecittá´, die
Lewitscharoff mit wenigen Strichen lebendig und humorvoll zeichnet, bewegt sich
der Halbitaliener immer noch wie ein Fremdkörper, was weniger seiner deutschen
Herkunft, als seinem eigenwilligen Wesen zuzuschreiben ist: ein asketischer,
hagerer Mann, Kettenraucher, mit empfindlichem Magen und übersensiblem
Geruchssinn, der menschliche Nähe nicht erträgt. Ein Misanthrop im
Filmgeschäft, das ihn fasziniert und quält zugleich. Nicht viel anders
geht es dem Leser mit diesem Antihelden. Mit der Verfilmung von "Jud
Süß", einer Rehabilitation des historischen Joseph Süß Oppenheimer,
will Montgomery sein Lebenswerk krönen. Gleichzeitig scheint diese Arbeit eine
Art Sühne zu sein. Die Schuld allerdings ist schwer zu fassen.
Eine NS-Vergangenheit der Familie hat es nicht gegeben, sie waren allenfalls
Mitläufer, dennoch erscheint der Großvater in seiner Fantasie "wie ein
Hollywoodfaschist in blank gewichsten Stiefeln". Die eigene Schuld am Tod
des Bruders, der bei einem Unfall ums Leben kam - der vielleicht doch
keiner war? -, bleibt am Ende offen. Doch in beiden Fällen ist die Schuld
vielleicht auch nur eine Frage der versäumten Verantwortung. Die Arbeit an
"Jud Süß" wird für Montgomery zur Aufarbeitung der eigenen
Vergangenheit, eines Lebens ohne Liebe, wie es scheint. Die findet er erst ganz
am Ende, unmittelbar vor seinem Tod, den die Autorin in einer genialen,
apokalyptischen Träumerei schildert.
Überhaupt sind Sibylle Lewitscharoff, die 1998 für ihren ersten Roman "Pong" mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, eindringliche Schilderungen gelungen. Von Rom, seinen Menschen und nicht zuletzt ihrem Helden, dem sie förmlich unter die Haut kriecht und den sie dabei gleichzeitig auf Distanz hält. Man will nicht so recht mitleiden mit diesem an sich selbst und der Welt so sehr Leidenden, und doch kann man sich einer gewissen Faszination nicht entziehen, bleibt am Ende gar erschüttert zurück.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0303 LYRIKwelt © Münchner Merkur
***
2.)
Montgomery.
Roman von Sibylle
Lewitscharoff (2002, DVA).
Besprechung von Mascha Kurtz
aus dem titel-magazin:
Ein komischer Hochzeiter
Bei „Pong“ waren sich fast alle einig: Ingeborg-Bachmann-Preis für die „verrückte“ Prosa aus dem Kopf eines
„der ungewöhnlichsten Helden der Gegenwartsliteratur“ (FR), zu Recht
begeisterte Kritiken allüberall. Mit „Pong“ habe sie das Gefühl, einen
eigenen Ton gefunden zu haben, sagte die Autorin damals, 1998. „Es geht mir
wirklich nicht darum, realistische Dialoge zu schreiben und eine Geschichte
ordentlich runter zu erzählen. Obwohl ich solche Bücher, wenn sie gut
geschrieben sind, durchaus schätzen kann. Aber ich selbst stehe in einer ganz
anderen Tradition“ (Süddt. Zeitung, 12.10.1998).
Die setzte sie fort in ihrem nächsten Buch, der märchenhaften und
abenteuerlichen Reise des „höflichen Harald“. „Ein funkelnder Spaß“,
fand die „Welt“, erzählt mit einer „erfinderischen Lust an der Sprache“
(Tagesspiegel).
Mit ihrem neuen Roman „Montgomery“ hat Sibylle Lewitscharoff auf dem Boden
des Realismus aufgesetzt. Eine ziemlich harte Landung. Auch wenn es löblich
ist, dass die Autorin sich an etwas Neues heranwagt, statt weiter auf der
Schiene zu fahren, die sie mit ihren vorherigen Veröffentlichungen gelegt hat.
Titelheld Montgomery ist kein verschrobener Protagonist wie „Pong“, es
geschieht auch wenig Märchenhaftes. Es geht um die letzten Tage im Leben von
Montgomery Cassini-Stahl, halb Schwabe, halb Italiener, erfolgreicher
Filmproduzent in Rom. Erzählt wird uns seine Geschichte als Biografie, verfasst
von einem ehemaligen Klassenkameraden, der den Produzenten kurz vor dessen Tod
zufällig in Rom wiedergetroffen hat. Zwischen die Ereignisse in Rom schiebt der
Erzähler immer wieder Rückblenden auf Montgomerys Kindheit in Stuttgart. Sie
war überschattet vom Tod des gelähmten Bruders im Swimmingpool des
Elternhauses. Hat Monty etwa seinen Bruder umgebracht, der alle Fürsorge auf
sich zog?
Ist die Karriere, die Entwicklung zum Kontrollfreak, dieser Kindheit zu
verdanken? Montgomery, der einstige Außenseiter, ist Fünfzig, lebt in einem
Luxusappartement mit Blick auf das Forum Romanum, hat einen empfindlichen Magen
und eine Haushälterin, die hoffnungslos in ihn verliebt ist. Gerade dreht er
ein Remake von „Jud Süß“. Nach Aussage der Autorin eine ihrer
Lieblingsfantasien, um die historische Gestalt des Süß Oppenheimer von dem
Ballast des Nazi-Propagandafilms zu befreien.
Der Produzent ist ein einsamer Mann, der niemanden an sich heran lässt. Dennoch
ist er umgeben von Menschen, die sich auf ihn ausrichten wie Kompasse auf den
Pol: Bedienstete wie die verliebte Haushälterin oder der Chauffeur, außerdem
ein klischeehafter, langweiliger Haufen von Filmleuten, von der schwatzhaften
Sekretärin und dem dicken Assistenten bis zum hoffnungsvollen Jungregisseur und
dem versoffenen Star, der beinahe die Dreharbeiten platzen lässt, weil er in
Roms Kneipen versumpft. Hoch symbolisch, dass Montgomery selbst die Rolle des Süß
Oppenheimer übernehmen muss, damit sein Filmprojekt nicht scheitert.
Eigentlich wollte Lewitscharoff ein ganz anderes Buch schreiben, als sie für
drei Monate als Stipendiatin in die „Casa di Goethe“ nach Rom kam. Aber dann
erlag sie dem „Kraftfeld“ Rom, auf dem „heitere und befremdliche
Erinnerungen sprießen“, wie sie sagt. „Ich habe nichts anderes getan, als
stundenlang durch Rom zu streifen.“
Daraus entsteht eines der Probleme von „Montgomery“. Die Beobachtungen und
Erlebnisse ihrer Streifzüge wollte Lewitscharoff offenbar unbedingt
unterbringen, gleichgültig, ob sie mit der Handlung zu tun haben oder nicht.
Immer wieder wird die Autorin sichtbar, wo sie hinter ihre Figuren zurücktreten
sollte. Ab und zu kriegt man den Eindruck, man hielte einen dieser literarischen
Reiseführer in der Hand, die mit viel Lokalkolorit Rom als Reiseziel
schmackhaft machen wollen: Das bunte Treiben auf dem Campo de’Fiori! Die
Marktweiber beim Fische ausnehmen! Katzen auf sonnenwarmen Steinen! Das kann
passieren, Rom verlockt dazu. Zu widerstehen, ist schwer, hätte dem Buch aber
wahrscheinlich gut getan.
Denn eigentlich geht es ja um Montgomery. Das zentrale Ereignis des Romans ist,
dass der stahlharte Produzent sich verliebt, und zwar in die Freundin des
Jungregisseurs. Der Machtmensch greift zu, natürlich kann das Objekt seiner
Begierde nicht lange widerstehen. Montgomerys Herz aber scheint eher die
Tatsache des Verliebtseins in Wallung zu bringen als „sein“ Mädchen selbst;
es bleibt blass, fast unsichtbar, als wäre es nicht weiter wichtig.
Bis die beiden zusammenkommen, dauert es beinahe dreihundert Seiten. Viel wird
erzählt, wenig passiert; die meist belanglosen Ereignisse reihen sich wie zufällig
aneinander. Richtig gut wird es erst, als Montgomery nach der Liebesnacht durch
Rom streift, völlig außer sich vor Glück. Er treibt durch die Stadt, nimmt
alles wahr, lässt seine Gedanken dahinrauschen. Da, wo es unlogisch wird,
gewinnt Lewitscharoffs Prosa ihre eigene Realität in einem atemlos-religiösen
Ton (es ist Pfingsten, ausgerechnet!). Der Leser wird mitgerissen, vom Kolosseum
zur Engelsburg, vom Gianicolo in die Via Veneto, von dort in Richtung Pantheon,
wo die Pfingstmesse stattfinden soll. Zu der schafft es Montgomery aber nicht
mehr. Nach gut fünfzig Seiten Gedankenrausch bleibt sein Herz stehen: „In
beträchtlicher Entstellung lag er da, mit aufgerissenen Augen. Ein komischer
Hochzeiter, drei Polaroids in der Tasche, seine Manschettenknöpfe, einen Schlüssel,
ein Zündholzbriefchen und sonst nichts.“
Zum Schluss erscheint nochmals der Biograf, im Gespräch mit Montgomerys Mutter.
Es stellt sich die Frage, ob ein Leben überhaupt erzählt werden kann. Denn es
kommt heraus: Montgomery hat seinen Bruder nicht umgebracht, der rollte von
allein ins Wasser. Im Nachhinein stellt das den Blick auf Montgomerys Charakter
in Frage. Vielleicht war er ganz anders, als er uns geschildert wurde. Aber auch
das machte keinen Unterschied, denn wirklich nahe ging dieser Mensch uns nicht.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0503 LYRIKwelt © titel-magazin