Montgomery von Sibylle Lewitscharoff, 2002, DVA1.) - 2.)

Montgomery.
Roman von Sibylle Lewitscharoff (2002, DVA).
Besprechung von Nicole Langenbach aus der Münchner Merkur, 18.2.2003:

Asket in Rom
Sibylle Lewitscharoffs neuer Roman

Wer 1949 im Schwäbischen unter dem Namen Montgomery Cassini-Stahl geboren wird, der hat es nicht leicht; schon gar nicht, wenn der Vater nicht nur ein Fan von amerikanischen Filmen, sondern auch noch Italiener ist und bald nach der Geburt des Sohnes Deutschland und seiner Frau samt ihrer großbürgerlichen Familie für immer den Rücken kehrt. So steht das Leben des Titelhelden in Sibylle Lewitscharoffs neuem Roman "Montgomery" von Anfang an unter keinem guten Stern.

Er wächst unter der erdrückenden Autorität des Großvaters und im Schatten seines behinderten älteren Bruders Robert auf, der alle Liebe im Hause Stahl absorbiert. Diese wenig beglückende Kindheit holt Montgomery in den letzten neun Tagen seines Lebens, die im Zentrum des Romans stehen, immer wieder ein. Sein Tod wird in einer knappen Rahmenhandlung vorweggenommen. Er ereilt den gerade mal Fünfzigjährigen auf dem Höhepunkt eines so erfolgreichen wie einsamen Lebens.

Den Spuren seines Vaters folgend ist er nach Italien gegangen und dort Filmproduzent geworden. Doch in der bunten Welt von Cinecittá´, die Lewitscharoff mit wenigen Strichen lebendig und humorvoll zeichnet, bewegt sich der Halbitaliener immer noch wie ein Fremdkörper, was weniger seiner deutschen Herkunft, als seinem eigenwilligen Wesen zuzuschreiben ist: ein asketischer, hagerer Mann, Kettenraucher, mit empfindlichem Magen und übersensiblem Geruchssinn, der menschliche Nähe nicht erträgt. Ein Misanthrop im Filmgeschäft, das  ihn fasziniert und quält zugleich. Nicht viel anders geht es dem Leser mit diesem Antihelden. Mit der Verfilmung von "Jud Süß", einer Rehabilitation des historischen Joseph Süß Oppenheimer, will Montgomery sein Lebenswerk krönen. Gleichzeitig scheint diese Arbeit eine Art Sühne zu sein. Die Schuld allerdings ist schwer zu fassen.

Eine NS-Vergangenheit der Familie hat es nicht gegeben, sie waren allenfalls Mitläufer, dennoch erscheint der Großvater in seiner Fantasie "wie ein Hollywoodfaschist in blank gewichsten Stiefeln". Die eigene Schuld am Tod des Bruders, der bei einem Unfall ums Leben kam - der vielleicht doch keiner war? -, bleibt am Ende offen. Doch in beiden Fällen ist die Schuld vielleicht auch nur eine Frage der versäumten Verantwortung. Die Arbeit an "Jud Süß" wird für Montgomery zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, eines Lebens ohne Liebe, wie es scheint. Die findet er erst ganz am Ende, unmittelbar vor seinem Tod, den die Autorin in einer genialen, apokalyptischen Träumerei schildert.

Überhaupt sind Sibylle Lewitscharoff, die 1998 für ihren ersten Roman "Pong" mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, eindringliche Schilderungen gelungen. Von Rom, seinen Menschen und nicht zuletzt ihrem Helden, dem sie förmlich unter die Haut kriecht und den sie dabei gleichzeitig auf Distanz hält. Man will nicht so recht mitleiden mit diesem an sich selbst und der Welt so sehr Leidenden, und doch kann man sich einer gewissen Faszination nicht entziehen, bleibt am Ende gar erschüttert zurück.

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Montgomery von Sibylle Lewitscharoff, 2002, DVA2.)

Montgomery.
Roman von Sibylle Lewitscharoff (2002, DVA).
Besprechung von
Mascha Kurtz aus dem titel-magazin:

Ein komischer Hochzeiter

Bei „Pong“ waren sich fast alle einig: Ingeborg-Bachmann-Preis für die „verrückte“ Prosa aus dem Kopf eines „der ungewöhnlichsten Helden der Gegenwartsliteratur“ (FR), zu Recht begeisterte Kritiken allüberall. Mit „Pong“ habe sie das Gefühl, einen eigenen Ton gefunden zu haben, sagte die Autorin damals, 1998. „Es geht mir wirklich nicht darum, realistische Dialoge zu schreiben und eine Geschichte ordentlich runter zu erzählen. Obwohl ich solche Bücher, wenn sie gut geschrieben sind, durchaus schätzen kann. Aber ich selbst stehe in einer ganz anderen Tradition“ (Süddt. Zeitung, 12.10.1998).
Die setzte sie fort in ihrem nächsten Buch, der märchenhaften und abenteuerlichen Reise des „höflichen Harald“. „Ein funkelnder Spaß“, fand die „Welt“, erzählt mit einer „erfinderischen Lust an der Sprache“ (Tagesspiegel).

Mit ihrem neuen Roman „Montgomery“ hat Sibylle Lewitscharoff auf dem Boden des Realismus aufgesetzt. Eine ziemlich harte Landung. Auch wenn es löblich ist, dass die Autorin sich an etwas Neues heranwagt, statt weiter auf der Schiene zu fahren, die sie mit ihren vorherigen Veröffentlichungen gelegt hat.

Titelheld Montgomery ist kein verschrobener Protagonist wie „Pong“, es geschieht auch wenig Märchenhaftes. Es geht um die letzten Tage im Leben von Montgomery Cassini-Stahl, halb Schwabe, halb Italiener, erfolgreicher Filmproduzent in Rom. Erzählt wird uns seine Geschichte als Biografie, verfasst von einem ehemaligen Klassenkameraden, der den Produzenten kurz vor dessen Tod zufällig in Rom wiedergetroffen hat. Zwischen die Ereignisse in Rom schiebt der Erzähler immer wieder Rückblenden auf Montgomerys Kindheit in Stuttgart. Sie war überschattet vom Tod des gelähmten Bruders im Swimmingpool des Elternhauses. Hat Monty etwa seinen Bruder umgebracht, der alle Fürsorge auf sich zog?
Ist die Karriere, die Entwicklung zum Kontrollfreak, dieser Kindheit zu verdanken? Montgomery, der einstige Außenseiter, ist Fünfzig, lebt in einem Luxusappartement mit Blick auf das Forum Romanum, hat einen empfindlichen Magen und eine Haushälterin, die hoffnungslos in ihn verliebt ist. Gerade dreht er ein Remake von „Jud Süß“. Nach Aussage der Autorin eine ihrer Lieblingsfantasien, um die historische Gestalt des Süß Oppenheimer von dem Ballast des Nazi-Propagandafilms zu befreien.
Der Produzent ist ein einsamer Mann, der niemanden an sich heran lässt. Dennoch ist er umgeben von Menschen, die sich auf ihn ausrichten wie Kompasse auf den Pol: Bedienstete wie die verliebte Haushälterin oder der Chauffeur, außerdem ein klischeehafter, langweiliger Haufen von Filmleuten, von der schwatzhaften Sekretärin und dem dicken Assistenten bis zum hoffnungsvollen Jungregisseur und dem versoffenen Star, der beinahe die Dreharbeiten platzen lässt, weil er in Roms Kneipen versumpft. Hoch symbolisch, dass Montgomery selbst die Rolle des Süß Oppenheimer übernehmen muss, damit sein Filmprojekt nicht scheitert.

Eigentlich wollte Lewitscharoff ein ganz anderes Buch schreiben, als sie für drei Monate als Stipendiatin in die „Casa di Goethe“ nach Rom kam. Aber dann erlag sie dem „Kraftfeld“ Rom, auf dem „heitere und befremdliche Erinnerungen sprießen“, wie sie sagt. „Ich habe nichts anderes getan, als stundenlang durch Rom zu streifen.“
Daraus entsteht eines der Probleme von „Montgomery“. Die Beobachtungen und Erlebnisse ihrer Streifzüge wollte Lewitscharoff offenbar unbedingt unterbringen, gleichgültig, ob sie mit der Handlung zu tun haben oder nicht. Immer wieder wird die Autorin sichtbar, wo sie hinter ihre Figuren zurücktreten sollte. Ab und zu kriegt man den Eindruck, man hielte einen dieser literarischen Reiseführer in der Hand, die mit viel Lokalkolorit Rom als Reiseziel schmackhaft machen wollen: Das bunte Treiben auf dem Campo de’Fiori! Die Marktweiber beim Fische ausnehmen! Katzen auf sonnenwarmen Steinen! Das kann passieren, Rom verlockt dazu. Zu widerstehen, ist schwer, hätte dem Buch aber wahrscheinlich gut getan.
Denn eigentlich geht es ja um Montgomery. Das zentrale Ereignis des Romans ist, dass der stahlharte Produzent sich verliebt, und zwar in die Freundin des Jungregisseurs. Der Machtmensch greift zu, natürlich kann das Objekt seiner Begierde nicht lange widerstehen. Montgomerys Herz aber scheint eher die Tatsache des Verliebtseins in Wallung zu bringen als „sein“ Mädchen selbst; es bleibt blass, fast unsichtbar, als wäre es nicht weiter wichtig.
Bis die beiden zusammenkommen, dauert es beinahe dreihundert Seiten. Viel wird erzählt, wenig passiert; die meist belanglosen Ereignisse reihen sich wie zufällig aneinander. Richtig gut wird es erst, als Montgomery nach der Liebesnacht durch Rom streift, völlig außer sich vor Glück. Er treibt durch die Stadt, nimmt alles wahr, lässt seine Gedanken dahinrauschen. Da, wo es unlogisch wird, gewinnt Lewitscharoffs Prosa ihre eigene Realität in einem atemlos-religiösen Ton (es ist Pfingsten, ausgerechnet!). Der Leser wird mitgerissen, vom Kolosseum zur Engelsburg, vom Gianicolo in die Via Veneto, von dort in Richtung Pantheon, wo die Pfingstmesse stattfinden soll. Zu der schafft es Montgomery aber nicht mehr. Nach gut fünfzig Seiten Gedankenrausch bleibt sein Herz stehen: „In beträchtlicher Entstellung lag er da, mit aufgerissenen Augen. Ein komischer Hochzeiter, drei Polaroids in der Tasche, seine Manschettenknöpfe, einen Schlüssel, ein Zündholzbriefchen und sonst nichts.“

Zum Schluss erscheint nochmals der Biograf, im Gespräch mit Montgomerys Mutter. Es stellt sich die Frage, ob ein Leben überhaupt erzählt werden kann. Denn es kommt heraus: Montgomery hat seinen Bruder nicht umgebracht, der rollte von allein ins Wasser. Im Nachhinein stellt das den Blick auf Montgomerys Charakter in Frage. Vielleicht war er ganz anders, als er uns geschildert wurde. Aber auch das machte keinen Unterschied, denn wirklich nahe ging dieser Mensch uns nicht.

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