Mona Liza von Erika Kronabitter, 2007, Limbus VerlagMona Liza.
Die Prosa der Verhältnisse von Erika Kronabitter (2007, Limbus).
Besprechung von Helmut Schönauer, 2007:

Natürlich denkt man bei einem Romantitel mit der semantischen Schwingung "Mona Liza" an das einmalige Antlitz aus dem Gemäldekosmos, die Mona Lisa als Inbegriff der Porträtkunst, halb idealisierte Fiktion, halb dokumentierte Poesie.

Erika Kronabitter versteckt in ihren Romantitel ein raffiniertes Erzählprogramm. Da geht es einmal um die Kunst des Porträtierens einer Frauenfigur, dann um das Zusammenführen diverser Frauenrollen, und schließlich um das gewaltige Problem einer halbwegs stabilen Identität, denn Mona Liza ist eine zusammen komponierte Figur aus den Elementen einer Innensicht von Mona und ihrer Freundin Liza.

Die Icherzählerin streut ihr Lebensprogramm als Prosa der Verhältnisse vor sich aus, schiebt sie zusammen, räumt sie beiseite und erstickt auch fallweise an ihr. Als Mädchen wird die Erzählerin schön präpariert für ein rollenfixiertes Leben. Liza flüstert als Außenbordmotor des Ichs gute Ratschläge zu, ermuntert das schüchterne Mädchen, sich auf das Leben einzulassen und immer wieder Gegenstandpunkte zu beziehen.

Die äußeren Elemente dieser Kunst-Biographie sind aus dem Steinbruch des trivialen Lebens herausgebrochen. Aus unerklärlichen Gründen werden die Frauen immer wieder schwanger und bringen Menschen zur Welt, die es nicht leicht haben. Was regiert eigentlich die Welt, der Verstand oder das Hormonsystem?

Die Erzählerin muss spitze Sätze an sich vorbei ziehen lassen wie: "Sie hätte X. nicht bekommen müssen. Heute muss keine Frau das Kind bekommen. Man muss nicht alles durchstehen. Frau muss nicht." (23)

Neben der Frage der Reproduktion steht naturgemäß die Frage zum anderen Geschlecht im Vordergrund. Ein gewisser Viktor plagt sich durch das eigene Leben und quält dabei die Erzählerin so nebenher mit. Eines Tages wird sie ihn auslöschen müssen, wie sie auch den Vater letztlich überwunden hat. Trotzdem macht die Erzählerin immer wieder gute Miene zum bösen Partnerspiel. "Meine Schamlippen halten, was er sich verspricht." (71)

Therapien, Kultur, Tabletten, Erholungsurlaub im Engadin, Loslösung von vorgegebenen Muss-Ritualen – allmählich scheint ein eigenes Leben zu gelingen. Immerhin ist der Schluss recht selbstbewusst als Paukenschlag einer gelungenen Befreiung konzipiert. "Katzen sind die einzigen, die treu sind, schreibt sie an Liza. Kunzemann, ruft sie, komm! Der Kater springt auf Monas Schoß. Mit hoch erhobenem Schwanz." (185)

Erika Kronabitters Roman ist eine anregende Partitur über ein intensives Leben. Die 77 Kapitel sind ähnlich einem kultur-philosophischen Ratgeber mit markanten Sätzen zur Lebensgestaltung überschrieben. "Wir tasten uns den Bildern entlang in die Vergangenheit" (23), "Niemand will Tragödien lesen" (43), "Manche halten sich die Realität auf Distanz" (119). Gut dreißig markante Zitate sind in einem Nachtrag zum Text ausgewiesen und stellen die erzählte Fiktion auf eine kontrastreiche Folie der Kulturphilosophie. Und der Wechsel zwischen intensiven Ansprüchen an das Leben und deren ironische Verwirklichung durch die Protagonistinnen blüht zwischendurch als Humor aus.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenhauer-literatur.com]

Leseprobe I Buchbestellung 1110 LYRIKwelt © Helmuth Schönhauer