Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen von Silke Scheuermann, 2001, SuhrkampDer Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen.
Gedichte von Silke Scheuermann (2001, Edition Suhrkamp).
Besprechung von tus aus der Frankfurter Rundschau, 29.11.2001:

Silke Scheuermann: "Der Tag, an dem die Möwen . . . "
Sie ging nach Leipzig der Liebe wegen und fing in Paris an zu schreiben. Man könnte ihr Leben nach einer Ordnung beschreiben, die von Flüssen abhängt, die durch große Städte fließen. In diesem System wäre der Main zentral. Nachts, wenn er wie ein schimmerndes Stahlband unter den Brücken liegt, prüft Silke Scheuermann ihre Gedichte an seinen Ufern.

Mit einer Auswahl debütierte die Leonce-und-Lena-Preisträgerin dieses Jahres in der edition suhrkamp. Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen spaltet den hohen Ton der schlaflosen Isolation ... "wo wir Einsiedelnde einer am anderen in Betten sitzen" ... in ein Geräusch auf, das gleichermaßen aus der Stadt kommt und aus einer Fantasie wie in Science-Fiction-Romanen. Silke Scheuermanns Gedichte wispern miteinander wie Aliens, die nach Hause wollen. Ein zaghaft-narratives Element verbindet sie, so dass man sie auch wie kurze Geschichten mit präzisen Aussagen lesen kann: "Wer jetzt nicht mehr schläft, dem näht das Licht Perlen auf die Stirn".

Silke Scheuermann will, dass das "Unverständlich-Verpickelte" in der Lyrik aufhört. Die aus Karlsruhe gebürtige Theaterwissenschaftlerin des Jahrgangs 1973 stammt aus einem Milieu, das jeder Kunst fern steht. Allenfalls in einer "geheimen Abteilung" ihres Wunschraums ließ sich etwas in der Art aufheben. Sie war schon über zwanzig, als ihre lyrische Produktion in Gang kam. "Ich habe lange nach meiner Stimme als Autorin gesucht".

Silke Scheuermann erhält sich mit einer Stelle an der Universität, die ihr zum Schreiben Zeit genug lässt. Eine akademische Perspektive hat sie nicht. Statt dessen schwebt ihr eine Schriftsteller-Existenz vor; wie jeder weiß, ist das eine verwegene Aussicht auf die Zukunft. Silke Scheuermann federt ihren Eskapismus mit Leichtigkeit ab. Ihr Ideal trennt sie von allen massiven Zuschreibungen. Sie spielt mit dem Benehmen vor einer Kulisse, die ihr "kaputt" erscheint, der nur noch eine "negative Schönheit" abgetrotzt werden kann. Zur Zeit schreibt Silke Scheuermann Erzählungen. "Papierbesäufnisse" nennt sie diese Arbeit.

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