Mörikes Schlüsselbein.
Roman von Olga Martynova (2013, Droschl).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 8.04.2013:

Olga Martynovas Roman „Mörikes Schlüsselbein“ ist eine witzig-weise Wundertüte
Die russisch-deutsche Autorin Olga Martynova gewann im vergangenen Sommer den
Bachmann-Preis. Nun erscheint ihr Roman „Mörikes Schlüsselbein“ – eine Wundertüte voller Witz und Weisheit.
 
Im heißen Sommer 2012 gewann Olga Martynova in Klagenfurt den Ingeborg Bachmann-Preis; in ihrem Text ging es um einen Jungen, Moritz, der sich in die Eisverkäuferin verliebt. Es ging aber auch um ägyptische Mumien, um die multikulturellen Balkone eines Miethauses oder die Frage, was eigentlich ein Künstler sei. Der Text wirkte wie ein poetisches Puzzle, entpuppt sich aber nun als kleines Rädchen einer wahren Poesie-Maschine: Denn nicht weniger ist „Mörikes Schlüsselbein“.

Martynova – die 1962 in Sibirien geboren wurde, in Leningrad aufwuchs und seit 1991 in Frankfurt/Main lebt – spinnt zwischen Russland, Deutschland, den USA und Frankreich ein Netz schillernder Erzählfäden. Die Russin Marina ist verheiratet mit dem deutschen Professor Andreas, um diese beiden Fixsterne des Romans kreisen: Andreas’ Exfrau Sabine und seine Kinder Moritz und Franziska. Der alkoholliebende Dichter Fjodor. Die alternde Tänzerin Tonja, der vergessliche Sinologe Pawel. Sowie Fjodors Übersetzer John – um nur die wichtigsten zu nennen. In episodischen Schlaglichtern verhilft die Autorin ihren Figuren zu leuchtender Lebendigkeit.

Eine Picknickdecke als Zeitmaschine

Im Schatten, in den Graustufen, nimmt sie sich Raum für Surreales, Fantastisches – in wiederkehrenden Bildern. Eine grün-orange-gestreifte Picknickdecke dient John, der ein Agenten-Doppelleben führt, als Zeitreisemaschine. Eine Organisation namens „Akzeptiere deinen Nächsten“ schickt Bettler und Clochards in die Welt. Moritz fahndet nach Mörikes Schlüsselbein – als Schlüssel zum eigenen Künstlersein.

Auch Martynovas überraschendes Wundertütenwerk könnte durchaus der Romantik entsprungen, ist es doch durchdrungen von Sehnsucht – „diese Sehnsucht nach einem Menschen, mit dem du nichts anfangen kannst, weil dein Leben anders verläuft“. Gegen die Unmöglichkeiten des Seins stemmt sich Martynova mit Mitteln des Scheins. Wie einst der Leningrader Avantgarde um Daniil Charms, auf den sie sich mehrfach bezieht, gilt auch ihr der Unsinn als Erkenntnismittel, als Spiegel der scheinbar sinnigen Welt. Selten gingen Witz und Weisheit so traumschön zusammen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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