Mobbing von Annette Pehnt, 2007, Piper1.) - 2.)

Mobbing.
Roman von Annette Pehnt (2007, Piper).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 1.09.2007:

Hilflose Fallgeschichte

Was einst die Pest war, ist heute das Mobbing. Jedenfalls in Gesellschaften, die sich von anderen Epidemien glücklich fortentwickelt haben. In Gesellschaften wie unserer also. Im höheren Dienst und in höheren Schulen soll es besonders verbreitet sein. Eben dort, wohin kein anderer soll, weil man selbst schon da ist. Und wenn einer dann noch abweicht in Details, muss er weg, damit wieder Ruhe einkehrt. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Und individualisiert bin am besten nur ich.

Also zerfällt unser schön nivelliertes Gemeinwesen nicht mehr in oben und unten, sondern in Mobber und Gemobbte. Wo der gehobene Bürger wieder zum Mob wurde, stehen als neue Dienstleister Mobbingforscher und Mobbingberater auf der Matte. Und sie machen amtlich, was wir schon ahnten: Meistens sind Männer die Täter und Frauen wieder das schwache Geschlecht.

Reihenhausvorstadtviertel mit Gemeinschaftsgrill

In Annette Pehnts kleinem, auch gedanklich dünnem Roman ist das anders. Da sind beide schwach, denn die Autorin bringt sie nicht wirklich zum Leben. Joachim Rühler und Frau sind seit sieben Jahren verheiratet. Sie leben in einem Reihenhausvorstadtviertel mit Gemeinschaftsgrill. Jo benutzt rosa Spülhandschuhe und hat seine Gattin überzeugt, es auch zu tun. Im Gegenzug hat sie durchgesetzt, das Altglas täglich wegzubringen, "sonst ist es nicht mehr zu schaffen". Schaffen konnte sie auch ihre Arbeit nicht mehr, als die beiden Kinder kamen. Nicht einmal regelmäßig aufs Laufband kommt sie, was man ihrer Figur ansieht.

Dafür strampelt er im Hamsterrad des städtischen Amtes. Das macht auch nicht unbedingt schöner und gibt einen herben Zug um den Mund. Doch so könnte es weitergehen. Er würde die Last schon stemmen und von der Konzeption einer Veranstaltung zum Stadtjubiläum nicht gänzlich überfordert sein. Er würde weiter allnachmittäglich wie aus dem Krieg heimkehren und etwas von protofaschistischen Kollegen und einer bösen Chefin - natürlich blondiert und unförmig - murmeln und sich später mit dem Weinglas auf die Terrasse setzen.
Doch nun ist er fristlos entlassen, die Kampfzone Stadtverwaltung weitet sich ins Private aus. Man wird Zeuge gestelzter Ehestreitdialoge, von denen man immer schon vorher wusste, wie sie verlaufen werden. Die Beziehung kühlt aus und friert fest in Distanziertheit. Der Leser tut es auch. Vorbei die Zeiten, als man aufmüpfig war und das schmutzige Geschirr mal eine Nacht stehen ließ. Vorbei die Zeit, als man sich noch zu etwas berufen fühlte. Nun bleibt nur noch die gerichtliche Berufungsverhandlung, um nicht in Hartz IV abzustürzen. Annette Pehnt in Formkrise hat ein überflüssiges Beispiel dafür geliefert, wie Literatur dem Leben hinterherschreibt. Oder hinkt. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0907 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

***

Mobbing von Annette Pehnt, 2007, Piper2.)

Mobbing.
Roman von Annette Pehnt (2007, Piper).
Besprechung von Peter Mohr aus dem titel-magazin, 52/2007:

Glück ist wie ein Kartenhaus
Annette Pehnt schildert in ihrem Roman, der den 1. Platz der SWR-Bestenliste eroberte, in bedrückender Weise, wie kurzlebig Glück und Erfolg sind und auf welch wackligen Füßen eine vermeintlich harmonische Beziehung steht.

Nach ihren leicht surrealistisch gefärbten Romanen Ich muss los (2001) und Insel 34 (2003) hat sich die 40-jährige Autorin handfesten Alltagsthemen mit sozialem Sprengstoff gewidmet. Im letzten Jahr befasste sie sich im Haus der Schildkröten mit dem Pflegenotstand in Altersheimen, mit Demenz und den daraus resultierenden Problemen für die Angehörigen. In ihrem neuen Roman geht es um Mobbing, um den Verlust des Arbeitsplatzes und die weit reichenden Folgen für die Familie.

Annette Pehnt erzählt ihren Roman nicht aus der Sicht des Betroffenen Joachim, sondern sie lässt dessen Ehefrau in Rückblicken, Reflexionen und subtilen Beobachtungen den „Untergang“ rekonstruieren.
Joachim arbeitete als städtischer Verwaltungsangestellter, war für Jugend- und Kulturaustausch sowie die Pflege von Städtepartnerschaften zuständig. Er hat seinen Job gern gemacht, hat ein Reihenhaus gebaut, hat zwei kleine Kinder und eine Frau, die ihren Job als Übersetzerin gegen den einer Hausfrau und Mutter eingetauscht hat.

Zerfall der „heilen Welt“

Diese heile Mittelschichtwelt fällt wie ein Kartenhaus zusammen, als in Joachims Dienststelle eine neue Chefin auftaucht. Sie grüßt ihn nicht, streicht sämtliche Dienstreisen und öffnet während seines Urlaubs seine Post. Sein bester Freund hat das Amt bereits verlassen, Joachim aber will sich zunächst durchkämpfen, obwohl er sich gemobbt fühlt.
Seine Frau kennt nur seine Sicht der Dinge, die Klage, dass seine Chefin für ihn nie zu sprechen sei und dass Kollegen Material gegen ihn sammelten. „Wir mussten es nun nicht mehr fürchten, warum sollten wir schreien, es gibt fünf Millionen Arbeitslose, Joachim Rühler gehört dazu“, resümiert dessen Frau nach Erhalt der fristlosen Kündigung.
Annette Pehnts Schilderung des allmählichen Zerfalls der Familie geschieht mit sprachlich äußerst sparsamen Mitteln. Und doch ist jeder Satz von großer Präzision, von geradezu brennender Schärfe.

Inneres Gefühl der Nutzlosigkeit

Die Protagonistin sieht, wie ihr Mann zusehends verlottert und wie er zum psychisch und physischen Wrack degeneriert. Er hockt stundenlang apathisch auf dem Sofa: „Von dir ist nichts mehr übrig.“ Er ignoriert die gelbe Rose, die sie zum Valentinstag präsentiert, die Zeichen stehen auf Verfall und Abstumpfung. Die Freunde wenden sich ab, und auch zwischen den Eheleuten kriselt es merklich. Zwar gewinnt Joachim einen Prozess, wird wieder eingestellt und mit sinnlosen Tätigkeiten beschäftigt, doch nichts ist wie früher.
Die Wunden der Arbeitslosigkeit vernarben nicht, und Joachims inneres Gefühl der Nutzlosigkeit scheint irreparable Schäden in der Familie zu hinterlassen. Annette Pehnt schildert in ihrem Roman in bedrückender Weise, wie kurzlebig Glück und Erfolg sind und auf welch wackligen Füßen eine vermeintlich harmonische Beziehung steht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1207 LYRIKwelt © titel-magazin