Mittsommer/Midsummer.
Gedichte von Derek Walcott (2001, 2sprachig, Edition Akzente/Hanser - Übertragung Raoul Schrott).
Besprechung von Bruno von Lutz in Neue Züricher Zeitung vom 19.01.2002:

Die Farbe des Sommers
Derek Walcotts Dichtkunst in mangelhafter Übersetzung

Es ist die schiere Lust an der Sprache, die Derek Walcott antreibt, und da macht es ihm nichts aus, dass ihm als karibischem Schriftsteller zum Ausdruck seiner Kultur kein anderes Mittel als das Englische zur Verfügung steht. Die Sprache nämlich, die von den Briten, den kolonialistischen Eroberern, in die Karibik getragen wurde, die Sprache, die als Symbol für die Unterdrückung einer ganzen Kultur zurückblieb. Walcotts Grundhaltung ist nicht die eines um seine verlorene Tradition Trauernden, vielmehr nimmt er sich aus den Kulturen, was ihm zusagt; er weiss sehr wohl, dass er mit seinem Schreiben eine karibische Kultur neu erschafft, eine Hybridkultur aus indigenen Motiven und westlicher Tradition. Später wird er mit seinem überragenden Versepos «Omeros» zum Homer seiner Inselwelt.

Walcott ist, wie sein Dichterfreund Joseph Brodsky, den er im nun auf Deutsch erschienenen Band «Mittsommer» hin und wieder anspricht, ein Migrant (und nicht etwa ein «Gastarbeiter», wie Raoul Schrott in einem Gedicht übersetzt) - ein Verpflanzter mit flachen Wurzeln in mehreren ethnischen Gruppen, dessen einzige Nation, wie er sagt, seine Imagination ist. Spielend wird Walcott fertig mit dem Verdacht, dem er sich wegen seiner Verwendung des Englischen ausgesetzt sieht: «Haben wir die Seiten gewechselt . . . weil wir dem Englischen dienen . . .? Keine Sprache ist eine neutrale.» Wenn er fragt «Kam das Böse mit der Sprache an diesen Ort?», dann meint er selbstverständlich das Englische: Der fundamentale Akt der Kolonisierung ist die Benennung, der Austausch der Sprachen, Prosperos Unterdrückung der Sprache Calibans. Walcott dreht die Situation um: Er macht sich das Englische zu eigen und trägt seine Brandung, sein Licht, seine Hautfarbe, die Bilder seiner Inseln in einem Akt der «colonisation in reverse», wie es in einem anderen Gedicht heisst, in den Kanon der westlichen Literatur hinein... Fortsetzung

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