Mittelwärts von Ursula Krechel, 2006, Zu KlampenMittelwärts.
Langgedicht von Ursula Krechel (2006,
Zu Klampen/Edition Postskriptum).
Besprechung von Werner Jung in der Frankfurter Rundschau, 13.06.2006:

Sehen und Erschrecken
Ursula Krechels Langgedicht "Mittelwärts" hat einigen Vorlauf

Debütiert hat Ursula Krechel Anfang der 70er Jahre - gerade einmal Mitte 20 und soeben dem Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte durch die Promotion entkommen - mit Theaterstücken. Doch bekannt geworden ist erst am Ende des "lyrischen Jahrzehnts" mit dem Gedichtband Nach Mainz (1977). Mal im Stil Günter Herburgers und dessen Forderung nach dem langen Gedicht, das über mehrere Seiten mäandern kann, mal knapp pointiert und lakonisch, wird ein Schwanengesang auf die untergegangenen, zuweilen auch verratenen Ideale der Studentenbewegung angestimmt, wird auch eine Verlustbilanz festgehalten - etwa in dem die Forderungen der Frauenbewegung einklagenden "Jetzt ist es nicht mehr so", dessen letzte Strophe, nachdem sechsmal darauf hingewiesen worden ist, was alles nicht mehr so ist wie früher, folgendermaßen lautet: "Jetzt haben wir plötzlich Zeit/ zu langen Diskussionen in den Betten./ Verschwitzt, aber kalt bis in die Zehen/ sehen wir zum ersten Mal das Weiße/ in unseren Augen und erschrecken."

Die Wirklichkeit liegt staubig

Fünf Jahre später und nach der Publikation eines weiteren Lyrikbandes, Verwundbar wie in den besten Zeiten, in dem eine "erbitterte Traumlosikgeit", die - wie es Olaf Kutzmutz ausgedrückt hat - "von den gesellschaftlichen Verhältnissen bis in die privaten Beziehungen reicht", liefert Ursula Krechel der Taschenbuchausgabe von Nach Mainz eine poetologische Überlegung nach, worin die "eng begrenzten Experimentierfelder" der Gedichte verdeutlicht werden, vor allem jenes, das "im Persönlichen das Politische" aufzeigen möchte.

"Ich habe", fügt sie schließlich noch hinzu, "kein Passepartout, um meine Gedichte aufzuschlüsseln. Der Zugang ist nicht versperrt. Wer sie lesen will, findet wie der glückliche arbeitslose Dieb den Schlüssel unter der Matte. Für Klugheiten gibt es Schachteln und Mottenkugeln für eine gepflegte Zeitlosigkeit... Empfängerin der Poesie."

Auch im nachfolgenden Gedichtband Rohschnitt (1983) wird der lakonische Tonfall des Alltagsgedichts jetzt zusätzlich angereichert mit sprachspielerischen und sogar kalauernden Elementen fortgesetzt: "Der Engel... das Datum ist falsch ausgedruckt."

Übereinstimmend hat die Kritik festgestellt, dass Krechels Lyrik in eine "neue poetische Dunkelheit" (Michael Braun) entweiche, die sich seit Ende der 80er Jahre und dem Band Kakaoblau (1989) bis in die aktuelle Gegenwart zeigt. Das verbindet sich nicht zuletzt - und gehört wohl auch zentral zum ästhetisch-poetologischen Selbstverständnis des modernen Lyrikers schlechthin - mit der ständigen Suche nach einer neuen Sprache, nach den einzelnen Wörtern, worunter Krechel "semantisch ungebundene Gesellen, lexikalische Streuner, schwankende Rohre im Wind" versteht, wie es an einer Stelle in dem Essay "Auslassungen über das Weglassen" (1995) heißt.

Die Texte des neuen Bandes Mittelwärts, in dem Krechel allerdings nur ein einziges Gedicht sehen will, sind veranlasst worden durch eine Reise in die USA, die die Autorin 1991 zu einer Gastprofessur an die Washington University in St. Louis geführt hat. Und auch hier wieder dominiert in der Tradition der Lyrik der Neuen Subjektivität - und sicherlich in der Tradition von Rolf Dieter Brinkmanns Westwärts 1&2 - der Ton des Gelegenheits- und Alltagsgedichts, fühlt sich die Lyrikerin Krechel gerade von jenen unspektakulären und unauffälligen Details in fremder Landschaft und Kultur angezogen, die - zum lyrischen Bild und Gebilde verdichtet - dem Leser neue Aspekte zeigen.

Das lyrische Ich spricht einmal von der "Kinderneugier" und einem "nimmermüden Sehen, dem Leben ergeben". Grundsätzliche Reflexionen über das Reisen ("Reisen ist Ausufern und Eindämmen/ Reisen rast, und Stunden/ auf Flughäfen bleiben stehen./ Zurückgelassene Empfindungen/ Wäschestücke, Postkarten/ Reisen stürzen weg im Flug") und ein anderes, verrücktes Zeitempfinden in der Ferne ("Sie kommt und geht, ich komme und gehe nicht mehr/ schreibe zur Nacht, ritze das Papier, Stunde um Stunde/ schnurrt zusammen zu einer seitenlang gedehnten Zeit") stehen neben pointillistischen Beschreibungen, hinter denen dann immer wieder etwas anderes aufblitzt: "Doch die Wirklichkeit liegt staubig und meilenweit/ sechsspurige Wirklichkeit bei abgeblendetem Licht/ unwirklich, wäre Dichtung verwirrende Entdeckung."

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