Mittelmäßiges Heimweh von Wilhelm Genazino, 2007, Hanser

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Mittelmäßiges Heimweh.
Roman von Wilhelm Genazino (2007, Hanser).
Besprechung von Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau, 7.2.2007:

Neuigkeiten aus dem beschädigten Leben

Ständige Ernte erschöpfe den Acker, sagte einst Ovid in seiner Kunst des Liebens. Wer die Bücher von Wilhelm Genazino kennt, in denen es immer auch, handfest und hautnah, um die Kunst des Liebens und um die Last des Leben geht, weiß, dass Ovids Beobachtung auch heute noch über ihren landwirtschaftlichen Geltungsbereich hinaus gilt. Der Büchner-Preisträger von 2004 erntet seit Jahrzehnten schon auf demselben Acker: "Es ist Frühabend und noch immer hell. Die Stadt ist fast leer." So beginnt Genazionos Roman Mittelmäßiges Heimweh.

Ein Déjà-vu: Der Held streunt durch die Straßen, stundenlang. Ihm geht durch den Kopf: "Es ist nicht einfach, ein einzelner zu sein." Die Diagnose wird ausnahmsweise vorangestellt, erst dann folgen, direkt im Anschluss, wie zur Begründung, einige Symptome: "Ein Halbschuh liegt auf der Straße, die Sohle nach oben. Aus einer Seitenstraße kommt das Geräusch eines Autos, das über eine Plastikflasche fährt."

Normalerweise geht Genazino andersherum vor, wie hier, im nächsten Satz: "Es überholt mich ein Angestellter mit einem über die Schulter hängenden Koffer. Der Koffer zieht so stark nach unten, dass der Tragriemen den Rückenteil des Anzugs nach unten zieht und den Mann wie ein gehendes Unglück aussehen lässt." Erst beschreibt er ein Bild, den Mann mit Koffer, und zwar so, dass die Beschreibung bereits in die Deutung übergeht. Hier liegt die Stärke des Autors.

Wieder latscht also ein etwas missmutig miesepetriger Typ, sich seiner Mittelmäßigkeit voll bewusst, und wie alle seine Vorgänger auch wieder ein Vielgänger, schlurfend durch die Gegend. Dieser Dieter Rotmund, als Controller bei einem mittelständischen Unternehmen in Frankfurt angestellt, gehört zu den Zeitgenossen, die bei strahlendem Sonnenschein über das Licht und bei bewölktem Himmel über die fehlende Sonne klagen. Seine ziellose Umgängigkeit nutzt unser Held, etwa in der Mittagspause, wenn er unentschlossen zwischen Schnellimbiss und den um diese Zeit besonders frequentierten Bordellen umherstreunt, nicht nur zu kleinen boshaften Betrachtungen, sondern auch zu groß angelegter Kulturkritik.

Nach einem Einkauf entdeckt er zuhause in einem Beutel Orangen beigelegte Plastiktiere und "polemisiert" sofort "gegen die fortschreitende Infantilisierung aller Lebensbereiche". Fast Food und Plastikbesteck sind ihm genau so zuwider, wie sein Kollege Schaller, der am Stehtisch mit Messer und Gabel isst, die er von zuhause mitgebracht hat. Das gegenwärtige Erscheinungsbild unserer Städte scheint überhaupt dazu geschaffen, das herzhafte Missfallen der flanierenden Genazino-Gestalten zu provozieren. Besonders zuwider sind ihnen lautstarke Sportsfreunde und die keuchenden Jogger mit "tief nach unten hängenden Unterlippen". Natürlich sieht er vieles richtig und manches so genau, dass auch uns, seinen Lesern, die Augen dabei aufgehen. Und natürlich liest sich das wieder gut und oft vergnüglich, auch deshalb, weil die durchgehend misanthropische Haltung durch einen ebenso durchgängigen Humor und eine oft milde Ironie unterfüttert ist.

Genazinos Helden sind naturgemäß Einzelgänger. Auch dieser Dieter Rotmund trödelt vor allem allein durch die Gegend. Er will zwar von seiner "Einsamkeit kein Aufhebens machen", obwohl ihm klar ist, "dass ich so allein bin wie nie zuvor in meinem Leben". Dabei ist er verheiratet, hat also Frau und Kind, allerdings im Schwarzwald, und, zugegeben, er hat Pech mit seiner Frau. Denn deren "hervorstechendste Eigenschaft" ist es, "dass sie sich ein Leben außerhalb des Schwarzwalds nicht vorstellen kann". So führt Rotmund eine Wochenend-Ehe, fährt freitags abends brav mit dem Zug gen Süden, häufig, um das Fahrgeld zu sparen, einen guten Teil der Strecke auf der Toilette, und Montag früh kehrt er zurück in sein Frankfurter Büro. Solange, bis ihm seine Frau gesteht: "Ich mag Deine Stimme nicht mehr hören." Die Tatsache, dass sie ihn auch nicht mehr sehen wollte, weil sie einen einheimischen Liebhaber hatte, begründet ihre Abneigung. "Mit großen Gefühlen bin ich aus dem Badezimmer gekommen, mit ganz kleinen Gefühlen sitze ich jetzt am Tisch." Ein "Kacksuppenabend", denkt er. Doch sein Schmerz hält sich in Grenzen.

Seine Frau und er hatten sich längst auseinandergelebt. Jetzt sieht er sich in einer Gesellschaft, zu der er nie gehören wollte, den Beziehungsversagern: ab jetzt zählt "eine missratene Ehe" auch zu seinem "Lebensmüll". In Folge dieses Faktums verlagert sich das Geschehen nun vollends nach Frankfurt am Main. Rotmund hängt zwar sehr an seiner Tochter, aber mit ihrer Mutter, seiner Frau also, möchte er nichts mehr zu schaffen haben, auch dann nicht, als sie, nur kurze Zeit darauf, reumütig wieder zu ihm zurückkehren will.

So weit die Geschichte. Wie gesagt: nichts Neues. Und doch ein guter alter Genazino. Mit hübschen Einsichten: "Es ist ein Zeichen von Melancholie, wenn man von einem gerade ablaufenden Geschehen schon ein Andenken haben will." Mit unvermeidlichen Einbrüchen: "Das Leben ist spiralförmig." Alles in allem: ein beachtliches Buch.

Die Alltäglichkeit des Geschehens signalisiert seine Bedeutung. Dieter Rotmund, dieser "Bescheidensheitsangeber", trägt gewissermaßen heroische Züge. Die wahren Helden der Gegenwart kämpfen ja nicht in Afghanistan für den freien, uneingeschränkten Anbau von Opium. Sie rasen auch nicht in der ISS um unseren Planeten, sondern sie mühen sich, tagtäglich, auf ebener Erde mit ihrem Alltag ab. Sie halten die Banalität des Daseins aus und machen ihre Arbeit, wie Rotmund, sogar mehr als zufriedenstellend. Er wird zum Finanzchef seiner Firma befördert. Und er lebt sein Leben. Die Vormieterin seiner Wohnung hilft ihm über seine sexuellen Nöte hinweg: "Ich hoffe inzwischen, dass der Erguss rasch eintritt, damit ich vom Anblick des schnaubenden und würgenden Frauengesichts befreit werde."

Am Ende aber bietet ihm eine gewisse Katja sogar noch eine echte Perspektive. So ließe sich der ganze kleine Roman wie seine vielen Vorgänger lesen, hätte Genazino nicht einen echten Knaller unter den Tisch geschummelt. Der Autor behandelt aber diese Sensation wie eine ganz natürliche Selbstverständlichkeit.

Gleich zu Beginn des Romans betritt Dieter Rotmund, müde geworden, eine der offenen Kneipen, in der gerade ein Fußballländerspiel (EM!) übertragen wird. Er ist, am Fußball desinteressiert, hungrig und schlapp - und bleibt deshalb, trotz des Lärms: "Plötzlich sehe ich unter einem der vorderen Tische ein Ohr von mir liegen. Es muss mir im Gebrüll unbemerkt abgefallen sein." Rotmund, im ersten Schreck unfähig, eine Entscheidung zu fällen, lässt sein Ohr liegen, zahlt, geht. Später kauft er sich eine Klappe, um die nur leicht nässende Stelle abzudecken. Das ist es. Ohne Aufhebens davon zu machen, lebt Rotmund weiter sein Leben. Einige Zeit später verliert er im Schwimmbad noch einen Zeh, was er nur noch wie nebenbei registriert. Und ganz am Schluss fällt, in seinem Beisein, auf einem Spielplatz einem Kind der Daumen ab. Das steht am nächsten Tag, wenn auch verfälscht, so als wäre ein Unfall passiert, in der Zeitung. "Aber immerhin, die Spur der Katastrophe ist in der Zeitung angekommen."

Die Deutung dieses Geschehens bleibt, wie bei Kafka, wie bei Borges, den Lesern überlassen. Klar ist aber: Wilhelm Genazino hat sich, nach einigen Jahrzehnten stetiger Ernte, doch noch vom Acker gemacht. Er hat sich ein neues Feld erschlossen.

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Mittelmäßiges Heimweh von Wilhelm Genazino, 2007, Hanser2.)

Mittelmäßiges Heimweh.
Roman von Wilhelm Genazino (2007, Hanser).
Besprechung von Fitzgerald Kusz
in den Nürnberger Nachrichten vom 22.2.2007:

Als dem Flaneur in der Kneipe ein Ohr abfiel
Mit seinem neuen Roman «Mittelmäßiges Heimweh» kehrt Wilhelm Genazino auf vertrautes Terrain zurück

Nach seinem Ausflug auf die Bestsellerlisten mit «Die Liebesblödigkeit» ist der Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino mit seinem eben erschienenen Roman «Mittelmäßiges Heimweh» auf sein vertrautes Terrain zurückgekehrt. Der Ich-Erzähler ist wieder ein Ritter von der traurigen Gestalt, der durch die Straßen der Stadt flaniert, auf der Suche nach Merkwürdigkeiten, die sonst niemand wahrnimmt.

Dieter Rotmund ist beruflich alles andere als ein «Loser». Er arbeitet als Controller für eine mittelgroße Pharma-Firma und im Laufe der Erzählung wird er sogar als Finanzdirektor auf die Chefetage hinaufbefördert. Aber sein Privatleben besteht nur noch aus Scherben.

Rotmund lebt allein in einer für Genazino-Figuren typischen Zweizimmerwohnung und fährt jedes Wochenende in ein Schwarzwalddorf, um seine Frau Edith und Tochter Sabine zu besuchen. Die «Peinlichkeitsverdichtung des Lebens» bricht über ihn herein. Seine Ehe geht in die Binsen. Mit dem lapidaren Satz «Ich will dich nicht mehr sehen» wird er von seiner Frau, die längst eine Liaison mit einem anderen hat, hinauskomplimentiert.

In der Großstadt (es ist unzweifelhaft Frankfurt) trifft er auf die Stadt-Nomadin Sonja, mit der er eine kurz andauernde sexuelle Beziehung eingeht, bis sie auf einmal verschwindet. Als er sie in ihrem Wohnheim aufsuchen will, erfährt er von ihrer Betreuerin, dass Sonja kriminell ist und wegen Finanzbetrugs einsitzen muss. Am Schluss des Romans deutet sich eine neue Phase im Leben des traurigen Helden Rotmund an: Eine neue Liebesaffäre mit Katja, Sonjas Betreuerin, ist absehbar.

Das alles wäre nur eine tausendmal erzählte Nullachtfünfzehn-Geschichte, wenn es nicht den Einbruch des Surrealen gäbe, des letztlich Unerklärlichen: Am Anfang des Romans findet Rotmund in einer Kneipe während einer Fußballspielübertragung ein Ohr auf dem Boden. Es ist sein Ohr, das ihm abgefallen ist. Er lässt es liegen und verlässt fluchtartig die Kneipe. Fortan muss er seine Behinderung hinter einer Ohrenklappe verstecken. Doch damit nicht genug. In einem Schwimmbad verliert er – etwa in der Mitte der Geschichte – einen kleinen Zeh. Rotmund bleibt gar nichts anderes übrig, er nimmt es zur Kenntnis und lebt weiter. Bei Kafka hätte das Surreale die Oberhand über den Helden gewonnen, es hätte ihn in eine Welt der Parabel versetzt, in der die Macht der Realität völlig außer Kraft gesetzt worden wäre. Eine Welt neben der wirklichen Welt, aus der es kein Entrinnen mehr gäbe.

Bei Genazino bleibt das Surreale Versatzstück. Es löst keine Katastrophe aus. Genazino und mit ihm seine Romangestalten gehen der Katastrophe aus dem Weg. Die einzige Katastrophe, mit der er seine Protagonisten konfrontiert, ist das Ausbleiben der Katastrophe. Der Alltag hat sie fest im Griff. Sie sind in ihm gefangen, dazu verurteilt, mit ihm zu leben und mit ihm zu kämpfen. Aber es ist nur ein Don-Quijotesker Kampf mit Windmühlenflügeln.

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Mittelmäßiges Heimweh von Wilhelm Genazino, 2007, Hanser3.)

Mittelmäßiges Heimweh.
Roman von Wilhelm Genazino (2007, Hanser).
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 31.3.2007:

Und seufze ein bisschen
Wilhelm Genazino erzählt vom unspektakulären Angestelltenleben und geht dabei an die Grenzen der literarischen Beobachtung

Ein Ohr liegt auf dem Boden des "Sportlerecks". Der Betrachter weiß, es ist seines. Es war einfach gefallen, wie ein welkes Blatt. Körperlich schmerzlos und doch zum Weinen, wie er Wochen später auch seinen kleinen Zeh verliert, und am Ende des Romans kommt einem Kind der Daumen abhanden. Das sind die unerhörten Ereignisse im unspektakulären Leben einer Spezies, der Wilhelm Genazino besonders nachspürt. Skurril komisch zeichnet er sie in der Abschaffel-Trilogie Ende der Siebzigerjahre, mit einem melancholischen Anflug von Humor und Ironie im neuen Roman Mittelmäßiges Heimweh.

Der Ich-Erzähler Dieter Rotmund ist in den mittleren Vierzigern, als Controller in einer Pharmafirma mittlerer Angestellter eines mittleren Unternehmens. Sparsam bewohnt er ein kleines Apartment in einer mitteldeutschen Stadt, während seine Ehefrau vor lauter Heimatverbundenheit zum Schwarzwald mit dem Töchterchen nur dort leben zu können meint. Die Entfernung läuft auf Scheidung hinaus; von seinem Selbst kann sich der "Bescheidenheitsangeber" freilich nicht trennen. Da er mit den Abenden wenig anzufangen weiß, wenn er nicht gerade einen sachlichen Geschlechtsakt mit einer ebenso Tristen vollbringt, macht er Überstunden – überraschend wird er zum Finanzdirektor befördert. Mit der Stellung wechselt seine Einstellung kaum, er bleibt ein Angestellter, der Menschen vornehmlich als Angestellte sieht, von einer müden Beischlafbetrügerin getäuscht wird, bisweilen ein bisschen weint und Genazinos Poesie der Heftklammer erfährt. In der Schweiz, deren Klammern Rotmund "sehr gut leiden mag", sei bekannt, dass "die Lebensgefühle der Menschen oft von kleinen Dingen bestimmt werden".

Viel mehr äußere Handlung bietet Mittelmäßiges Heimweh nicht. Dafür hat Genazinos Prosa einen eigentümlichen Reiz und vermittelt die Nuancen der Entfremdung. Sie gibt prägnante Einblicke in eine konventionelle Existenz, in ein Weltverdrüsschen, das mit seinen eskapistischen Folgen ein heutiges Biedermeier der Bruchmoderne ausbildet. Sogar den rätselhaften Gliedmaßenverlust schildert Genazino in einem abwägenden, leicht ungelenken Duktus einer "mittleren Schreckensebene": "Zum vierten oder fünften Mal fasse ich an die Stelle, wo sich früher mein rechter kleiner Zeh befand, aber ich berühre nur eine etwas raue, nässende Trennfläche. Es ergreift mich eine Art Erstarrung."

Im Gegensatz zu den gewöhnlichen öffentlichen Entblößungen in den Medien vermittelt diese Innensicht ein stetes Verdecken, eine Einübung in ein unbekanntes Phänomen, ein kleines Exempel, wie man Katastrophen in den Alltag eingliedert. Er wolle nicht derjenige sein, überlegt der plötzlich Behinderte, "an dessen Körper eine neue Seuche (oder was immer es sein wird) für die Allgemeinheit entdeckt wird". Während ihm Emotionsausbrüche, wie jene der Fußballzuschauer vor dem Fernseher im "Sportlereck", drastisch vorkommen, grübelt er über den Verlust seiner Gefühle und Gelüste nach, sieht sich als Überlebenden seiner Verlassenheit: "Ich kann eigentlich nur noch arbeiten (lang arbeiten), fernsehen (kurz fernsehen), schlafen (mittellang und mittelgut) und trinken (bis jetzt: mäßig). Das Deprimierende ist, dass ich nicht angeben kann, was sich ändern müsste, damit ich mich wohl fühle." Das diskrete Weinen hilft auch nichts.

Bilanzen zieht er ("Weil mir gerade nichts Besseres einfällt, vergleiche ich mein Leben mit dem des Stallhasen"), Binsenweisheiten denkt er, auf das "Fallgeräusch leerer Sätze" horcht er. Es schmerzt ihn, dass "das Leben so sehr bekannt ist und deswegen so verschlissen erscheint." Um sich selbst von den Gedanken und von der Erlebnisarmut abzulenken, beobachtet Herr Rotmund kleine Szenen in Straßen, Lokalen, Büros und ergeht sich in Detailwahrnehmungen. Genazino gestaltet sie ohne jeglichen Manierismus und, dem Sujet angemessen, ohne die Pauke der Bedeutsamkeit zu bemühen. Da liegt ein Halbschuh, die Sohle nach oben, aus "einer Seitenstraße kommt das Geräusch eines Autos, das über eine Plastikflasche fährt".

Die Sprache passt zur Stimme. Die Vorsicht setzt Präzisierungen in Klammern, in Firmenangelegenheiten relativieren viele "beziehungsweise", im Privaten zahlreiche "bisschen": "Wie sonderbar unser Innenleben organisiert ist, denke ich und seufze ein bisschen." Immerhin bringt den Einsamen gelegentlich ein Verleser wie "Panikawurst" oder ein Wortungetüm wie "Schnürsenkelvorratshaltung" zum Lachen.

Siegfried Kracauer hat seinen Reportage-Essay Die Angestellten von 1929/30 mit dem Untertitel "Aus dem neuesten Deutschland" versehen und gemeint, Begriffe und Beobachtungen sollten sich "dicht durchdringen"; so ließe sich schildern, wie die Angestellten in einem "falschen Bewusstsein" leben. Der Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino liefert die aktuelle Variante.

Er führt seine Figur unbarmherzig in ihrer Lächerlichkeit und der Banalität des dauernden Dahingeplappers vor. Die Redundanz allerdings nützt trotz der erzählerischen Beherrschung die Wirkung schließlich ab. Zwar entsprechen auch die notierten beliebigen Momente dem Lebensgefühl der Figur. Aber der Langweilige wird im letzten Drittel doch recht fad, und ein derartiges – ohnehin nicht lang gehaltenes – Mittelmäßiges Heimweh zeigt die Grenzen der literarischen Beobachtung mittelmäßiger Angestellter.

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