Mitgift von Ulrike Draesner, 2002, Luchterhand1.) - 2.)

Mitgift.
Roman von Ulrike Draesner (2002, Luchterhand).
Besprechung von Michael Braun in freitag 37 vom 6.9.2002:

Wechselwirkungen und Verhältnisse
SOMATISCHE TRäUME IM POST-DOLLY-ZEITALTER
In ihrem neuen Roman "Mitgift"erkundet Ulrike Draesner das intersexuelle Niemandsland zwischen den Geschlechtern

Als im Frühjahr 1997 die Sensationsnachricht vom ersten geklonten Lebewesen, dem Schaf Dolly, über den Erdball eilte, schien das die Welt der Literatur kaum zu beeinträchtigen. Während die kategorialen Grundlagen der Naturwissenschaften über der neuen genetischen Revolution ins Wanken gerieten, blieben die alten, traditionellen Konzepte von ästhetischer Subjektivität weitgehend intakt. Nur bei ganz wenigen Autoren hat das Erscheinen des ersten Klons auch die literarischen Wahrnehmungsweisen affiziert. So erlebte die Schriftstellerin Ulrike Draesner die Urszene gentechnologischen Triumphes als Erkenntnisschock und Epiphanie. Wenige Wochen nach dem Geburt des neuen Totemtiers wissenschaftlicher Hybris blätterte sie in den Sonetten William Shakespeares, in denen sie die Szenen künstlicher Reproduktion präfiguriert fand. Shakespeares Sonette, die von Verschmelzungswünschen, erträumten Vereinigungen und rauschhaften Hochzeiten sprechen, entzifferte Draesner als einen Diskurs des Begehrens, in dem die Geschlechtsrollen zwischen Mann und Frau offen bleiben und die sexuelle Determination der Liebesakteure aufgehoben ist. In einer sehr freien "Radikalübersetzung" transformierte Draesner damals die Phantasien der liebesberauschten Shakespeare-Figuren in einen Dialog von Klonen, wobei sie mit den Codes und Jargons der Reproduktionstechnologie ziemlich verschwenderisch umging. Diese "Radikalübersetzung" der Shakespeare-Sonette, die vor zwei Jahren unter dem Titel Twin Spins erschien, blieb wegen ihrer extremen Entfernung vom Urtext problematisch.

In ihren jüngsten Gedichten und ihrem neuen Roman Mitgift hat Ulrike Draesner ihr zentrales Thema einer Revolutionierung der Geschlechter-Identitäten im "Post Dolly"-Zeitalter erneut aufgenommen. Auch hier kreist alles um die komplexen Verhältnisse von Körper und Sprache, auch hier formulieren die Erzähler und die lyrischen Figuren unablässig anthropologische Befunde zur Situation der Liebe und des Begehrens im Zeitalter der künstlichen Reproduktion. Im theoretischen Background lauern bei Draesner stets die Schriften Lacans und Foucaults, deren Motive bei Bedarf in die Gedichte und den Roman eingeschmuggelt werden.

In Rhythmus, Bild und Sprache - so erläutert Draesner in einem ihrer Essays - sei das Gedicht "der Extrakt eines körperlichen Zustandes", der nicht durch "simple Story-Wirklichkeit" sichtbar gemacht werden könne, sondern nur durch "Störungen" der semantischen Ordnung, durch "den krakeelenden oder tanzenden oder hüpfenden Schritt" der Gedicht-Zeile. Ihre "soma-ma-tischen träume" von den labilen Aggregatzuständen der Körper und Geschlechter bebildern die Gedichte dabei in sehr üppiger Weise mit den Fachbegriffen aus Chemie, Biologie, Physik und den Molekularwissenschaften. Dass die Autorin ihre Gelehrsamkeit weder in den Gedichten noch im Roman verschweigt, sollte man ihr nicht reflexhaft als Eitelkeit anlasten, sondern als distinktes Qualitätsmerkmal ihrer Literatur verbuchen . Denn die systematische Konfrontation der alten metaphorischen Vokabulare der Poesie mit den Fachsprachen der Wissenschaft erzeugt in diesem Fall nicht nur semantische Reibungshitze, sondern auch einen Zugewinn an Präzision.

Auch im Roman Mitgift hat Ulrike Draesner einen Zusammenprall extrem gegensätzlicher Geistes-, Sprach- und Gefühls-Welten arrangiert. Die unüberwindbar scheinende Fremdheit zwischen dem Liebespaar Lukas und Aloe spiegelt sich in ihren konträren Berufsbildern. Lukas ist Astrophysiker, gewohnt, sich um "Konstellationen, Verhältnisse und Wechselwirkungen" von Planeten zu kümmern und aus der Erkenntnis Konsequenzen zu ziehen, "dass das ganze All aus nichts anderem als aus Bewegungen von Körpern um Körper bestand". Aloe ist als Kunsthistorikerin und Fotografin nicht nur vertraut mit den Funktionsweisen des Sehens, sondern auch mit den Gesetzlichkeiten der Schaulust und des begehrlichen Blicks. Indes liegt über den "Bewegungen von Körpern um Körper", die sich im Verlauf des Romans vollziehen, von Beginn an der Schatten des Unheils.

Es ist die genetische "Mitgift" der Figuren, ihr verborgenes Kindheitsgeheimnis und kollektiv beschwiegenes Geschlechts-Tabu, das die Liebesgeschichte am Ende in eine furchtbare Familientragödie münden lässt. Denn Aloes attraktiver Schwester Anita, die schon in jungen Jahren als Model reüssiert, ist ihre ursprüngliche Geschlechtsidentität gewaltsam ausgetrieben worden. Sie kam zum Ensetzen ihrer Eltern als Hermaphrodit zur Welt, als ein Zwitter mit einer penisartig vergrößerten Klitoris, der mit seiner androgynen Identität die polare Geschlechterwelt erschütterte. Die Eltern reagierten auf die geschlechtliche Abweichung mit Gewalt, mit der medizinischen Zurüstung des Hermaphroditen in eine schöne, öffentlich vorzeigbare Frau. Die als Katastrophe erfahrene Intersexualität wurde eliminiert zugunsten einer falschen Eindeutigkeit. Als sich Anita nach der Geburt eines Sohnes die intersexuelle Identität zurück erobern will, kommt es zur Katastrophe: Anitas Ehemann kann auf die geschlechtliche Rückverwandlung nur mit Mord und Selbstmord antworten.

Auch in Mitgift geht es also um die Auflösung und die Neustrukturierung der sozial und sexuell determinierten Geschlechter-Identität, die Ulrike Draesner schon aus den Sonetten Shakespeares destilliert hat. Obwohl sich in die Konstruktion des Romans überdeutlich die konzeptionellen Überlegungen der Autorin eingeschrieben haben, ist hier kein bloß episch maskierter Essay über den Zusammenhang von Geschlechter-Identität und Gesellschaftsstruktur entstanden. Zweifellos hat die Autorin all die postfeministischen Schriften über "gender theory", über soziokulturelle Zuschreibungen der geschlechtlichen Identität, und all die Körpertheorien von Donna Haraways A Manifesto for Cyborgs bis hin zu Michel Serres´ Studie "Der Hermaphrodit" gelesen und in ihren Roman motivisch eingespeist. Dies aber durchaus zum Vorteil des Textes, der seine körpertheoretischen Theoreme in vielen berückenden Passagen erzählerisch zu beglaubigen weiß.

Wenn Lukas und Aloe ihre ersten rauschhaften Verschmelzungen erfahren, so wird in der synästhetischen Beschreibung von Nähe zugleich schon die unaufhebbare Fremdheit zwischen den Liebenden markiert: "Sie geriet in eine blättrige, fluoreszierende Welt. Als grüner Widerschein rutschte Lukas von ihr. Er floh, wurde dunkel, verfärbte sich rasend schnell, ein Chamäleon, aufgestört in seinem Baum. Aloe lauschte auf etwas, einen Flügelschlag, ein Echo des Waldes, in dem sie eben noch gewesen waren. Doch das Grün, das sie sah, war nur der Widerschein der Lampe im Flur." Die Fremdheit der auseinander fallenden Körper verschärft sich bald zur sexuellen Indifferenz des einstigen Liebespaars. In sehr eindrücklichen, sinnlichen Erzählpartien beleuchtet Draesner den Weg Aloes in die Krise, ihr allmähliches Abgleiten in Magersucht und ihre zwanghaften Versuche, die rätselvolle Attraktivität der beneideten Schwester zu erreichen. Lukas und Aloe verlieren im Beziehungsalltag rasch die Energien des Begehrens und verfallen auf sexuelle Kompensationen. Das Scheitern ihrer Liebe wird nicht psychologisch motiviert, sondern kühl beschrieben als ein langsames, aber unaufhaltsames Auseinanderdriften, das den gegensätzlichen Körpergrammatiken von Mann und Frau und ihrer unterschiedlichen genealogischen "Mitgift" geschuldet ist. Am Ende nimmt dieser mit ständigen Blickwechseln, Vor- und Rückblenden gespickte Roman über die Liebe und die Verwirrung der Geschlechter eine überraschende Wendung. Denn der Sternenforscher, der sich nach der Trennung von Aloe ganz der Erkundung des Weltraums gewidmet hat, kehrt nach fünf, sechs Jahren zur verlassenen Geliebten zurück. Zuvor hat er in einem Observatorium im fernen Chile eine unerhörte Entdeckung gemacht: Ein riesiger neuer Planet im sogenannten Kuiper-Gürtel, in fast unermesslicher Entfernung von der Sonne, gibt der Utopie von neuen Körpern und neuen Lebensformen einen neuen Ort. Ob dieser ferne Planet auch das Symbol für eine neue Nähe zwischen Lukas und Aloe werden kann, bleibt offen.

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Mitgift von Ulrike Draesner, 2002, Luchterhand2.)

Mitgift.
Roman von Ulrike Draesner (2002, Luchterhand).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 11.9.2002:

Shakespeare und Stickstoff
Ulrike Draesner, erste Trägerin des Preises der Literaturhäuser, las in Frankfurt aus ihrem Roman "Mitgift"

Lukas reißt der Forelle den Kopf ab und saugt ihn aus. Kurz zuvor hatte Aloe noch gedacht, sie würde mit Lukas schlafen, wenn er "den Fisch mit Zartgefühl" esse. Eigentlich, sagt Lukas, ziehe er Innereien vor. Kurz darauf liegen sie gemeinsam im Bett, "eine Art Unfall doch". Jahre später gehen sie ins Hallenbad, Lukas, der Astronom und Aloe, die Kunstmanagerin; Lukas hatte darauf bestanden. Aloe fühlt sich unwohl in diesem Feuchtbiotop, in dem Schimmelpilze gedeihen. In den Spinden der Umkleiden liegen Zehennägel und Schamhaare; die Bademeisterin spielt "Baywatch". Sie sitzen auf Plastikstühlen am Beckenrand; Mark Spitz hat hier 1972 seine Goldmedaillen gewonnen. "Wir sollten uns trennen", sagt Lukas.

Zwei kurze Episoden, die eine Klammer bilden. Dazwischen liegt eine Liebes- und eine Familiengeschichte, in deren Zentrum das Schweigen steht, das nun gebrochen wird. Mitgift, Ulrike Draesners zweiter Roman, thematisiert auch die "uneindeutige Zweideutigkeit", der die als Hermaphrodit, als Zwitter geborene Anita, Aloes Schwester, permanent ausgesetzt ist und an der sie letztlich zu Grunde geht.

Die 1962 in München geborene promovierte Literaturwissenschaftlerin Ulrike Draesner ist die erste Trägerin des mit einer mit 8 000 Euro dotierten und mit einer Lesereise honorierten Preises der Literaturhäuser, der von den im literaturhaus.net zusammen geschlossenen Veranstaltern in acht deutschsprachigen Städten verliehen wird.

Ein Preis, der, wie die Frankfurter Programmleiterin Maria Gazzetti ausführte, die "Orientierungsfunktion" der Literaturhäuser akzentuiere und Autoren auszeichne, deren Auftritte "nicht eventverdächtig" seien, die jedoch in ihren Lesungen "Textqualität, Dramaturgie und Ausführungen zum Text" in eine gelungene Relation setzten.

Laudator Klaus Reichert, Philologe aus Frankfurt, würdigte Draesner als eine "gelehrte und informierte Autorin", die im Bewusstsein der Tatsache schreibe, "dass die beliebige Reproduzierbarkeit uns eingeholt hat", in einer Zeit, in der "die Wissenschaft auf der Höhe der Poesie angekommen" sei, und in der sich die Frage stelle, ob die Anthropologie zur Technologie geworden sei, bedürfe es Autoren, deren poetologisches Programm die Wissenschaft mit einbeziehe.

Ob die im Anschluss an die Lesung aus Mitgift von Draesner vorgetragene Übersetzung von Shakespeares 18. Sonett ("Shall I compare thee to a summer's day?…") noch im strengen Sinn als eine solche bezeichnet werden darf, wenn "rough winds" zu "Stickstoffwinden" werden, wenn von Smog, Klonen und DNA-Eldorados die Rede ist, scheint fraglich. Von ihrer Schlüssigkeit verliert Draesners freie Übertragung dadurch nichts. Und sie gab einen kurzen Einblick in den komplexen Gedankenkosmos dieser klugen Autorin, deren Auftritt preiswürdig im Sinne der Ausschreibung war.

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