Mit der
Geschwindigkeit des Sommers.
Roman von
Julia Schoch (2009,
Piper).
Besprechung von Katrin Hillgruber in der Frankfurter
Rundschau, 26.3.2009:
"Mit der
Geschwindigkeit des Sommers"
Eine
gewisse Taubheit
"Vielleicht. Es scheint. Ich nehme an." Wie nähert man sich
schreibend dem Freitod eines nahestehenden Menschen? Julia Schochs
Ich-Erzählerin beendet ihren Versuch mit diesen tastenden, stockenden
Satzanfängen, die sie wie ein Mantra wiederholt. Die offenkundig mit den
Theorien des Nouveau Roman vertraute Hinterbliebene ist am Ende dieser sich
bedeutungsvoll zum "Roman" aufplusternden Erzählung nicht weitergekommen. Nach
150 Seiten erkennt sie: "Die Wahrheit ist anders." Nach dem Sommer 1989, in dem
sich die Zeitgeschichte unversehens beschleunigt hatte, unternahm die ältere
Schwester der Erzählerin ihre erste Auslandsreise.
Die Ehefrau und zweifache Mutter lässt die vorpommersche Kleinstadt ihrer
Kindheit und Jugend hinter sich und brach zum ersten Mal alleine dorthin auf, wo
die große weite Welt vor allem den Deutschen am imposantesten erscheint: nach
New York. Sie verschwindet, so wie der Ort ihrer Kindheit nach der Wende, die
hier "Revolution" heißt, verschwunden war. Der jüngeren, früh flügge gewordenen
Schwester schreibt sie noch einen Brief. Darin erwähnt sie eine merkwürdige, sie
berührende Begegnung mit einem New Yorker Passanten. Dann nimmt sie sich mit
Schlaftabletten das Leben. Alle bleiben namenlos in diesem heftig zum
Parabelhaften strebenden Text: die Erzählerin, ihre Schwester, deren Mann und
deren Liebhaber, der nur "der Soldat" genannt wird. Auch der Ort seiner
Stationierung in der Nähe des Stettiner Haffs wird nicht ausgesprochen Land
Es muss sich jedoch um die gespenstische
Plattenbau-Garnisonsstadt Eggesin handeln, die in der DDR zum Symbol der
verhassten Nationalen Volksarmee (NVA) schlechthin wurde: "Nach dem Krieg hatte
der sozialistische Staat den Landstrich entdeckt, dieses dünnbesiedelte Land,
dessen Nutzlosigkeit ein strategischer Vorteil war. Unter dem Grün des
Pflanzendickichts ließ sich einiges verbergen, Panzer und Geschütze, eine halbe
Armee, auch die Schüsse von Übungsgefechten verloren sich in der Weite dieser
Ebene."
Julia Schoch, die 1974 in Bad Saarow bei Berlin geboren wurde, weiß, wovon sie
spricht: Als Offizierstochter wuchs sie selbst in den "übereinandergestapelten
Boxen" von Eggesin auf. "Wir haben später nie gesagt, wir würden von dort
stammen", lässt sie ihre Protagonistin sagen: "Es ist etwas Seltsames an diesem
Ort, an dem der Krieg so friedlich erscheint." Circa 900 Plattenbauwohnungen für
Armeeangehörige wurden aus dem kargen Boden gestampft; mittlerweile entvölkert
sich der Grenzlandstrich am Haff stetig.
Die Schwester kommt aus dieser seit 1989 entideologisierten Gegend nicht mehr
weg, weder physisch noch mental. Dabei geht es rein äußerlich aufwärts: Ihr Mann
erhält das einst enteignete Optikergeschäft seiner Familie zurück. "Sie waren ja
noch jung, alles möglich", heißt es lapidar. Doch die Mittdreißigerin, früh
geprägt von den formelhaften Utopieversprechen einer anderen Gesellschaftsform,
kann sich der Demokratie nicht öffnen, ihr Leben nicht selbst in die Hand
nehmen. Immer häufiger bricht sie ohne erkennbaren Grund in Tränen aus.
Paramiltärische
Deckung
Julia Schoch, die mit "Der Körper des Salamanders" 2001 ein
hochgelobtes Debüt vorlegte, scheint mit ihrem vierten Buch vor allem die
Marxsche These illustrieren zu wollen, wonach das Sein das Bewusstsein bestimmt.
In der Pflichtlektüre zur DDR-Jugendweihe "Weltall Erde Mensch" heißt es in der
Ausgabe von 1970 über die volkseigenen Streitkräfte: "Der bewusste, denkende,
gebildete, und diszipliniert der Sache des Sozialismus und dem werktätigen Volk
ergebene Kämpfer - das ist das Bild des Soldaten der Nationalen Volksarmee."
Dieses Ideal transponiert "der Soldat" offenbar für die Schwester in die neue
Zeit. Als sie ihn nach vier Jahren wieder trifft, längst in Zivil, flammt ihre
Affäre in ungewohnter Heftigkeit wieder auf. Das einstige heimliche Paar - der
Ehemann ist längst ausgezogen - fährt wie früher ans Haff und liebt sich
irritierend mechanisch in einem grässlichen Hotelzimmer. Das schildert die
Lebensmüde der Erzählerin bei jenem letzten Anruf, den die - angestrengt
abstrahierend - immer wieder rekapituliert: "Bald schon werde ich mich an meine
Schwester nur noch in den Szenen und Gedanken erinnern, wie ich sie hier
notiere: Erinnern ist eine Art zu vergessen." Eine gewisse Taubheit, die
Taubheit des NVA-Stützpunktes Eggesin, hat dieses Buch affiziert. Die handelnden
Figuren sind zu prototypisch gezeichnet, um wirkliches Interesse oder gar
Anteilnahme zu wecken. Und trotz einzelner sehr treffender, beinahe lyrischer
Beobachtungen bleibt die versierte Autorin und Übersetzerin Julia Schoch nicht
zuletzt sprachlich in paramilitärischer Deckung.[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
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