Mit dem anderen Auge.
Erinnerungen 1959-2000
von Peter Wapnewski (2006, Berlin Verlag).
Besprechung von Oliver Pfohlmann in der Frankfurter Rundschau, 4.10.2006:

Trauma 1968
Wo die die besseren Zeiten waren: Peter Wapnewski legt den zweiten Teil seiner Erinnerungen vor

Autobiografien haben ein "dramaturgisches" Problem: Sie enden selten so spannend, wie sie beginnen. Zumal solche, deren Protagonisten das 20. Jahrhundert erlebt haben. Egal, ob es sich um Elias Canetti oder Marcel Reich-Ranicki handelt: Gebannt liest man von Kindheit und Jugend des Autors, von seiner ersten Begegnung mit Liebe und Literatur oder seinem abenteuerlichen Überleben in Zeiten des Krieges - aber eher lustlos von jenen Jahren, in denen sich seine Lebensverhältnisse gefestigt haben. Weshalb viele Autobiografen wie zuletzt Günter Grass oder Joachim Fest ihre Erinnerungen gar nicht erst über die Jugendjahre hinausreichen lassen.

Ist der Held endlich der geworden, der er ist, und haben sich die Zeitläufte beruhigt, gibt es nur noch wenig zu erzählen. Der Lebensfaden führt zwar weiter, aber er franst aus. Statt vom Autor ist dann meist mehr von seinen Freunden und Weggefährten die Rede. Die Erinnerungen des Mediävisten und Wagner-Kenners Peter Wapnewski, Jahrgang 1922, bilden da keine Ausnahme. Ihr nun im Jahresabstand vorgelegter zweiter Teil, der die Jahre 1959 bis 2000 umfasst, porträtiert unentwegt: Kollegen wie Joachim Bumke oder Richard Kienast, befreundete Kritiker wie Fritz J. Raddatz oder eben MRR ("Manchmal denke ich, dass nur ich ihn richtig, also gerecht sehe"), oder Gershom Sholem, eindrucksvoll, den ersten Fellow des Wissenschaftskollegs.

Das, was das spröde Konzept seiner Erinnerungen ansonsten ausschließt, soll gerade hier, in seiner "Galerie der Freunde" zu finden sein: ein Autor, der sich "ganz persönlich" gibt. Denn wie schon der erste Band will auch die Fortsetzung "nicht ein individuelles Leben, sondern die Zeit beschreiben (...), die ein Mensch auf seine Weise erlebte." Der Leser mag es bedauern, doch die "Provinz des Privaten" bleibt erneut außen vor - Wapnewski ist eben Wissenschaftler, kein Künstler, bei dem sich Leben und Werk permanent durchdringen.

Die Fortsetzung seiner Gelehrtenkarriere beginnt, nach der noch im ersten Band geschilderten Absage an Harvard, 1959 in Heidelberg. Dort, in der noch heilen Welt der hierarchisch geordneten Ordinarien-Universität, lehrte Wapnewski neben Größen wie Hans-Georg Gadamer, Karl Löwith oder Dolf Sternberger und erlebte die "schönste" Phase seiner Professorenlaufbahn. Dass die geisteswissenschaftliche Fakultät zu Heidelberg damals eine "noble, wenn auch frauenlose Gesellschaft" war, findet Wapnewski im Rückblick "schwer begreiflich", spricht die "Männer unter sich" aber sogleich vom Verdacht der Misogynie frei.

Zum lebenslangen Trauma gerät für diesen Grandseigneur der Germanistik die nächste Station seiner Laufbahn, die Berufung an die FU Berlin 1966. Als Geschäftsführender Direktor muss er erleben, wie die revoltierenden Studierenden sein Institut plündern und "ein Chaos aus Trümmern und Dreck" hinterlassen, ihn als Dozent, so seine Seminarteilnehmer (darunter Benno Ohnesorg), mit der Frage nach der "gesellschaftlichen Relevanz" des Parzival quälen. Denn "die krude Nutzbarmachung etwa der Artus-Runde für die sozial-moralischen Irritationen einer irgendwohin verblendet nach neuen Ufern Ausschau haltenden Generation wollte sich nicht eben anbieten."

Die fortgesetzten Demütigungen lassen den Altgermanisten rasch die Flucht ergreifen. Schon 1969 wechselt Wapnewski in "die freundlichen Gefilde des Badischen", nach Karlsruhe. Dass seine Berliner Studierenden ihn noch mit Unterschriftenlisten zum Bleiben zu bewegen suchten, weil sie durch seinen Weggang eine "Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen" befürchteten, vermerkt Wapnewski, der aus Heidelberg bei auswärtigen Rufen noch traditionelle Fackelzüge gewohnt war, nicht ohne Genugtuung. Indes: "Es ging mir ja auch um meine ‚Arbeitsbedingungen'".

Der Autor macht keinen Hehl daraus, dass er der alten, der Ordinarien-Universität, wo noch Platz für schrullige Forscheroriginale war, nachtrauert und für die moderne Massen-Uni mit ihrer aufgeblähten Bürokratie wenig übrig hat. Die zeitgeschmäcklerischen Windungen der Hochschulpolitik, die neuerdings wieder nach Elite-Unis ruft, kommentiert er mal ironisch, mal maliziös. Das Wissenschaftskolleg zu Berlin, dessen Gründungsrektor er 1980 wurde, war denn auch nichts weniger als ein Versuch der Restitution, wie Wapnewski bekennt. Mit dieser Institution sollte auch eine ihn besonders schmerzende Versehrung durch die Studentenrevolte ihr tröstliches Pflaster finden, nämlich der Verlust an "Wahrnehmung und Wahrung äußerer Formen". Sind sie es doch, die für Wapnewski "das Individuum vor dem Verlust seiner Verfassung" schützen. Dass er dabei mitunter auf verlorenem Posten stand, zeigt sein mit Selbstironie geschilderter, letztlich vergeblicher Versuch, hierarchische Strukturen in der Tischordnung des Speisesaals abzubilden.

Apropos Form: Wapnewskis am Wortschatz und der Syntax vergangener Zeiten geschulte Prosa ist mit Gewinn zu lesen, weckt sie doch die Erinnerung daran, welch reichen Schatz an Ausdrucksmöglichkeiten die deutsche Sprache jenseits der heute üblichen Schrumpfformen bietet. Dass man sie dennoch als manieristisch empfindet, liegt an diversen Kapiteln und Passagen, über die Feste Gabriele Henkels, Wapnewskis Gastprofessuren im Ausland oder die von ihm geleiteten Colloquien im Badenweilerschen Hotel Römerbad, die der Vollständigkeit oder Dankbarkeit, nicht aber dem Gedenken an den Leser geschuldet sind.

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