Mit dem anderen Auge.
Erinnerungen 1922-1959
von Peter Wapnewski (2005, Berlin Verlag).
Besprechung von Oliver Pfohlmann in der Frankfurter Rundschau, 7.12.2005:

Ich versteckt sich
Die etwas unpersönlichen Erinnerungen des Germanisten Peter Wapnewski

Manchmal kann ein Verlust auch ein Gewinn sein. Jenes Geschoss, das am 30. Juli 1942 unweit des Don in seinem Panzer explodierte und ihm, dem damals 19-Jährigen, das linke Auge kostete, rettete ihm höchstwahrscheinlich das Leben. Davon, dass der eingeschränkte Blick auch seiner späteren Gelehrtenkarriere nur förderlich gewesen sei, da er ihn zur Konzentration aufs Wesentliche genötigt habe, ist Peter Wapnewski bis heute überzeugt.

Seinem "anderen Auge" hat der Germanist daher auch den Blick zurück auf sein Leben überlassen und hat nun den ersten, bis 1959 reichenden Teil seiner Memoiren vorgelegt. Nun ist es eine Binsenweisheit, dass Erinnerung stets auf Auswahl beruht. Wer sein Leben erzählt, konstruiert nur eine von vielen ihm möglichen Geschichten. Wovon aber wird die Auswahl bestimmt? Von dem, was man heute ist, meinte einst Elias Canetti - und trauerte um die vielen unzugänglich gewordenen Kindheiten, die jeder, zusätzlich zu der erinnerten, in sich trage.

Wapnewskis asketische Auswahl, verrät sein Geleitwort, will sich allein auf Zeitgenossenschaft gründen. Wie auch anders bei einer Zeit, die in schierer Willkür mit ihren Genossen umgesprungen ist?

"Kein Selbstporträt also, kein Ich-Gesang, kein Monodrama, keine Solonummer. Das ‚Ich', weil schreibend nicht zu vermeiden, ist nicht der eigentliche Gegenstand dieser Seiten, sondern nur eine Stilfigur. Die Absicht des Schreibenden ist in umso höherem Maße erfüllt, als es ihm gelingt, sein Ich zu tilgen. Und damit sei erklärt, warum das private Persönliche abgedeckt, verdrängt, unterdrückt ist". Die dramaturgische Konsequenz der diesmal selbst gewählten Beschränkung liegt freilich auf der Hand: Jene vom Autor einst erlebte Abhängigkeit von den Zeitläuften darf, besser gesagt: muss nun auch der Leser erfahren. Wapnewskis Schilderung seiner Kindheit im Kiel der zwanziger Jahre beispielsweise lässt sich nur wenig abgewinnen - so sehr dominiert hier das Gewöhnliche und Durchschnittliche, vom Matrosenanzug bis zum Murmelspiel.

"Guten Morgen!" zu sagen war schon Bewährungsprobe

Geweckt wird das Interesse erst, als der Protagonist Anfang der dreißiger Jahre von Freunden "gekeilt", also mehr oder weniger freiwillig Mitglied zunächst der "Bündischen Jugend", 1935 dann der "Hitler-Jugend" wird. Dabei hatte der junge Wapnewski mit "Volksgemeinschaft" wenig im Sinn: "Meine Karriere im Jungvolk und der HJ war eine Kette von Niederlagen. Ich schwänzte die sogenannten Heimabende, schwänzte Geländespiele und Aufmärsche."

Davon, dass ihn sein Scharführer tatsächlich, wie er es ihm angekündigt hatte, in die Partei überführte, erfuhr er erst 2003, aus den Medien. Seinerzeit war ihm die geplante Transaktion "unendlich gleichgültig" gewesen.

Von einem gleichgültigen Mittun, wo es nicht anders ging, und der Suche nach Nischen, in denen man zumindest für kurze Zeit seinen Neigungen nachgehen konnte, war Wapnewskis Leben im "Dritten Reich" generell geprägt; darin ähneln seine Erinnerungen denen des sieben Jahre jüngeren Reinhard Baumgart. Als symptomatisch wertet er im Rückblick die verbreitete Schwärmerei für Schlager wie "In meiner Badewanne bin ich Kapitän", die "plappernde Bekenntnis-Melodie einer geduckten Generation" und "infantile Trivialform der ‚Inneren Emigration'". Die "persönliche Bewährung" erreichte ihren Höhepunkt schon, wenn man den Bäcker mit "Guten Morgen" grüßte statt mit "Heil Hitler".

1941 meldet Wapnewski sich kriegsfreiwillig, "weil es alle taten", und weil man ohnehin eingezogen worden wäre. Schon ein Jahr später liegt er auf Station 17, der Augenabteilung eines Berliner Lazaretts, ein Ort, wo "der Ungeist der braunen Herrschaft nicht nistete". Seine politische wie literarische Initiation verdankt der neue "Ehrenbürger der Nation", so die Propagandabezeichnung für Kriegsverwundete, seinen Ärzten sowie dem Freund und Schriftsteller Horst Lange.

Mit Folgen: Äußerungen, die Wapnewski "sturzbetrunken" in einem Berliner Lokal 1943 macht, ziehen eine Anklage wegen "Wehrkraftzersetzung" nach sich; nur mit viel Glück entgeht er der Todesstrafe. Das folgende Kapitel, das an den jungen Pianisten Karlrobert Kreiten, den das gleiche "Vergehen" das Leben kostete, erinnert, ist wohl das eindrucksvollste des Buches. Nicht zuletzt aufgrund des souveränen Umgangs mit dem Fall des WDR-Journalisten Werner Höfer, der die Bestrafung Kreitens seinerzeit feierte, später aber seine Urheberschaft bestritt: "Das kann man ihm glauben", kommentiert Wapnewski mit bitterer Ironie. "Denn hätte sich, was da gedruckt war, nicht nur mit seinem Namen, sondern mit seiner Person gedeckt, er wäre vor verzweifelndem Entsetzen in sich zurückgekrochen, wäre leise geworden, stumm geworden, die Reue hätte ihm den Mut, die Scham die Zunge gelähmt."

Über seine erste Frau hätte man doch gern mehr erfahren

Bei der Beschreibung der Nachkriegsjahre überzeugt Wapnewskis autobiographische Methode zunehmend weniger. Noch während des Krieges beginnt er in Berlin ein Germanistikstudium, in Freiburg gehörten Walter Jens zu seinen Kommilitonen und Heidegger zu seinen Lehrern. Über jenes Bildungserlebnis, das ihm eine Vorlesung Ulrich Pretzels über Minnesang-Lyrik 1943 bereitete und das sein späteres Leben bestimmen sollte, hätte man gerne mehr erfahren, ebenso über seine erste Frau Caroline, die er damals kennen lernte und der kaum zwei Zeilen gewidmet werden. Fürwahr: Kein "Ich-Gesang", nirgends.

Dafür ergeht sich Wapnewski in der Schilderung seiner akademischen Lehrjahre bei dem Heidelberger Germanisten Richard Kienast sowie in entbehrlichen Exkursen wie dem "Zum Institut der Habilitation", in deren Abschaffung er wenig mehr als "einen Aufstand der Mittelmäßigkeit" erkennen kann. Die zweite Hälfte von Wapnewskis Erinnerungen ist für 2006 angekündigt.

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