Mit anderem Blick von Christa Wolf, 2005, Suhrkamp

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Mit anderem Blick.
Erzählungen von Christa Wolf (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 1.8.2005:

Weg zur Selbsterlösung
Christa Wolfs Erzählungen "Mit anderem Blick"

"Nun ist ja Schreiben ein Sich-Heranarbeiten an jene Grenzlinie, die das innerste Geheimnis um sich zieht und die zu verletzen Selbstzerstörung bedeuten würde, und es ist auch der Versuch, die Grenzlinie nur dem wirklich innersten Geheimnis zuzuerkennen . . ."

Der Gedankenstrom, den Christa Wolf (1929 geboren) in der reflektierenden Erzählung "Begegnungen Third Street" als "unzählige Hirnspuren"- parallel zum mehrspurigen Tonband - bezeichnet, streift auch die Tätigkeit des Schriftstellers. Es gilt, das Geheimnis zu achten, also nicht "Selbstzerstörung" zu betreiben; alles andere aber muss scharf herausgearbeitet werden, um zur "Selbsterlösung" zu kommen.

"Der Spur der Schmerzen nachgehen, das sagt sich so, wenn du schmerzfreibist."
Christa Wolf

Mal leicht und fröhlich, mal ernst und tief erfüllen die in dem neuen Buch "Mit anderem Blick" - das erste von Wolf im Suhrkamp Verlag - versammelten zehn Texte diese Erscheinungsform des Schreibens. Bis auf "Fototermin L.A." wurden alle in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Die Zeitspanne reicht von 1992 bis heute.  In  "Nagelprobe"  für eine Uecker-Ausstellung und in "Assoziationen in Blau" zu einem Neruda-Ausspruch zeigt sich plakativ die Strategie, Girlanden aus Zitat-Fundstücken und Erinnerungsbröckchen zu winden.

Wie sich diese eingängige Technik zu eindrucksvoller Kunst vertieft, ist dann "Im Stein" zu erleben. Der Unterkörper bei einer Operation durch Teilnarkose "im Stein", gefühllos also, in der Außenwelt der Ablauf der Behandlung und Mozarts Beruhigungsmusik, und oben im Kopf laufen die Gedanken. Tasten den Schmerz ab, den fleischlichen und den seelischen; tasten das mythische Ur-Wissen ab in Märchen und Antike; tasten Sprichwort-Weisheiten und -Floskeln ab. In all diesem Fließen ohne Punkt und Komma bilden Anfang und Ende die Ufer. Die, ebenfalls in Frage gestellt durch die Sprecherin, bleiben dennoch sichere Haltepunkte.

Zum Verwundern zugleich wunderbar ist Christa Wolfs Offenheit. Sie lässt sehr viel persönliche Nähe zu, ohne indezent zu sein. Auch dies ihr Weg zur "Selbsterlösung" - immer scharf an der "Selbstzerstörung" vorbei. Das Risiko muss eingegangen werden. Das bedeutet für den Leser, von einem Leben bereichert zu werden, das von der Nazi-Zeit über die DDR bis heute, von Mecklenburg-Vorpommern bis Santa Monica reicht. In den USA, charmant und facettenreich geschildert, das Heimweh nach einem Moskau, das Kopelew und andere Dissidenten beheimatete und quälte.

Immer und überall der aufmerksame Blick für Menschen, ob für den Indianer, der betteln muss, ob für den alten Genossen, der an die Macht gekommen ist: Der nachdenkliche Blick auf politische Systeme kommt da von alleine.

Der "andere Blick" fällt natürlich auch auf den wichtigsten Wegbegleiter, auf Ehemann Gerhard Wolf. Ihm sind zwei reiche, schöne Liebeserklärungen gewidmet: die heiter-tiefsinnige Doppelanalyse "Er und ich" und die noch viel heiterere, äußerst Appetit anregende Beschreibung "Herr Wolf erwartet Gäste und bereitet für sie ein Essen vor".

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Mit anderem Blick von Christa Wolf, 2005, Suhrkamp2.)

Mit anderem Blick.
Erzählungen von Christa Wolf (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Renate Wiggershaus aus der Frankfurter Rundschau, 13.9.2005:

Schreiben als Selbstversuch
"Mit anderem Blick" schaut Christa Wolf in ihrem neuen Erzählband auf Bruchstücke des eigenen gelebten Lebens

Mit "anderem", das heißt mit fremdem Blick, schaut Christa Wolf in den neun Prosatexten ihres jetzt bei Suhrkamp erschienenen Erzählungsbandes auf Nahes und Vertrautes, die deutsche Sprache etwa, die eigene Kindheit, auf Bruchstücke des eigenen gelebten Lebens, auf ihren Mann oder die deutsche Heimat. Die Texte, die mit einer Ausnahme bereits in Zeitschriften, Anthologien und Almanachen erschienen sind, stammen aus den Jahren 1992 bis 2003, der Nachwendezeit also. Heftige Kritik hatte sie bei aller Arriviertheit auch zu DDR-Zeiten erlebt. Verhalten zwar, aber doch entschieden und hartnäckig hatte sie ja die sozialistische Utopie gegen die schlechte realsozialistische Wirklichkeit verteidigt, die Selbststilisierung der DDR als antifaschistischen Musterstaat mit unbewältigter nationalsozialistischer Vergangenheit konfrontiert und privates Leid in Zusammenhang mit gesellschaftlichem Elend gebracht.

Vorsichtige Selbstvergewisserung im kalifornischen "Exil"

Das brachte ihr den Vorwurf mangelnder Vorbildhaftigkeit, fehlender Staatstreue und defätistischer Resignation ein. Mehr allerdings als solche oberlehrerhafte Nörgelei der DDR-Oberen traf Christa Wolf nach der Wende, was sie als "bewusste, gezielte Demontage" und "Hetzkampagne" tonangebender Redakteure westdeutscher Blätter empfand. Die hatten sie nach Bekanntwerden einiger von ihr "vergessenen" Treffen mit der Stasi - als Redakteurin der Literaturzeitschrift NDL war sie zwischen 1959 und 1962 zu Gesprächen geladen worden - als Verbündete des Regimes und machtgeschützte "Staatsdichterin" bezeichnet. Ein weiterer Schock war die Entdeckung von 42 Bänden Abhör- und Bespitzelungsprotokollen, die eine über zwanzigjährige Überwachung des Ehepaares Wolf dokumentierten. Da wirkte die Einladung der amerikanischen Getty-Stiftung zu einem zehnmonatigen Stipendiatenaufenthalt in Santa Monica wie das Versprechen eines "Urlaubs von der Realität".

Drei der in dem Band versammelten Prosastücke berichten von diesem kalifornischen Aufenthalt. "Fototermin L.A." und "Wüstenfahrt" zeigen Wolf als wache, klarsichtige Beobachterin, die gelernt hat, sich dem US-amerikanischen Lebensstil eine Zeitlang unbeschwert zu überlassen und auf ärgerliche, verzwickte oder groteske Situationen mit Humor, Ironie und lässigem Gleichmut zu reagieren. Amüsant beispielsweise, mit welch enormem Aufwand an Zeit und Mitteln ein vom berühmten Magazine in Auftrag gegebenes Foto von der widerstrebenden Christa Wolf entsteht und mit wie viel Selbstironie sie sein Nichterscheinen erklärt: In dem dazugehörigen Interview hatte sie nicht das ausgeplaudert, was die Leser nach Ansicht der Redakteure gern gelesen hätten.

Ernster, ja stellenweise zutiefst anrührend ist der erste dieser drei Texte. In "Begegnungen 3rd Street" mischen sich in die Erlebnisse und neuen Erfahrungen an der Westküste Erinnerungen und Reflexionen, tiefgreifende Selbstzweifel und vorsichtige Selbstvergewisserungen. Wie ein unverdientes Wunder erscheint ihr, dass sich die Gestalt der Medea in ihren Überlegungen einfindet, der sie aufbürden kann, was sie als eigene Kränkung erlebt. Und sie denkt an die Exilanten Bertolt Brecht und Thomas Mann, die einst ebenfalls in Kalifornien Zuflucht gefunden hatten. Hatte sie nicht wie jene auch "den Boden bereiten wollen für Freundlichkeit", als sie darauf verzichtete, "grundsätzlich und scharf", wie es ihr Gerechtigkeitsgefühl verlangt hätte, jenem rigiden hohen Parteifunktionär zu widersprechen, weil er zwölf Jahre im Zuchthaus gesessen hatte, während sie Mitglied der Hitlerjugend gewesen war?

Eine fällige Hüftoperation ist zentrales Thema einer weiteren Geschichte: "Im Stein". Sie ist einer von drei Texten, in denen Christa Wolf mit Sprache experimentiert, scheinbar Unzusammenhängendes miteinander verflicht oder auch einfach Worte und Sätze nebeneinanderstellt, sie fremd sich anschauen, sich aneinander abarbeiten lässt. Eine Einladung an den Leser gleichsam, sich mit eigenen Erinnerungen, Assoziationen, Einfällen einzumischen und den Text zu einem kleinen, einzigartigen, individuellen Kunstwerk zu machen. Witzige Sprachspielereien wechseln mit bedrohlichen Visionen und abgründigen Phantasien.

Von wieder anderer Art ist der letzte Text: "Donnerstag, 27. September 2001". Er setzt fort, was Christa Wolf 1960 begann, als die Moskauer Zeitung Istwestija den Aufruf Gorkis erneuerte, anhand der Beschreibung eines Tages im Jahr einen fokussierenden Blick auf das politische Leben der jeweiligen Gegenwart zu werfen. So entstand eine alljährlich auf den 27.9. konzentrierte Chronik der laufenden Ereignisse zwischen 1960 und 2000, veröffentlicht in dem Band Ein Tag im Jahr. Nun also der 27.9.2001, an dem sie noch einmal ihre Reaktionen auf den Anschlag auf die Zwillingstürme reflektiert. "Fängt so der Dritte Weltkrieg an?", fragt sie sich, an ihre Freunde in den USA denkend, und sieht auf dem Nachhauseweg vom Verlag Häuser, Straßen, Plätze mit anderem Blick "als mögliche Ziele für blindwütige Zerstörung".

Aufrichtig, warmherzig und dennoch mit großer Diskretion geschrieben

Es ist der von der Autorin hochgeschätzte "kostbare" Alltag, der sie auffängt. Auf den an jenem Tag gelesenen, notierten und ingrimmig bedachten Satz Doctorows, kein Schriftsteller könne "die wirkliche Konsistenz von gelebtem Leben wiedergeben", kann sie nun aus der beruhigenden Alltäglichkeit heraus mit skeptischer Zuversicht antworten: Schreiben habe Sinn als Selbstversuch, "einschneidend, sezierend, die feinsten Verästelungen der Person herauspräparierend und bloßlegend".

Solch subjektive Authentizität zeigt sich vielleicht am meisten in einem Text, der ihrem Mann, dem Verleger und Schriftsteller Gerhard Wolf zum 70. Geburtstag gewidmet ist. "Er und ich" ist Liebeserklärung und präzise Persönlichkeitscharakterisierung in einem: aufrichtig, warmherzig, mit großer Diskretion geschrieben. Was Christa Wolf seit ihrem Frühwerk bis heute auszeichnet - ihre Redlichkeit und Nachdenklichkeit, ihre leidenschaftliche Involviertheit gegen das Vergessen, gegen die Missachtung der Menschenwürde -, in diesem Band ist es versammelt. Trotz zunehmender Skepsis hat sie die Hoffnung auf Minderung der Entfremdung durch Treue zur Utopie nicht aufgegeben.

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Mit anderem Blick von Christa Wolf, 2005, Suhrkamp3.)

Mit anderem Blick.
Erzählungen von Christa Wolf (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Andreas M. Rauch aus Rheinischer Merkur, 22.09.2005:

DDR-Autorin Christa Wolf findet immer noch keine politische Heimat in der Bundesrepublik
Es kommen härtere Tage

Christa Wolfs Buch „Mit einem Blick“ besteht aus zehn einfach geschriebenen und gut lesbaren Erzählungen, die vier Teilen zugeordnet sind. Der erste Teil befasst sich mit der weltpolitischen Wende 1989/90, die politische Verhältnisse und persönliche Sichtweisen verschob – auch für Christa Wolf. Die einstmals engagierte Bürgerrechtlerin des Herbstes 1989 gibt sich in drei Geschichten als eine mit kritischem Blick nach Orientierung Suchende. Das wiedervereinigte Deutschland wirkt auf die große DDR-Autorin, die einst mit ihrer Erzählung „Der geteilte Himmel“ , das Land zum Thema machte, eher befremdlich.

Erst mit ihrem Wiedereintritt in die Akademie der Künste im Oktober 1994 scheint die zunächst „heimatlose“ Schriftstellerin auch in der Bundesrepublik Deutschland angekommen zu sein. Den lebensgeschichtlichen Wendepunkt 1989/90 erspürt der Leser in der Story „Nagelprobe“ (1992). Anstelle des Konflikts mit dem SED-Staat trat nun die Auseinandersetzung mit einer abgeschlossenen Vergangenheit, die sie in der Erzählung „Im Stein“ (1996), der Schilderung einer Operation, vermittelt. Zugleich sucht sie in ihrer Kurzerzählung „Assoziationen in Blau“ (2003) neue Wege für ihre Sprache. Die Werke „Nagelprobe“ und „Im Stein“ werden noch verständlicher durch ihren Biografen Jörg Magenau.

Dieser charakterisierte Christa Wolf als eine Schriftstellerin, die vom Willen nach Freiheit beseelt die totalitäre Herrschaft der DDR und der SED-Parteidiktatur ablehnte, obschon sie stets eine Kritikerin des Kapitalismus blieb. Magenau schrieb 2002: „Sie bekannte sich zur DDR, weil sie eine Alternative zum Kapitalismus suchte. Sie blieb dort, weil sie nur dort schreiben konnte... Sie träumte vom Sozialismus, aber abseits der Partei. Sie ließ sich nicht zum Verstummen bringen, sondern hat ihre Ausdrucksfähigkeit behauptet... Aber sie hat leise gesungen.“ Die Akten der Staatssicherheit offenbarten, dass sie trotz aller Verstrickungen eine ehrliche Frau und redliche Schriftstellerin geblieben ist, gegenüber anderen und gegenüber sich selbst.

Mit Ausnahme der Erzählung „Fototermin L.A.“ (2004) im zweiten Teil, die das glamouröse Hollywood und gescheiterte Filmkarrieren thematisiert, wurden alle Texte bereits einmal in den Jahren 1992 bis 2003 veröffentlicht; sie sind geprägt von den ersten Jahren des wiedervereinigten Deutschland und von ihrem USA-Aufenthalt, womit sie gleichsam einem gemeinsamen geistigen Bogenschlag zuzuordnen sind.

Die zehn Geschichten reflektieren die geistig-intellektuelle Lage im Strome der Alltäglichkeiten in Deutschland und den USA. Die drei Erzählungen im zweiten Teil von „Mit einem Blick“ sind vor dem Hintergrund ihres Stipendiums in den USA von September 1992 bis Mai 1993 als Scholar des „Getty Center for the History of Art and the Humanities“ in Los Angeles zu sehen.

Für die aus der ehemaligen DDR stammende Autorin eröffnet sich in den USA der Einblick in eine für sie fremde Welt. An der amerikanischen Westküste hat sie mit allen Sinnen ihre neue Umgebung aufgenommen, die Menschen, die Landschaft am Rande des Pazifiks und den kalifornischen Way of Life in der Stadt der Emigranten zur Zeit der NS-Diktatur: Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht. Von den mit dem USA-Aufenthalt verbundenen Erfahrungen kündet neben den drei Erzählungen „Begegnungen Third Street“ (1995), „Fototermin L.A.“ und „Wüstenfahrt“ (1999) in „Mit anderem Blick“ auch ihre Arbeit „Medea“ (2001).

In einem dritten Teil erhält der Leser in dagegen zwei persönlichen, ironisch-heiteren Texten eine andere Seite Christa Wolfs kennen. In „Er und ich“ (1998) und „Herr Wolf erwartet Gäste und bereitet sich für ein Essen vor“ (2003), gibt sie Auskunft darüber, was die Welt der Autorin im Innersten zusammenhält. Es geht dabei vor allem um ihren Ehemann Gerhard Wolf und um sie selbst, ihre Misslichkeiten und Fähigkeiten in der Bewältigung von Alltagssituationen sowie ihre unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Wahrnehmungen, aber auch um ihre Erwartungshaltungen an das Leben.

Die einzelne Erzählung im vierten Teil nimmt in gewisser Hinsicht auf Teil zwei und ihre USA-Erfahrungen Bezug und ist doch von ganz anderem Schlag. Durch die Terroranschläge vom 11.September 2001 auf das World Trade Center in New York erfährt der relativ unbekümmerte, wenn auch nicht unbeschwerte Alltag der Wolfs, vieler anderer Deutscher und Amerikaner eine drastische, unwiderrufbare Zäsur. Zugleich begegnet Christa Wolf in ihrer Erzählung „Donnerstag, 27.September 2001“ (2002) dem ihr bislang unbekannten Phänomen des Terrorismus mit großem Staunen und wachsendem Argwohn.

Der 11.September läutet für Christa Wolf eine neue Zeitperiode politischer, wirtschaftlicher und kultureller Konflikte ein, die sie an einen Ausspruch von Ingeborg Bachmann denken lässt: „Es kommen härtere Tage.“

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Mit anderem Blick von Christa Wolf, 2005, Suhrkamp4.)

Mit anderem Blick.
Erzählungen von Christa Wolf (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Inge Rauh aus den Nürnberger Nachrichten vom 15.10.2005:

Mutmaßungen über Deutschland
Riss im Gewebe der Zeit: Christa Wolfs Erzählungen „Mit anderem Blick“

Die Deutschen seien ratlos, hat Christa Wolf kürzlich in einem Interview gesagt, und es habe im Westen kein Bedürfnis gegeben, „von uns zu lernen, man war zu überlegen, man kennt einander bis heute nicht“. Daran ist sicher etwas Wahres, wiewohl gerade Christa Wolf seit der Wende mehr Einblick in ihr Denken und Fühlen gegeben hat als je zuvor in der Zeit, in der sie als bekannteste Schriftstellerin der DDR ihren Ruhm weltweit mehrte.

Eine neue Sammlung von Erzählungen zeigt eine leicht resignierte, aber auch überraschend heitere Erfolgsautorin, die ihre späten Jahre zu persönlichen Reflektionen nutzt und dabei doch nie so ganz verhehlen kann, was ein Leben damals im so genannten Osten auch bedeutet hat. Es sind manchmal nur so Kleinigkeiten: Da sitzen die Wolfs am Frühstückstisch und essen Buchweizengrütze, „die wir nebst ihrer authentischen Herstellungsart einst in Moskau kennen gelernt haben“. Jetzt kauft man sie im Bioladen - so praktisch sind die Unterschiede auch für die Literatin Wolf.

Sie nimmt ihr skeptisch betrachtetes Bild von der Welt überall mit hin, erzählt von Santa Monica, wo sie etliche Monate verbrachte, vom kalifornischen Alltag und einem kuriosen Ausflug in die Wüste. Da kann sie überraschend komisch und sehr treffsicher sein in ihren Beobachtungen einer anderen Gesellschaft, die ihr in ihrer Unkompliziertheit imponiert. Und sie zitiert bei dieser Gelegenheit den Emigranten Thomas Mann, der in Pasific Palisades 1949 notierte: „Im Grunde ist es dumm von den Deutschen, daß sie immer das Beste, was sie gerade haben, und was sie vor der Welt anständig vertritt, herunterzerren und schimpfieren müssen. Das tut kein anderes Volk“.

Mit anderem Blick will Christa Wolf dieses Deutschland begreifen, man spürt ihre Vorbehalte. In der letzten Erzählung erkennt sie einen „Riss im Gewebe der Zeit“ und die Tatsache, dass ihr das 20. Jahrhundert - „grauenvollstes Säkulum der Menschheitsgeschichte“ - trotz allem gestattet hat, „äußerlich vergleichsweise unbehelligt zu leben“. Offene, ehrliche Einsichten.

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