Miss Bukarest.
Roman von Richard Wagner (2001, Aufbau).
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 16.2.2002:

Die Vergangenheit kommt nach Berlin
In Richard Wagners Buch bilden Spitzelstorys, alte Liebe und vergangene Schuld eine komplizierte Melange

Im Kabinett des Richard Wagner haben zwei Dinge ihren festen Platz: die Vergangenheit und die Frauen. In beider Bann steht der männliche Erzähler, wenn auch auf gänzlich unterschiedliche Weise: Er ist gern In der Hand der Frauen, so der treffende Titel eines kleinen Romans aus dem Jahr 1995, nicht aber in der Hand der Vergangenheit. In Miss Bukarest, dem neuen Buch von Richard Wagner, das ein wenig hochstaplerisch die Gattungsbezeichnung Roman trägt, finden sich beide Topoi. Unglücklicherweise treten sie diesmal vereint in einer Person auf, weshalb sich die Hände der Frau sehr kalt anfühlen: Erika Binder liegt als Wasserleiche in einem Berliner Totenschauhaus. Anlässlich ihres Todes erinnern sich zwei ihrer Geliebten an bessere Tage, damals in Rumänien, vor der Emigration in die Bundesrepublik. Miss Bukarest beginnt als Erzählung über den Verrat an der Liebe.

Wäre da nicht die Wasserleiche, böte sich als Motto des Buches an: Alte Liebe rostet nicht, zumal, wenn ihr das unbeschwerte, reine Glück nicht beschieden war. Der Securitate-Spitzel Dinu Matache schläft mit Erika Binder, um sie über ihren Liebhaber auszuhorchen, den Dissidenten Klaus Richartz. Dem Auftrag kommt er gern nach, denn Erika Binder ist schön, intelligent und sexuell so selbständig, dass sie auf einen verheirateten Mann keine Ansprüche erhebt. Lotte, einst die beste Freundin Erikas und Dinus Ehefrau, besitzt dagegen viel weniger Souveränität. Die Angehörige der deutschsprachigen Minderheit stellt ihrem Rumänen ein Ultimatum. Dinu entscheidet für die gemeinsame Ausreise in die Bundesrepublik und meint, er habe sich für die Moral entschieden. Weil sich die Ausreiseformalitäten wie üblich etwas hinziehen, hält er den angenehmen Kontakt zu Erika erst einmal aufrecht.

In Berlin, wo Dinu Matache unter dem Namen Dino Schullerius lebt, gelingt es ihm zehn Jahre lang (bis 1996), Erika und die rumänische Spitzelvergangenheit zu vergessen. Erst die Wasserleiche löst diese praktische "Mentalsperre" bei dem Detektiv, der entlaufene Pudel sucht und fremdgehende Ehefrauen beschattet. Nun kehrt die Angst vor der Securitate wieder. Als Dinu prompt einem seiner früheren Securitate-Offiziere in Berlin begegnet, erzählt ihm dieser, er habe Erika über Dinus Schnüffelauftrag unterrichtet. Erika muss gedacht haben, erschreckt Dinu, er habe sie ausgenutzt: "Aber so war es nicht. (...) Ich habe sie geliebt. Und die Ausfragerei war mein Beruf." Leider kann ihm das Opfer dieser geheimdienstlichen Schizophrenie keine Absolution mehr erteilen. Daher fühlt sich Dinu Matache zu einem letzten Liebesdienst verpflichtet: Erikas Mörder zu finden. Er schreibt einen Bericht.

Die Kriminalgeschichte eines ehemaligen Securitate-Schergen, der sich von Schuld reinwaschen möchte, aus der Hand von Richard Wagner? Das ist eine erstaunliche Erzählperspektive für einen ehemaligen rumänischen Dissidenten und Banater Schwaben, der 1987 in die Bundesrepublik auswanderte. Zumal Wagner als Mann der klaren, moralischen Worte gelten darf, wie seine entschiedenen Stellungnahmen gegen die Vereinigung des West-PEN mit der "Institution eines Unrechtsstaates", dem Ost-PEN, belegen.

Doch nach etwas mehr als der Hälfte von Miss Bukarest wird der Securitate-Spitzel als Erzähler abgelöst. Dinus Bericht findet nämlich der ehemalige Dissident und Freund Erikas Klaus Richartz in seinem Briefkasten. Er liest dort weiter, wo Dinu aufhörte, erzählt Kapitel nach, fasst zusammen, zitiert, kommentiert oder unterbricht den Fortgang durch Reflexionen. Dass Dinu ihn damals beschattete, erfährt Richartz erst jetzt. Aber erschüttert wird er durch den Tod Erikas. An ihm glaubt er schuld zu sein: Er habe ihrer Liebe nicht vertraut und sei in den Westen geflohen.

Der Dissident reagiert damit ganz ähnlich wie der Securitate-Spitzel: Erikas Tod löst die "Mentalsperre", lässt die Erinnerung an die Vergangenheit aufleben und hinterlässt ein Schuldgefühl. Dieser Erkenntnis ist Richartz, der immer für rücksichtslose Aufklärung der Vergangenheit eintrat, nicht gewachsen. Daher schickt er den um seine Kommentare und Überlegungen ergänzten Bericht weiter an seinen Studenten Christian. Der Sohn von Dinu und Lotte ist der zweite Leser des Berichts und der dritte Erzähler von Miss Bukarest. Das Geständnis des Spitzels ist ein Danaergeschenk. Die Vergangenheit geht als Plumpsack reihum, ein Schwarzer Peter, der das neue Leben bedroht.

Die großen Fragen des Umgangs mit der Vergangenheit lasten schwer auf der schmalen Erzählung. Ihr Reiz, der dreimalige Perspektivwechsel, ist zugleich ihre größte Schwäche. Denn ein Manuskript, das von den zwei ersten Lesern zitiert, paraphrasiert, kommentiert und dann weitergegeben wird, soll es ja im Internet geben. Aber warum sollte man den Hypertext mit Schneckenpost und Papier imitieren? Auch Rumänen dürften ihre Schuldgefühle anders bearbeiten.

Der Erzählerreigen zwingt Richard Wagner dazu, auf schmalen Raum immer neue Biographien zu erzählen. Zweimal verselbständigen sie sich über Seiten hinweg und wirken dennoch bloß wie skizziert. Auch Erika Binder gewinnt keine Kontur, sie bleibt Miss Bukarest, ein echter Männertraum. Richard Wagners Kurzprosakunst der präzisen Beobachtung, lakonischen Montage und listigen Verspiegelung kommt in dieser Konstruktion selten zum Tragen.

Miss Bukarest endet recht hoffnungsvoll. Christian, der letzte Empfänger, Leser und Bearbeiter des Manuskripts, erfährt aus ihm das Vorleben seiner Eltern. Auch ihn entfremdet die Vergangenheit von der Gegenwart: Er verliert seine Frankfurter Freundin, und aus "dem Rumänen", wie er seinen Vater im Sprachgebrauch der deutschen Minderheit nannte, wird ihm der "liebe Vater". Bevor der Sohn nach Berlin zurückkehrt, schickt er den um seine Kommentare ergänzten Bericht an Richartz zurück: "Er ist der Schriftsteller. Soll er sehen, wie er mit der Sache fertig wird."

Der Literat hat das Nachsehen - und eine erneute Chance. Was Dinus Flaschenpost nur im Kreis der direkt Betroffenen bewirkt, vermag die Literatur für die Öffentlichkeit. "Wir haben all diese Essays geschrieben", bemerkt Richartz selbstkritisch, "aber nichts über uns. Alles, was wir geschrieben haben, ist wahr, nur, es ist nicht unsere persönliche Wahrheit, und so ist es auch nicht die ganze Wahrheit." Das berührt sich mit Überlegungen Klaus Theweleits. Vielleicht sollte man Miss Bukarest nicht als Roman, sondern als essayistisch-erzählenden Versuch lesen, mit der Vergangenheit umzugehen, statt sie zu umgehen.

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