Minutennovellen.
Novellen von Istvan
Örkeny (2002, Suhrkamp - Übertragung Terézia
Mora - Nachwort György
Konrád).
Besprechung von Hannelore Schlaffer in der Frankfurter Rundschau, 28.11.2002:
Eine neue Gattung ist geboren: die
Minutennovelle. Sie kommt aus Ungarn und scheint wie geschaffen zu sein für
diese schnelllebige Zeit, die immer noch die Sehnsucht nach Buchstaben hat, aber
keine Muse mehr, sie zu entziffern. Dabei ist sie, wie György
Konrád in seinem Nachwort berichtet, als Gesellschaftsspiel in einem Kreis
von Menschen entstanden, die wenig vorgefertigte Unterhaltung hatten. Ihr
Verfasser, István Örkény, der 1912 in Budapest geborene jüdische Apotheker
und Romanschriftsteller, setzte mit seinen Freunden die Tradition des mündlichen
Erzählens fort, wenngleich dabei nicht gerade, wie in Boccaccios
Runde aus adeligen Damen und Herren, zehnseitige Geschichten vom Ehebruch,
sondern lediglich blitzschnelle Impromptus entstanden, meist aus dem kleinbürgerlichen
Alltagsleben. Im Buch gesammelt, füllen sie je eine halbe bis anderthalb Seiten
und lassen sich gut verdauen in dem kurzen Augenblick, da man den Kochlöffel
weglegt und das Omelett in der Pfanne stockt.
Wer sich Zeit nimmt, wird freilich gewahr, dass die Miniaturen mehr sind als Lückenbüßer
in einer Gesprächspause. Zwar wählt Örkény in Stoff und Sprache jenes
Understatement, auf dem der Tratsch gedeiht. Da wird geschwätzt von einer Frau,
die beim Fensterputzen in konvulsivische Krämpfe verfiel, von einer Lehrerin,
die ihre Klasse durch ein Heimatmuseum zu führen hat, vom Kauf einer
aufblasbaren Gummimatratze. Örkény sondert sich aber schnell aus der
Gesellschaft der Klatschbasen aus, indem er sich weigert, die Banalität, damit
sie des Erzählens überhaupt wert erscheine, gehörig aufzublähen.
Die Langeweile ist bei ihm so lange langweilig, bis sie tiefsinnig wird. Nichts
Unauffälligeres lässt sich denken als die Erzählung vom Herrn im Lunapark,
der Karussell fährt, wobei ihm schwindelig, aber nicht schlecht wird. Der Autor
bricht, scheinbar phantasielos, seine Erzählung ab, sobald das Karussell aufhört,
sich zu drehen: "Nachdem er die Probe so gut bestanden hat, bleibt das
Ringelspiel stehen, der Schwindel lässt nach, und alles bleibt beim
alten." Die gespielte Einfallslosigkeit des Autors fordert den Leser, will
er das Buch nicht sofort weglegen, zum Weiterdichten und Weiterdenken heraus.
Beiträge zur geselligen Unterhaltung sind Örkénys Minutennovellen
gerade deshalb, weil sie zu keinem Ende kommen. Im Grunde ist Örkény ein
poetischer Herrnhuter, dessen Glaubensbekenntnis es zulässt, dass jeder
Priester, dass jeder Dichter ist - jeder seiner Freunde soll mitdichten.
Ganz so generös, wie es scheint, ist freilich Örkény
seinen Hörern gegenüber dann doch nicht. Immer wieder blockiert er das
Nachdenken, mit dem sie gerade beginnen wollen, indem er, ein intellektueller
Harlekin, seine Geschichte ins Absurde treibt. Die Alltagsszenen, die
erfolglosen Wechselreden der kleinen Leute, die sich begegnen wie die Wagen beim
Autoskooter: sie stupsen sich an und kommen sich doch nicht näher - diese
scheinbaren Beiläufigkeiten sind ein Spiegel der Geschichte, die in der
Generation des Autors durch so manches Schreckszenarium führte. Als Jude diente
Örkény in einem Arbeitsbataillon an der russischen Front und geriet in
Kriegsgefangenschaft. 1956 erhielt er noch einmal Schreibverbot. Die Anthologie
seiner Minutennovellen gliedert sich in Kapitel, die den Etappen dieses
wechselvollen Lebens folgen: in Krieg, Judenverfolgung, Auferstehung des Ostens
im Sozialismus, in den Budapester Alltag. Klage, Mitleid und Moral, die bei
diesen politischen Themen so nahe lägen, braucht Örkény nur, um sie zu übergehen.
Der Polsterer F. N. etwa, der so leidenschaftlich gern Geisterbahn fährt, könnte
sehr wohl in den dunklen Schächten die Erinnerung an die Schrecken der
Internierung und Folterung suchen, die er als Jude hatte erdulden müssen, nur
weil er ein Sofa mit einem Überzug bespannt hatte, der etwas der amerikanischen
Flagge glich.
Allerlei Vermutungen über seine perverse Lust gibt sich denn auch zunächst der
Autor hin, bis er sich endlich an den Polsterer selbst wendet: "Wenn wir
ihn selber fragen, stellt sich heraus, dass er sich nicht gruselt und auch nicht
lächelt. Er setzt sich ganz einfach deswegen immer wieder in die Geisterbahn,
weil hier eine Reihe alter Geschichten aus seiner Erinnerung auftaucht, über
die er nachdenkt. Es fallen ihm Wünsche und Hoffnungen ein, vergangene Lieben,
die verflogene Jugend und warum er nur jenen gestreiften Überzug ausgesucht
hat, wo doch der mit dem Blumenmuster genauso schön gewesen wäre."
Örkénys Zynismus besteht nicht aus einer ausdrücklichen Zurückweisung der Moral; seine Reserve gegen die Normalität, in der Situationen meist moralisch entschieden werden, entspringt vielmehr einer Erfahrung mit dem menschlichen Kopf. Diese gerinnt ihm zur Psychologie der Vergesslichkeit. Sich nicht zu erinnern, ist Glück, sich nicht auf Handlungen und Worte anderer einzulassen, heißt leben. Die Minutennovellen erzählen von den Minuten, in denen die Menschen aneinander und an der Wirklichkeit vorbeisehen und gehören deshalb, bei aller oberflächlichen Harmlosigkeit des Sujets, wie alle guten Novellen in die Sparte des schwarzen Humors.
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