1.) - 2.)
Militärmusik.
Roman von Wladimir
Kaminer (2001, Goldmann).
Besprechung von two aus der Frankfurter Rundschau, 8.9.2001:
Militärmusik: Schon der Titel von Wladimir Kaminers Roman über die letzten 30 Jahre der Sowjetunion erweckt Bilder von prachtvollen Paraden, wehenden Bannern und Ehrfurcht gebietenden Lenin-Statuen. All das fährt der Autor auch auf - um die Klischees sodann listenreich und lustvoll zu demontieren. Immer, wenn die Alltags-Episoden scheinbar ins Sentimentale, Nostalgische abzugleiten drohen, bricht Kaminer das offiziöse Pathos mit absurden Ideen auf. In seiner Version der Geschichte trifft Juri Gagarin im Orbit die fröhlich kläffenden Kosmonautenhunde Belka und Strelka; und Patrizia Kaas, die erste Sängerin aus dem Westen, löst eine Volksepidemie aus, die im Endstadium von der Miliz bekämpft werden muss. Der Autor selbst outet sich bereits auf Seite 15 als "totaler Spinner". Ein klug gewähltes Kostüm, das dem Phantasten Kaminer die passende Verkleidung für seine Charaden bietet. Seine Militärmusik ist eine märchenhafte Historie - leider zu schön und witzig, um wahr zu sein.
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2.)
Militärmusik.
Roman von Wladimir
Kaminer (2001, Goldmann).
Besprechung von Sascha Verna aus der Frankfurter Rundschau, 8.12.2001:
Es gibt drei Arten, die Welt zu sehen: die optimistische, die pessimistische und die von Wladimir Kaminer. Letztere besteht darin, die Welt entweder gar nicht oder einfach anders zu sehen und hat den Vorteil, dass sie einem das Überleben in einem Land garantiert, in dem der Sozialismus Realität und die Realität zur Realsatire geworden ist. Es geht um Russland und die Kunst der Alltagsbewältigung. Genauer, um die Ex-Sowjetunion und das autobiografische Romandebüt Vladimir Kaminers, jenes Exil-Moskauers und heutigen Wahl-Berliners, der im vergangenen Jahr mit seinem Erzählungsband Russendisko zum Szene-Star aufgestiegen ist.
Obwohl es der Titel nicht unbedingt nahelegt, herrscht in Militärmusik derselbe Sound wie in Kaminers Erstling: bumm-bumm flottissimo. Die Sprache ist knapp, ohne trocken zu sein, eine Pointe jagt die nächste, die Figuren wissen, dass sie keine Sprachgeister, sondern die Motoren der Handlung sind. Diese Handlung verläuft ungefähr wie folgt: Vladimir wird geboren, verzogen und ins Militär gesteckt, am Schluss sitzt er im Zug Richtung Westen. Dazwischen erfährt man von seinen Abenteuern mit öffentlich pinkelnden Choreographen im Majakowski-Theater, von Underground-Konzerten mit KGB-Präsenz und von seinen Erfolgen als stellvertretender Vergnügungsorganisator im "Belka-Raketenkomplex".
Militärmusik ist ein Episoden-, kein Entwicklungsroman. Wer also erwartet, Zeuge eines Reifungsprozesses zu werden, wartet vergeblich. Ja, man muss sogar sagen, dass Kaminers Personal, allen voran dem Protagonisten, jede Tiefe fehlt. Es sind Wachsfiguren in einem Kuriositätenkabinett, die zerfließen, sobald man ihnen mit dem Scheinwerfer zu nahe kommt. Dass dies zwar literarisch misslungen, in Kaminers Fall aber nicht weiter tragisch ist, liegt an der Tatsache, dass dem Leser anders als dem Ich-Erzähler am Ende doch so etwas wie eine Erkenntnis blüht.
Amüsieren statt analysieren - sich selber und die anderen, so könnte das Motto lauten, nach dem Roman und Ich-Erzähler funktionieren. Kaminer liefert keine Systemkritik und entlarvt dennoch die ganze Lächerlichkeit einer im Bürokratismus versumpften Utopie. Ob als "Politinformator" mit phantastischen Quellen in der Schule oder als Gärtner mit Bildungsauftrag im Park einer geheimen Waffenfabrik: Kaminers Held ist wirklich einer, weil er es versteht, selbst aus den größten genossenschaftlichen Stumpfsinnigkeiten noch ein Fünklein (Un-)Sinn zu schlagen und sich damit wenigstens geistig schadlos zu halten. Er hat das Lachen als subversivste aller Waffen und das Wursteln als sicherste aller Daseinsformen entdeckt.
Zugebeben, manchmal droht Kaminers schelmischer Plauderstil auf das Niveau liebloser Magazin-Schreibe zu sinken. In seinen schlechtesten Momenten bietet der Autor nur noch ostalgischen Klamauk. Doch in seinen besten erweist sich Vladimir Kaminer als ethnologischer Hochseilartist.
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