Mike und Jane.
Roman von Birgit
Kempker (2001, Droschl).
Besprechung von Guido Graf in der Frankfurter Rundschau, 7.2.2002:
Lustvolle
Röschenkriege
In Birgit Kempkers Liebesprosa wird dauernd
geredet
Wer das liest, wird an der Herzradikalwurzel gepackt. Nie ganz rund, ein rumpeliges basso continuo, das, auf seine Mechanik reduziert, auch nur schlicht atemlos wirken kann. "Ich liebe es nicht, wenn das Lieben so schwer ist, sagt Jane." Sagt sie zu Mike und zu uns, den Lesern, die wir mit dem neuen Buch der Basler Schriftstellerin und Hörstückemacherin Birgit Kempker neunundneunzigmal in exemplarischen Kapriolen vorgeführt bekommen, wie die Sprachfragmente der Liebenden unfreiwillig zueinander finden, gerade weil sie nicht zusammenpassen, weil Mike und Jane sich absichtsvoll und selbstgenügsam voller Hingabe und komischer Selbstverzweiflung missverstehen.
Wo heute noch zwei unter einem Baum liegen, werden sie reden müssen, ohne Unterlass. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, neunundneunzigmal müssen die Probanden Mike und Jane vorturnen. "Mike liegt unter dem Baum. Jane liebt Mike. Sie liegt daneben." Für eine nahezu unendliche Zahl von Komplikationen ist das vermutlich die kürzestmögliche Versuchsanordnung.
Schlicht und gemein: Dass Jane daneben liegt, soll die Voraussetzung sein für alles, was da in den neunundneunzig kurzen Kapitelchen zur Sprache kommt. Sie liegt und macht und redet, kneift und kreischt und lässt lustvoll geschehen, wie Mike respondiert und reagiert. Und umgekehrt. Denn Jane liegt daneben. Das heißt eben auch, dass sie nie den Ton trifft, nie richtig und nie wirklich versteht, was gemeint gewesen sein könnte. Statt Mutmaßungen anzustellen, stürzt sie drauf los auf alles, was sich falsch anhört, was durch bloßes Verhören oder Verlesen eine neue Nebenbedeutung absondert. Die Dialoge zwischen Mike und Jane können gar nicht bizarr genug sein, um nicht gerade dadurch ganz genau den Rhythmus der Sprache von Liebenden abzubilden. "An was denkst du, fragt Jane. An dich, sagt Mike. Jane weint. Warum weinst du, fragt Mike. Man denkt nur an das, was nicht da ist, sagt Jane. An was denkst du, fragt Mike. An die Liebe, sagt Jane. Aus Rache, fragt Mike. Aus Liebe, sagt Jane."
Wer kennt diese Dialoge nicht, die nervös-gereizte Zwiesprache von Paaren, ein Würfelwurf als Schwerkraftzentrum ihres allzu wortgetreuen Zusammenhalts. Narrenphrasen kreisen umeinander und ihre Wahrheit entspringt der ebenso steten wie alternativlosen Wiederholung solcher Szenen, selbst wenn sie, was ja häufig geschieht und unbedingt dazugehört, plötzlich eine andere Richtung einschlagen. Zärtliches Geraune verwandelt sich unvermittelt in obszöne Verwünschungen.
Um alle nur erdenklichen und dann noch die unwahrscheinlichsten Varianten dieses Sprachspiels in höchster Verdichtung auszufächern, hat sich Kempker natürlich auch durch alle Alltags- und Weltliteraturtexte geplündert. Ihre Texte und Wortmuster choreographiert sie zu den Stimmenstrudeln einer vergnüglichen, haarsträubenden und akrobatischen Prosa. Eine zugleich zarte und an ihrer überholten Erfahrung zerberstende Kinderlogik mischt ein frei flottierendes Feld der Bedeutungen ganz neu.
Viele Tränen fließen. Unbarmherzig und verführerisch wird geschrien, fortgegangen, gestreichelt und gevögelt, so genau und blödsinnig und herzergreifend. Das schnöde Ersatzteillager unseres Liebesvokabulars bekommt einen nahezu tanzbaren Rhythmus. Nicht zuletzt den einer Geschichte von einem lustvollen Röschenkrieg, die Birgit Kempker auch erzählt. Auf fast jeder der 99 Seiten wird gestorben, gequält und geschlagen. Das ist vermutlich Realismus, doch den liefert Kempkers extrem kleinteilige Ästhetik, die alles gibt für einen schönen Satz, den Rhythmus oder einen guten Witz. Hitzig und sinnlos führen Mike und Jane eigentlich Selbstgespräche, sandkastenreif und unendlich. Sie führen ihr dauerndes Entsetzen vor, nicht der jeweils andere zu sein. Darüber kann man, wenn man liebt, nicht aufhören zu reden. Zu lesen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0202 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau