Mikado von Botho Strauß, 2006, Hanser1.) - 3.)

Mikado.
Buch von Botho Strauß (2006, Hanser).
Besprechung von Sabine Dultz im Münchner Merkur, 15.9.2006:

170 Punkte für den Autor
„Mikado“: Das neue Buch von Botho Strauß

„Zu einem Fabrikanten, dessen Gattin ihm während eines Messebesuchs entführt worden war, kehrte nach Zahlung eines hohen Lösegeldes eine Frau zurück, die er nicht kannte und die ihm nicht entführt worden war. Als die Beamten sie ihm erleichtert und stolz nach Hause brachten, stutzte er und erklärte: Es ist Ihnen ein Fehler unterlaufen. Dies ist nicht meine Frau.“ Das fängt ja schon gut an. Die Lektüre – eine Wohltat. Vor allem nach den diversen literarischen Selbstzeugnissen anderer Schriftsteller im reifen Mannesalter.

Botho Strauß, zum Glück nach wie vor der Rätselhafte unter Deutschlands literarischen Größen und immerhin auch schon über 60, ist weit davon entfernt, sich selbst zum Gegenstand seines Schreibens zu machen. Jedenfalls nicht auf so vordergründige Weise, wie dies so manche seiner berühmten Kollegen tun. „Mikado“ heißt sein neues, in diesen Tagen erscheinendes Buch. Und so wie das aus dem frühen 17. Jahrhundert stammende gleichnamige Spiel aus 41 Holzstäben besteht, so hat Strauß in diesem schmalen Band 41 Erzählungen versammelt.

Auf dem ersten Blick scheint die Reihenfolge, in der sie zu lesen sind, unwichtig. Doch schnell merkt man, dass auch sie – wiederum wie die willkürlich ausgeworfenen Holzstäbe des Spiels – im „Abbau“ einer logischen Gesetzmäßigkeit unterliegen. Keine einzige ist verzichtbar für das kritische, detaillierte Gesamtbild, das dieses Buch von unserer Gesellschaft und dem zwischenmenschlichen Zusammenleben entwirft. Bei „Mikado“ handelt es sich um eine Anthologie mehr oder weniger kurzer Erzählungen, etwa in der Art früherer Kalendergeschichten.

Alle sind sie von einer zauberischen Fantasie, bevölkert von den oftmals vergeblichen, unglücklichen, fremden, so fernen und dennoch so nahen typischen Strauß- Figuren. Absurd in ihrer Tragik, komisch in ihrer Ausweglosigkeit, von feiner Ironie durchzogen durch die grandiose Sprache des Autors. Nie werden die Geschichten zwischen Mann und Frau, Mutter und Tochter, Vater und Kinder, Lehrer und Schülerin, Bergsteiger und Einsiedler, Mörder und Verfolger vollends entschlüsselt. Immer bleibt ein Geheimnis als Rest. Ob beim „Zustimmungsneurotiker“ oder dem „Sisyphos der Lüste“.

Schon die erste, „Mikado“ überschriebene Geschichte, die mit den hier eingangs zitierten Sätzen beginnt, entführt den Leser in die Unerklärlichkeiten eines ganz und gar alltäglichen, durchschnittlichen Daseins. Ob Strauß von der schussligen schönen Mary berichtet, die bei jeder Gelegenheit zwanghaft einen Schwall unanständiger Worte von sich geben muss, oder von dem schmächtigen jungen Mann, der auf dem Münchner Oktoberfest in der Achterbahn den Ich-Erzähler anspricht, ihn später zum Hauptbahnhof begleitet und ihn bittet, sein schmales Gepäck mit in das letzte freie Schließfach stellen zu dürfen. Natürlich ist in diesen kurzen Texten, die mitunter auch reduziert sind auf Lebensweisheiten und weltanschauliche Betrachtungen, immer wieder Botho Strauß selbst erkennbar.

Zum Beispiel, wenn er vom „kaum vorstellbaren Grauen“ spricht, das dem Autor die Wiederbegegnung mit seinem Werk bereite. Oder von der „semantischen Balz“, mit der sich ein Fluggast die lange Wartezeit auf dem Airport vertreibt, und vom „Chaos der Lust“. Oder wenn der alte Landschaftshistoriker fragt: „Ich weiß nicht, weshalb man aus allem immer ein großes Spektakel machen muß?“ Nein, das macht Strauß auch nicht.

Spektakulär ist höchstens die Tatsache, dass er sich mit diesem Buch wiederum jeder Mode verschließt. Sein wie ein altes Märchen verfasste Traktat „Der Fremde“ ist von jener furchtlosen Moral beseelt, die ihn seit je angreifbar macht. Ein Buch, das man lesen muss. 170 Punkte – das ist der Höchstgewinn beim Mikado- Spiel. Botho Strauß hat sie locker erreicht.

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Mikado von Botho Strauß, 2006, Hanser2.)

Mikado.
Buch von Botho Strauß (2006, Hanser).
Besprechung von Alexander Altmann aus den Nürnberger Nachrichten vom 15.09.2006:

Poetisches Mikado
Der neue Prosa-Band von Botho Strauß

Selten war ein Titel so passend wie dieser: „Mikado“ heißt das neue Buch von Botho Strauß; und wie beim Mikado-Spiel, wo es darauf ankommt, mit viel Fingerspitzengefühl einzelne Stäbchen aus einem wirren Haufen herauszuziehen, versucht der Autor in diesen Prosa-Miniaturen, das Gewirr (zwischen-)menschlicher Empfindungen in feinfühligen Erzähl-Prozeduren zu entflechten.

Dass es dabei nicht ohne gespreizte Verrenkungen abgeht, ist klar, und so wirken manche Texte dieses Buches allzu umständlich ausgedacht. Da „wackelt“ der literarische Mikadohaufen und die überbemüht-subtile Seelen-Erkundung kippt in krampfige Kopfgymnastik. Aber zum Glück überwiegen in dem Bändchen doch die gelungenen Geschichten, von denen manche sogar kleine funkelnde Preziosen sind.

Da gibt es etwa die knappe Skizze über einen Bäckermeister, der heimlich seine Frau verlässt, nach Mexiko auswandert und dort als Papierfabrikant ein Vermögen macht. Als er nach 25 Jahren zurückkommt, die Gattin, die immer noch in der gleichen kleinen Wohnung sitzt, besucht und sie unterstützen will, bittet sie ihn nur, zu gehen, damit sie „wieder mit ihm allein“ sein kann. Denn der Mann, der zurückkam, war ein anderer als der, mit dem sie einst gelebt und den sie im Kopf hatte.

Es sind vor allem solche Fragen der Identität, die Botho Strauß in seinen Geschichten umkreist: Wer ist man selbst, wer ist der Andere, ist man immer der Gleiche, gibt es einen unverwandelbaren Kern der Persönlichkeit?

Vor Rätsel sieht sich auch der Held der Titelgeschichte gestellt, ein Fabri kant, dessen Frau entführt wurde. Nachdem er Lösegeld gezahlt hat, bringt ihm die Polizei eine Frau „zurück“, die er zuvor nie gesehen hat, aber mit der er doch das Eheleben fortführt...

Wie seine Theaterstücke schillern auch Botho Strauß‘ Erzählungen zwischen realistischer Psychologie, Symbolismus und feiner Komik. Die besten davon sind zugespitzt wie Mikadostäbchen und garantieren ein unverwackeltes Leseerlebnis.

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Mikado von Botho Strauß, 2006, Hanser3.)

Mikado.
Buch von Botho Strauß (2006, Hanser).
Besprechung von Ursula März in der Frankfurter Rundschau, 28.9.2006:

Engelsgeschick
Die souveränen Kalendergeschichten "Mikado" von Botho Strauß

Er kann schon zum Fürchten sein. Seine distinguierte Gegenwartskritik ein Peitschenhieb, dessen Luftzug uns kalt erwischt. Geschmäht von nicht eben wenigen, respektiert von vielen, bewundert von einigen, ist Botho Strauß in den vergangenen Jahren, fast schon Jahrzehnten zu einer entfernten, fast schon gesichtslosen Instanz geworden, die unser blasses Gerede aus dem Nebenraum einer singulären Schriftstellerexistenz anhört, be- oder verurteilt, aber nie mitredet, nie mitmischt. Dass sich der Antimoderne mit uns, unseren Windrädern, mediokren Konsensmeinungen und Nachplappereien bis hin zum Ekel nicht mehr wohl fühlt, ist längst beschlossene Sache. Und irgendwann haben auch wir aufgehört, uns mit ihm, seinen erhabenen Formulierungen, seinen kontakterschwerenden Texten und mythischen Rätseln, seinen harschen Ansprüchen, kompromisslosen Verdammungen, noch wohl zu fühlen. Wissend natürlich, dass eben dieser Wunsch nach gegenseitiger Verträglichkeit von Kunst und Gegenwart als deren Krankheitsbefund ganz oben steht.

Dass elitäre Distanz die Grundbedingung des ästhetischen Konservativismus darstellt, weiß inzwischen jedes Kind, dem man zu erklären versucht hat, wer Botho Strauß ist und dass er auch in zwanzig Jahren nicht bereit sein wird, sich auf einem megamäßigen Literaturfestival besichtigen zu lassen. So herrschen zwischen Botho Strauß und uns, der Gesellschaft, eingespielte Verhältnisse, deren Vitalität auf ein fatales Motiv geschrumpft ist: das gegenseitiger Verachtung. Wie kein anderer Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur hat Strauß Verächter. Wie kein anderer scheint er mit Verachtung auf die Zustände der Gegenwart zu blicken. Und auch diese Feststellung ist alles andere als frisch.

So hätte es weitergehen können. Wir fürchten uns ein wenig vor ihm, verachten oder achten, ratlos oder ergriffen, seine hermetischen und blitzgescheiten Bücher. Er lässt uns links liegen. Es wäre nicht zum ersten Mal, dass der Pakt zwischen einem Künstler und seinen Zeitgenossen auf Fremdheit beruht.

Mit seinem neuen Buch hat Botho Strauß diesen Pakt aufgebrochen. Mikado, so der Titel, ist nicht nur ein humorvolles Buch. Humor hatte Strauß, man vergisst es nur leicht und immer wieder, schon immer. Mikado ist vor allem ein auf uneitelste Weise selbstironisches Buch. Seine Selbstironie ist dezent, man muss die Ohren schärfen, um sie zu hören. Aber sie wirkt wie eine Einladung in ein offenes Haus. In Mikado schaut Botho Strauß sich und seinem Kernthema, dem Verhuschen und Verblassen des Subjekts, amüsiert über die Schulter. Er spielt ein herrlich heiteres Spiel - denn ein solches ist Mikado ja - und lässt uns Ignoranten mitspielen.

Denn dieses Buch ist voll von verdutzten, konsternierten Leuten, die die bierernste Epochendrohung des Selbstverlustes und der Selbstverwahrlosung als Alltagslaune erleben, als Komödie der Verwechslung und Vertauschung. Da wird einem Fabrikanten die Gattin entführt, nach Zahlung einer Lösegeldsumme kommt sie zurück, allerdings so verändert, dass der Fabrikant davon ausgehen muss, er habe jetzt zwar wieder eine Frau an seiner Seite, aber nicht die eigene. Am Ende nimmt er eben die neue, als wärs die alte.

Da feiert die Kustodin der Würzburger Residenz ihren 53. Geburtstag, indem sie eine High-End-Musikanlage, die sie sich selbst geschenkt hat, zusammen bastelt. Plötzlich ist sie in Gesellschaft von zwei jungen, hergelaufenen Mädchen, die ebenso plötzlich auf dem Boden einschlafen. Die Kustodin zieht das eine von dem anderen Mädchen weg, bedient sich bei den Schlaftabletten, die die zwei in Hülle und Fülle in den Taschen haben und feiert den Geburtstag im geraubten Schlaf der Jugend weiter. Da empfindet ein Rohrleger den Dauerbesuch einer Bekannten, die sich in die winzige Bude, die er mit seiner Frau in Berlin-Schöneberg bewohnt, als Zumutung und komplimentiert sie aus der Tür. Erst als ihm ein Lottogewinn ins Haus flattert, den die Bekannte hinter seinem Rücken ausgefüllt hat, dämmert dem Rohrleger, dass ein Engel ihm die Ehre gab. Ein Engel allerdings, der sich in ganz diesseitiger Traurigkeit von einem Hochhaus zu Tode gestürzt hat.

Das Numinose solcher Sujets, die Traumgestalt solcher Geschichten, das Parabelhafte solcher gerafften Erzählungen und Denkbilder kennt man aus der Prosa von Botho Strauß. Man kennt auch den Topos der Gegenwelt aus archaischen Zeichen und mythischen Wundern, die sich im Widerstand zur Vergesslichkeit einer aktualitätsfixierten Tatsachenwelt befindet. Nur kommt all das in Mikado ohne den Unterstrom von Anklage, Vorwurf und Trotz aus, der die Literatur von Botho Strauß so einschüchternd begleiten kann. Und ganz ohne den herrischen Ton, der sich ungut mit stilistischen Manierismen verbinden kann. Komponiert ist Mikado in der Form Hebel'scher Kalendergeschichten. Eine Gattung, die sich gleichsam von Natur aus misstraut, da sie Großes klein oder sogar putzig verpackt. Eine Gattung, deren äußere Kurzweil und Gemütlichkeit ironisch auf die Katastrophen, Schicksalsschläge oder Lebensweisheiten schaut, die der Kalender so mit sich bringt. Eine Gattung, die mit den Augen zwinkert.

Und das hat Botho Strauß mit Mikado auch getan: Mit den Augen gezwinkert, in unsere Richtung. Er schüttelt den Kopf über eine Zeit, die so wenig von ihren Wundern, Träumen und Rätseln weiß, von den Lottoengeln in den Wohnungen Berliner Rohrleger, von Liebesschwüren, die versehentlich in die Ohren einer Frau geflüstert werden, die gar nicht die Geliebte ist, eine Zeit, die so wenig von ihrem Imaginären weiß, dass man ihr in Kalendergeschichten davon erzählen muss. Aber Kopfschütteln ist etwas anderes als Verachtung.

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