1.) - 3.)
Middlesex.
Roman von Jeffrey
Eugenides (2003, Rowohlt - Übertragung
Eike Schönfeld).
Besprechung von Guido Graf in der Frankfurter Rundschau, 9.4.2003:
Tolstoi in
Pynchon-Manier
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Jeffrey Eugenides bekommt
Pulitzer-Preis für Literatur
Für seinen zweiten Roman Middlesex, der
Mitte Mai auch in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erscheinen wird, wurde dem
43jährigen Jeffrey Eugenides, der mit Frau und Tochter derzeit noch in Berlin
lebt, nun der Pulitzer-Preis zuerkannt. Acht Jahre hat Eugenides an Middlesex
gearbeitet. Jedes Kapitel wurde mehrfach überarbeitet, auch um der Entwicklung
entgegen zu steuern, die er selbst in dieser Zeit gemacht hat. Sein Vater ist
bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, er ist selbst Vater geworden.
Geburt und Tod sind auch die Landmarken des epischen Kontinents von Middlesex.
Das Buch ist eine amerikanische Familiensaga, die Geschichte griechischer
Einwanderer, des Niedergangs einer großen Industriestadt wie Detroit. Doch kühner
in der Konstruktion und entschiedener in der Perspektive als die Korrekturen
seines Freundes Jonathan
Franzen formuliert Eugenides mit Middlesex die Möglichkeiten der
"Great American Novel" neu: die Rekonstruktion der Wirklichkeit nach
dem Ende des Erzählens, die Konstruktion von Identität im Zeitalter der
Gentechnologie. Denn der märchenhaft allwissende Ich-Erzähler von Middlesex
trägt den Musennamen Calliope Stephanides und ist ein Hermaphrodit. Als Mädchen
erzogen und aufgewachsen entdeckt Callie im Alter von vierzehn ihr doppeltes
Geschlecht und beschließt, fortan als Mann, als Cal zu leben. Der Mittvierziger
Cal im Berlin von heute begibt sich nun auf Spurensuche nach dem Grund für die
Mutation seines fünften Chromosoms. Alles beginnt mit seinen Großeltern 1922
in einem Dorf in Kleinasien, mit einem Fall von Inzucht. Denn Calliopes Großeltern
sind Bruder und Schwester.
Damit setzt Eugenides' fulminanter Roman ein und führt uns das überaus
unterhaltsame Kunststück vor, wie durch das phantastische Element des
allwissenden Ich-Erzählers, der von geheimsten Sehnsüchten berichtet, die
Enkel Cal eigentlich nie wissen kann, die Menschen und die Geschichte lebendig
werden, wir ihr Zusammenhang als Teil unserer Geschichte neu ersteht. Dazu gehören
die Familiengeschichte, aber auch das literarische Anspielungsuniversum oder die
mythologische Dimension des Romans, in der Calliope als Widergänger des Sehers
und Hermaphroditen Teiresias erscheint. Nicht von ungefähr vergleicht Eugenides
die lange Entstehungszeit von Middlesex mit der homerischen Dauer des
Kriegs um Troja. Dieser Hybrid von einem Roman ist in gewisser Weise ein erzählerisches
Genom. Alles zu entziffern, was darin festgehalten ist, scheint unmöglich.
Jeder einzelne Baustein scheint über die Summe des Ganzen hinaus zu wachsen.
Schon in seinem ersten Roman The Virgin Suicides (vor fast zehn Jahren
unter dem irreführenden Titel Die Selbstmord-Schwestern auch auf Deutsch
erschienen) arbeitete Eugenides mit einer unmöglichen Erzählstimme, einem
Kollektiv eigentlich, das "wir" sagt. Von dem offensichtlichen
Experiment hat Eugenides sich mit Middlesex gelöst und verwischt die
Grenzen, die das Ich von der Welt trennen, durch die es bestimmt wird und die es
zugleich, durch sein Erzählen, erschafft.
Den größten Teil des Materials für Cals Geschichte hat Eugenides seinem
eigenen Leben entlehnt. Er ist in Detroit geboren und in Grosse Pointe, einem
Vorort von Detroit aufgewachsen, wo - am Middlesex Boulevard - der Roman auch
spielt. Schon früh fasste er den Plan, zu schreiben. Alles ist seitdem darauf
ausgerichtet, Zeit und Geld dafür zu finden. Studiert hat er in New York bei
John Hawkes. Als die knappe Lakonie der Stories von Raymond
Carver in Mode kam, bastelte Eugenides an seltsamen Erzählungen über Mönche
in Kalifornien. "Tolstoi
in Pynchons Manier", so hat er selbst einmal sein erzählerisches Credo
formuliert. In San Francisco hat Eugenides eine Zeit lang für ein Segelmagazin
gearbeitet. Parallel dazu veranstaltete er Creative-Writing-Kurse in Stanford.
Bei der "Academy of American Poets" in New York war er Sekretär.
Eigentlich eine Tätigkeit, die seiner strikten Arbeitsdisziplin entsprach.
Seit einigen Jahren nun lebt er mit seiner Familie schon in Berlin, nachdem er
durch den DAAD und die American Academy Stipendien erhalten hatte. Diese Zeit
ist jetzt zu Ende. Jeffrey Eugenides wird wieder in die USA gehen. Was kommt,
ist ungewiss. Ähnlich der illusionslosen Erwartung am Ende von Middlesex,
als Cal im strömenden Regen vor der Tür des Hauses am Middlesex Boulevard
steht und wartet, einfach wartet, während der noch übrig gebliebene Rest der
Familie unterwegs zum Begräbnis seines Vaters ist.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
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2.)
Middlesex.
Roman von Jeffrey
Eugenides (2003, Rowohlt - Übertragung
Eike Schönfeld).
Besprechung von Tom
Liehr, 2003:
Wer in Literaturamerika mächtigen Erfolg haben will, schreibt eindringliche, originelle, etwas abgedrehte Familiensagas. Eugenides-Intimus Jonathan Franzen hat es mit "Die Korrekturen" vorgemacht, aber auch er war natürlich nicht der erste. Irving, Updike, Roth und wie sie alle heißen: Ihre ersten großen, erfolgreichen Romane waren Familiengeschichten im direkten Sinne des Wortes (Irving: "Hotel New Hampshire", Updike: "Unter dem Astronautenmond", Roth: "Portnoys Beschwerden"), klassisch nach den Vorgaben der Creative-Writing-Gurus konzipiert, direkt, aber gleichzeitg leicht distanziert erzählt, unaufdringlich und mit sauber einkomponierten stilistischen Eigenheiten.
Ein Bergdorf in der Nähe von Smyrna, früher Griechenland, jetzt Türkei, wir schreiben das Jahr 1922. Das elternlose Geschwisterpaar Eleutherios - verwirrenderweise damals bereits "Lefty" genannt - und Desdemoda Stephanides sind sich näher, als das Geschwister sein sollten. Als der Krieg droht, das Dörfchen zu überrollen, fliehen die beiden, wie viele andere. In letzter Sekunde retten sie sich aus dem brennenden Smyrna, landen auf einem Schiff in Richtung Detroit, USA. Die Welt wird neu erschaffen; Desdemoda und Lefty nutzen die Chance, heiraten auf dem Schiff und betreten das neue Heimatland als frischgebackenes, nichtsdestotrotz inzestiöses Ehepaar. Während der Überfahrt haben sie sich im Rettungsboot der leidenschaftlich ausbrechenden Geschwisterliebe hingegeben, es Nacht für Nacht so richtig krachen lassen.
Und diese Leidenschaft trägt Früchte. Letztlich ist es die Enkelin Calliope, die den Preis für die nicht nur sittlich gefährliche Verbindung zahlt: 1960 geboren, entwickelt sich Enkelin "Callie" zunächst wie ein ganz normales Kind in der dritten Generation einer Einwandererfamilie, die sich mit Prohibition, Weltkrieg, Rassenunruhen, geschäftlichem Niedergang und Wiederaufstieg herumschlagen mußte. In den frühen Siebzigern, als das Leben funktioniert, die Familie - mehr oder minder - auf soliden Füßen steht, bewahrheiten sich die Befürchtungen der Großmutter, deren Orakel einzig bei dieser Enkelin das Geschlecht nicht vorherzusagen in der Lage war. Calliope ist ein Hermaphrodit, ein Zwitterwesen, dessen männliche Komponente im Alter von dreizehn, vierzehn Jahren ihr Recht einzufordern beginnt.
Calliope, später Cal, erzählt die Familiensaga
aus der Jetztzeit, rückblickend, vermischt mit kurzen Einblicken in das Leben,
daß sie - er - nun führt, in Berlin. Jeffrey Eugenides lebt übrigens selbst
hier, in Schöneberg. "Middlesex" ist nicht seine Geschichte, es ist
*eine* Geschichte: Umfassend, detailreich und wortgewaltig erzählt. Aber.
Fundierte Kenntnisse, intensive Recherche, saubere, fast schon klinische
Komposition, Wortzauber und zwingende Figurenentwürfe können nicht darüber
hinwegtäuschen, daß sich der Roman bei aller Dichte irgendwie nüchtern anfühlt,
emotionsarm. Keine der Figuren - bei Desdemoda und Lefty angefangen über die nächste
Generation bis hin zu Calliope selbst - entwickelt wirklich Nähe, die Konflikte
außerhalb des Kernkonfliktes sind angedeutet, faktisch, trocken. Was Franzen
mit seinen - wie "Middlesex" etwas zu langen - "Korrekturen"
geleistet hat und andere vor und nach ihm, ist Eugenides nicht in letzter
Konsequenz gelungen.
Die Komponenten stimmen zwar, aber das Ergebnis wirkt leicht fad.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.tomliehr.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0503 LYRIKwelt © Tom Liehr
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3.)
Middlesex.
Roman von Jeffrey
Eugenides (2003, Rowohlt - Übertragung
Eike Schönfeld).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der
WAZ, 6.8.2003:
Sommer, Sonne, Katastrophe - oder: Sex in Middlesex
"Middlesex" von Jeffrey Eugenides ist ein Buch, das beim Lesen Spaß macht. Man kann darin versinken, die Welt vergessen - also unbedingt als Sommerlektüre zu empfehlen.
Zwar scheinen die über 700 Seiten sich manchmal zu dehnen, und die Einzelheiten der Groß-Familiengeschichte sind so weit verzweigt, dass man bei Lesepausen nicht leicht den Anschluss findet. Dann muss man die letzten Seiten noch einmal lesen, und so kann sich der Genuss bei geschickter Taktik über Wochen strecken.
Was das Buch so unterhaltend macht, ist die waghalsige Konstruktion. Wie mit einem Küchenmixer hat Eugenides Homer mit Boulevard verwirbelt, eine Seifenoper mit griechischer Tragödie, und das ist verblüffend komisch.
Es geht um einen Hermaphroditen, einen Zwitter, und warum er es ist: weil nämlich seine Großeltern, an sich schon aus einem inzestuös belasteten Dorf stammend, Bruder und Schwester waren, und die Eltern immerhin noch Cousin und Cousine.
Doch der Erbe des reduzierten Genpools gibt als Ich-Erzähler sein Schicksal so ironisch abgeklärt zum Besten, dass der Leser die Geschichte unbeschwert genießen kann. "Ich mag mein Leben", sagt Cal, der als das Mädchen Calliope geboren wurde, und es gibt keinen Grund, ihm nicht zu glauben, zumal er seinen Bericht so erhebend beginnt: "Singe, o Muse, die Geschichte der rezessiven Mutation auf meinem Chromosom fünf! Singe, wie es sich vor zweieinhalb Jahrhunderten auf den Hängen des Olymp ausbildete, während die Ziegen meckerten und die Oliven zu Boden plumpsten . . ." Man sieht: Das ist launig und bleibt es auch, allen Katastrophen zum Trotz.
Vom ersten Satz an ist der Leser Mitwisser des Geheimnisses, das sich der Familie erst spät offenbart. Auch daraus entsteht manche Situationskomik: etwa, wenn das Taufkind dem Pater ins Gesicht pinkelt, und keiner wundert sich über den hohen Bogen, den das kleine Mädchen zustande bringt.
Doch das ist harmloses Vorgeplänkel. Je näher die Pubertät rückt, die Zeit der Erkenntnis, umso stärker wird der Gegensatz zwischen dem, was geschieht, und dem Ton des Berichts. Der Junge mit den zweierlei Geschlechtsorganen wird von Pennern zusammengeschlagen mit dem Ausruf: eine Missgeburt; das Mädchen, wegen fehlender Menstruation dem Arzt vorgeführt, liest in seiner Akte das Wort "monströs" - und doch bleibt die Lektüre unterhaltend, statt Mitgefühl und Entsetzen zu wecken.
Die Diktion des Autors lässt offen, ob ihm der kritische Aspekt ein Anliegen war. Bei mancher Szene ist man geneigt zu glauben, dass Jeffrey Eugenides eine bizarre Geschichte erzählen wollte und sonst nichts. Trotzdem kann die absurde Erzählweise auch Bestürzung wecken - über die eigene Bereitschaft, über den Schrecken hinwegzulachen.
Nein, der Roman ist witzig; gerade im Allzumenschlichen. Sehr erheiternd die lapidare Schilderung, wie Liebesgeschichten, deren starke Emotion einst vor Blutsbanden nicht haltmachte, im Laufe der Jahrzehnte zu flachen Ordnungsverbindungen veröden.
Übrigens: Middlesex ist der Stadtteil von Detroit, an dem die Familie sich ausgebreitet hat. Aber natürlich ist damit auch wunderbar der Zustand des Jungen Calliope getroffen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0803 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine