Metropolen.
Gedichte von Jan Volker
Röhnert (2007, Edition
Lyrik Kabinett
bei Hanser).
Besprechung von Lars
Reyer aus dem titel-magazin,
2007:
Die großen Städte
Jan Volker Röhnert figuriert noch immer unter der
Kategorisierung „junger Autor“. Er wurde 1976 geboren, da lässt sich
nichts machen. Allerdings legt er mit Metropolen bereits seinen fünften
Gedichtband vor, was darauf hindeutet, dass er nicht mehr ganz so grün sein
kann hinter den Ohren.
Und die Vermutung, dass da einer am Werk ist, der sich sehr genau auskennt mit
Wörtern und wie man sie zu einem Gedicht schichtet – und wie das Ganze dann
auch noch gelingt und nicht geräuschlos implodiert! –, bestätigt sich
schon auf den ersten Leseeindruck hin.
Seltsamerweise kommt einen, wenn man Röhnert liest, das Gefühl an, man läse
die Gedichte eines Autors, dessen tiefschöpfende Lebenserfahrung ihn zum lächelnden
Auguren hat werden lassen. Man kennt diese Kommerzialräte, Konsule, das
Personeninventar Thomas Mannscher Akkuratesse und Weltsattheit. Doch merkt man
bei Röhnert auch gleich, dass er, indem er diese Sprecherhaltung für sich
nutzt, ein ausgeklügeltes Spiel mit der Wahrnehmung des Lesers treibt.
Es geht, dem Titel gemäß, in die großen Städte hinein. Mit den leichten
Schritten des Flaneurs wird hier eine Erkundung unternommen, die allerdings
weniger auf die Verfasstheit der Welt abzielt, als vielmehr auf die
Befindlichkeiten des Individuums, das sich darin bewegt. Man muss die lange
Tradition der Reisegedichte nicht ins Feld führen, um verständlich zu
machen, wie aufgeladen von vorneherein die Thematik und der Umstand ihrer
Bearbeitung sind. Umso verblüffender, wie taktgenau und mit welcher
Sicherheit im Ton Röhnert zu Werke geht. Ob er sich – wenn ich an dieser
Stelle einmal das lyrische und das Autoren-Ich, entgegen aller germanistischer
Kenntnis, zusammenschweißen darf – in Paris, New York, London, Mexiko City
oder sonst wo bewegt: es klingt alles gemessen und angemessen. Und der
typische Röhnert-Sound verleiht den schillernden Gedankensträngen einen
angenehmen Drall ins Stoffliche.
Angenehmer Drall ins Stoffliche
„Hast du die verzauberten Stimmen gehört?“, heißt es in „Grünspechtsaison“,
womit gleichsam ein weiterer Aspekt der Lyrik Röhnerts in Frageform benannt
ist. Denn hier geht es weder um das reine Sehen und Erleben, auch nicht um das
Erfassen einer verloren geglaubten Subjektivität angesichts globaler Körper-
und Stadtvernetzung. Es geschieht hier – wie es sich wohl für jedes
ernsthafte gegenwärtige Gedicht gehört – eine Verschaltung des Neuen mit
dem Alten, des Authentischen mit dem Surrogat, des Individuellen mit dem
Kanonischen. Die Anrufung von Gewährsmännern, wie Cendrars,
Prousts, Cohens,
Baudelaires oder Brinkmanns, ist dabei nur ein Aspekt der Vermischung. Die
Wahrnehmung der Gedichte dehnt sich weithin aus über andere Genres wie
Fotografie, Film und Musik, die als eine Art Folie über dem Gesagten und Gefühlten
liegen. Sie erscheinen jedoch nicht nur als Zitate, vielmehr werden sie
aufgenommen in den Text als Aussage, als Naturerscheinung, die, wie die vom
lyrischen Ich durchreisten Landschaften, als Fixpunkte verstanden werden:
Orientierung im Dschungel der Verweise.
Intertextualität kommt bei Röhnert als leichtes Spiel daher. Die Oberflächen
spiegeln sich gegenseitig ab und verweisen immer wieder auf ein Gegenüber,
das wiederum nur Verweis ist. Da ist es geradezu beruhigend, wenn man Zeilen
wie diese liest: „Diese gefiederten Kehlen werden / mir immer ein Rätsel
sein.“ Die Fähigkeit des Staunens ist hier keinesfalls – wie ein
kultur-revolutionistischer Atavismus – weggebrochen, im Gegenteil, sie kann
noch immer als die Voraussetzung für das Sprechen in Versen gelten.
[...diese und weitere
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